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Full text of "Die Geisterhypothese Des Spiritismus Und"

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Geisterhypot 



und seine ... 



Eduard von 
Hartmann 



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Die Geisterhypothese 

des Spiritismus 



und seine Phantome. 



Von 



Eduard von Hartmann. 




Leipzig. 

Verlag von Wilhelm Friedrich, 
K. R. Hofbuchhändler. 

1891. 



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Alle Rechte vorbehalten! 



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Inhalt. 



Seite 

Einleitung 2 

I. Die Begründung der Geisterhypothese 9 

1. Die angebliche Unzulänglichkeit des Mediums 

für die intellektuellen Kundgebungen 9 

a. Die Gegensätzlichkeit des Kundgebungsinhalts gegen 

die Medien 9 

b. Die scheinbare Ueberlegenheit des Kundgebungsin- 
halts über die Leistungsfähigkeit des Mediums . . 27 

2. Der Spiritismus im engeren Sinne 51 

a. Der Identitätsnachweis der Geister 51 

b. Die Berechtigung und der Werth der Geisterhypothese 67 

c. Die Tragweite der Geisterhypothese 76 

IL Die Materialisationserscheinungen 90 

1. Subjektiv-ideale Erscheinungen 90 

a. Der Doppelgänger . 90 

b. Die Vereinigung psychischer und physischer Erklä- 
rungsprincipien 95 

c. Die Hallucinationshypothese 99 

2. Objektiv-reale Erscheinungen 104 

a. Die Wirkungsweise der mediumistischen Nervenkraft 105 

b. Die Gliederabgüsse 109 

c. Die Beweise für die Stofflichkeit der Phantome . . 113 

d. Tastbarkeit und Sichtbarkeit 115 

e. Phantom-Photographien 118 

f. Die Glaubwürdigkeit der Medien . 124 



136794 

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Einleitung. 



Meine kleine Schrift „Der Spiritismus", welche 
im Jahre 1885 in dem gleichen Verlage erschien, hatte 
sich eine doppelte Aufgabe gestellt. Erstens wollte 
sie den gelehrten und gebildeten Kreisen des Publikums 
die Erscheinungsgebiete, mit denen der Spiritismus sich 
beschäftigt, näher rücken, sie auf die damit verknüpften 
psychologischen, psychiatrischen und kulturgeschicht- 
lichen Interessen aufmerksam machen, und darauf hin- 
weisen, dass in dieser Masse von Täuschungen und 
Missdeutungen doch ein der Beachtung sehr würdiger 
Kern vorhanden sein müsse. Zweitens wollte sie die 
zunehmende Epidemie des spiritistischen Aberglaubens 
durch immanente positive Kritik bekämpfen, und auf 
die noch nicht geradezu fanatischen und jeder Kritik 
unzugänglichen Anhänger dieser Lehre beruhigend und 
aufklärend wirken. Der erste Theil dieser Aufgabe ist 
nur in sehr unvollkommener Weise gefördert worden, 
weil das nichtspiritistische Publikum nur ausnahmsweise 
so viel Interesse für den Titel besass, um meine Schrift 
einer Beachtung zu würdigen. Der zweite Theil der 
Aufgabe dagegen ist, wenn auch weit davon entfernt 
erfüllt zu sein, doch in einem Maasse in Fluss gerathen, 
wie ich selber kaum für möglich, gehalten hätte. Man 
hat in spiritistischen Kreisen meinen Angriff als den 
schwersten anerkannt, der je auf den Spiritismus aus- 
geführt ist, eben weil meine Kritik bedingungsweise 
auf die von ihm behaupteten Thatsachen eingeht, an- 
statt wie gewöhnlich bloss ihre Thatsächlichkeit zu be- 
kämpfen. Meine Schrift wurde in's Englische, Schwe- 
dische und Russische übersetzt und regte die lebhaftesten 
Diskussionen an. 

Hartmann, Geisterhypothese. 1 



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Zunächst veröffentlichte ich ein „Nachwort" zu meiner 
Schrift für spiritistische Leser in den „Psychischen 
Studien" 1885, Heft 11, S. 503 — 512, das meinen Stand- 
punkt im Allgemeinen präcisirte und die gegen meine 
Unbefangenheit erhobenen Bedenken abwehrte. Als- 
dann liess ich in der „Sphinx" (1887 Juliheft) eine Ent- 
gegnung gegen einen Angriff Hellenbach's erscheinen 
unter dem Titel „Geister oder Hallucinationen"? An 
diesen Artikel knüpfte sich noch eine Diskussion mit 
dem Herausgeber der Sphinx, Herrn Dr. Hübbe-Schlei- 
den. Schon vor dieser letzteren Veröffentlichung hatte 
Herr Staatsrath Aksakow, der Herausgeber der „Spiri- 
tistischen Bibliothek" in seiner Monatsschrift „Psychische 
Studien" eine gegen meine Schrift gerichtete Reihe 
von Artikeln begonnen, die sich durch mehrere Jahre 
hinzogen. Seit dem Frühjahr 1890 liegen diese Aufsätze 
nunmehr in Buchausgabe vor unter dem Titel: „Ani- 
mismus und Spiritismus. Versuch einer kritischen 
Prüfung der mediumistischen Phänomene, mit beson- 
derer Berücksichtigung der Hypothesen der Hallucina- 
tionen und des Unbewussten. Als Entgegnung auf 
Dr. E. v. Hartmann's Werk „Der Spiritismus". Zwei 
Bände mit zehn Lichtdruckbildern. Leipzig, Verlag von 
Oswald Mutze. 1890." Baron du Prel hat dieses Buch 
in der „Sphinx" (1890 Oktoberheft) als eine „Phänomeno- 
logie des Spiritismus" gefeiert, und in der That ist in 
dem Buche so ziemlich alles vereinigt zu finden, was 
die bisherige Diskussion an spiritistischen Argumenten 
gegen meine Kritik zu Tage gefördert hat. Es dürfte 
deshalb nicht überflüssig sein, zu der Beweisführung 
dieses Werkes Stellung zu nehmen, zumal Herr Aksa- 
kow in verschiedenen Punkten meiner Auffassung 
wesentliche Zugeständnisse entgegengebracht hat. Hof- 
fentlich werden die nachfolgenden Blätter für eine 
weitere Fortsetzung des begonnenen Klärungsprocesses 
im spiritistischen Lager nicht vergeblich geschrieben sein. 

Herr Aksakow will dabei nicht aus dem Auge ver- 
lieren, dass meine Schrift sich nicht mit der Thatsäch- 
lichkeit der berichteten Erscheinungen, sondern nur mit 
den aus den eventuellen Thatsachen zu ziehenden 
Schlussfolgerungen beschäftigt (S. 765), und will sich 
seinerseits gleichfalls nicht mit der Vertheidigung der 



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Thatsachen, sondern mit den Mitteln ihrer Erklärung- 
beschäftigen (S. XXIII— XXIV). Er will die Unzu- 
länglichkeit meiner Erklärungsversuche darthun, indem 
er eine Reihe von Erscheinungen aufzeigt, die mir un- 
bekannt geblieben oder nicht genügend von mir be- 
achtet worden seien und die sich durch meine Hypo- 
thesen nicht erklären lassen (S. 7 u. XXV) und will 
mich veranlassen, über die Erklärungsmöglichkeit dieser 
Thatsachen ein bedingungsweise geltendes Urtheil ab- 
zugeben, wie über die von mir gekannten und beachteten 
Thatsachen (304). Dazu gehört nun allerdings, dass die 
fraglichen Thatsachenreihen wenigstens in dem Maasse 
beachtenswerth erscheinen müssen, um sie einer ernst- 
haften, wenn auch konditionalen Diskussion zu würdigen; 
denn an ganz unglaubwürdige Berichte wird sich nie- 
mand die Mühe geben theoretische Erörterungen zu 
knüpfen. Nur in diesem Sinne kann Herr Aksakow 
auf die Feststellung der Thatsächlichkeit der fraglichen 
Erscheinungen Werth legen, wenn er der vorangestellten 
Erklärung treu bleiben will. Im Laufe der Darstellung 
sieht es allerdings manchmal so aus, als würde die 
Feststellung der Thatsächlichkeit der Erscheinungen zu 
einem wesentlichen Zweck des Buches; indessen wird 
dieser Anschein im Sinne der obigen Unterscheidung 
zu berichtigen sein. 

Es sind nun zwei Thatsachenreihen, für welche 
Herr Aksakow meine Erklärungsversuche unzulänglich 
findet, erstens die Materialisationen und zweitens die 
intellektuellen Kundgebungen, welche anscheinend von 
den Geistern Verstorbener ausgehen. Der ersten Reihe 
ist der erste Band, der zweiten Reihe der zweite Band 
gewidmet. Wenn die Berichte zutreffend sind, welche 
eine objektive Realität der Materialisationserscheinungen 
und eine physikalische Wirkungsfähigkeit derselben er- 
weisen sollen, so wird die Hallucinationshypothese in 
Bezug auf diese Erscheinungen unzulänglich und muss 
durch eine andere Hypothese ersetzt werden; das habe 
ich bereits in meiner Schrift ausgesprochen (S. 105) und 
das von Herrn Aksakow gewünschte bedingungsweise 
geltende Urtheil damit abgegeben. Ich habe nur be- 
stritten, dass die mir bekannten Berichte bis jetzt eine 
solche Ergänzung der Hallucinationshypothese durch 

1* 



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eine andere rechtfertigten, und die Aufgabe, die sich 
Herr Aksakow gestellt hat, würde sich somit dahin 
präcisiren lassen, zu zeigen, dass die Berichte, welche 
die objektive Realität der Materialisationserscheinungen 
beweisen sollen, ein gleiches Maass relativer Glaub- 
würdigkeit beanspruchen können, wie diejenigen, welche 
eine bloss subjektive Idealität der nämlichen Erschei- 
nungen voraussetzen lassen (304). 

Diese Frage ist ohne Zweifel sehr interessant, aber 
Herr Aksakow und ich sind glücklicher Weise darüber 
einverstanden, dass diese Frage ein bloss physikalisches 
oder physiologisches Interesse hat und zur Begründung 
der Geisterhypothese keinerlei Beitrag liefern kann, 
gleichviel wie ihre Beantwortung ausfallen mag. Herr 
Aksakow findet darin die Unterstützung des Herrn 
Hübbe-Schleiden, Herausgebers der Sphinx, und wenn 
meine Schrift keine andere Wirkung gehabt hätte, als 
die, die Objektivität oder Subjektivität der Phantome 
als gleichgültig für die Geisterhypothese erkennen zu 
lassen oder doch diese Einsicht zu fördern, so würde 
sie nicht vergebens geschrieben sein. Herr Aksakow 
räumt ein, dass die Phantome, welche Verstorbenen 
ähnlich sind, auch vom Standpunkt der Geisterhypo- 
these keinenfalls die wirklichen Gestalten dieser Geister 
sein können, sondern nur zeitweilige Formen, hervor- 
gebracht durch eine Anstrengung der Erinnerung und 
des Willens zum speciellen Zweck der Wiedererkennung 
{758). Auch als objektive Realität würde die Gestalt 
nicht mit dem Geiste, den sie darstellt, zusammenfallen 
oder mit ihm identisch sein (745), weder dem Stoffe 
nach, der nicht dem Geiste, sondern dem Medium 
angehört, noch auch der Form nach, die nicht die 
Form des Geistes, sondern die Form seiner früheren Ver- 
körperung ist. „Was vom» ersten Anfang an sich als 
das Einfachste und Zwingendste darstellt, dass wir vor 
uns die Erscheinung einer abgeschiedenen Seele haben 

das würde einen Schluss ziehen heissen, welchen 

ein vertieftes und kritisches Studium der Thatsachen 
noch nicht rechtfertigt. Ich will mich noch stärker aus- 
drücken: je mehr wir Materialisationen haben, desto 
mehr weicht diese Hypothese zurück — für mich 
wenigstens" (642). 



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— 5 — 

Selbst die Aehnlichkeit der Gestalt mit dem Ver- 
storbenen kann nicht als ein Beweis, sondern höchstens 
als eine zur Vervollständigung des Identitätsbe- 
weises dienende Zugabe zu dem Beweis durch den 
Vorstellungsinhalt dienen (745 — 746); diese Zugabe oder 
Vervollständigung des Identitätsbeweises stützt sich aber 
nur auf die Aehnlichkeit der Erscheinungsform, nicht 
auf die Objektivität oder Realität oder gar Materialität 
derselben, sondern hat das gleiche Gewicht bei einer 
bloss subjektiven wie bei einer objektiven Erscheinung. 
Aber selbst als Zugabe ist der Werth der Aehnlichkeit 
gerade für den Spiritisten höchst zweifelhaft, weil das 
Gebiet der Mystifikation (durch neckische und boshafte 
Menschengeister und durch nichtmenschliche Geister der 
verschiedensten Ordnungen) dem Spiritisten als uner- 
messlich gilt (752 — 753). Die Geisterhypothese kann 
sich deshalb weder auf Formähnlichkeit allein noch auf 
Förmähnlichkeit in Verbindung mit Materialität stützen, 
sondern ausschliesslich auf den Vorstellungsinhalt der 
Kundgebungen (S. XXXII, 642). 

Der zweite Band ist der Thatsachenreihe gewidmet, 
welche eventuell beweisen soll, erstens dass die Leistungs- 
fähigkeit des wachen und sonnambulen Bewusstseins 
des Mediums nicht ausreiche, um den intellektuellen 
Inhalt der Kundgebungen zu erklären, und zweitens, 
dass die hinzukommenden Intelligenzen theilweise mit 
den Geistern verstorbener Menschen identificirt werden 
können und müssen. Auch ich habe im Nachwort zu 
meiner Spiritismusschrift auf den Vorstellungsinhalt der 
Kundgebungen als auf den einzig möglichen Anhalts- 
punkt für die Vertheidiger der Geisterhypothese hinge- 
wiesen, und habe damit das Gebiet präcisirt, auf dem 
allein der Streit um die Geisterhypothese geführt wer- 
den kann und darf. Diese Erklärung steht durchaus 
nicht, wie Herr Aksakow meint (643), im Widerspruch 
zu meiner persönlichen Ansicht, welche dahin geht, dass 
unter der Voraussetzung eines in räumliche und zeit- 
liche Ferne reichenden Hellsehens kein Vorstellungs- 
inhalt denkbar sei, bei dem eine Nachhülfe von Geistern 
unerlässlich schiene. Die eine Aeusserung beschränkt 
die Diskussion auf ein bestimmtes Gebiet, die andere 
stellt meine persönliche Ansicht über das Ergebniss 



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— 6 — 

jeder auf diesem Gebiete geführten und zu führenden 
Diskussion dar. 

Da Herr Aksakow mit mir darin übereinstimmt, dass 
der Beweis der Geisterhypothese, wenn überhaupt irgend- 
wie, nur durch den intellektuellen Inhalt der mediu- 
mistischen Phänomene geliefert werden könne (643), so 
scheidet damit die Streitfrage über die subjektive Idea- 
lität oder Realität der Materialisationen und die Zu- 
länglichkeit oder Unzulänglichkeit der Hallucinations- 
hypothese ganz aus dem Bereiche des Spiritismus im 
Sinne der Geisterhypothese aus. Das physikalische und 
physiologische Interesse, welches dieser Frage anhaftet, 
steht nun in gar keiner Beziehung mehr zu dem Ge- 
müthsinteresse, das die Geisterhypothese zu erregen 
vermag, und tritt weit hinter dieses Interesse zurück. 
Man kann an die Fortdauer der Seelen und an die 
telepathische und telephanische Einwirkung der abge- 
schiedenen Geister auf diejenigen der Lebenden glau- 
ben, also Spiritist sein, ohne an die objektive Realität 
der erscheinenden Gestalten zu glauben, und man kann 
umgekehrt an die objektive Realität von Materialisa- 
tionserscheinungen glauben, ohne ihre Ursache wo an- 
ders als im Medium zu suchen, also ohne Spiritist zu 
sein. Beide Fragen liegen auf getrennten Gebieten, 
und sind deshalb auch getrennt zu behandeln; die po- 
sitive oder negative Entscheidung der einen kann kein 
Präjudiz für die der andern abgeben. Wenn z. B. der 
erste Band des Herrn Aksakow den Leser von der ob- 
jektiven Realität der Phantome überzeugen sollte, so 
würde darin doch nicht der mindeste Grund liegen, der 
Geisterhypothese gegenüber eine andere Stellung ein- 
zunehmen, als wenn der Beweis des ersten Bandes 
misslungen wäre. Ich werde deshalb den zweiten 
Band, als den wichtigeren, zuerst betrachten. , 

Herr Aksakow wünscht die Bezeichnung „Spiritis- 
mus" auf solche Erscheinungen zu beschränken, bei denen 
körperlose Geister als wesentlich Mitwirkende ange- 
nommen werden müssen, und diese Einschränkung der 
Bedeutung ist nur zu loben, da sie sich an den eigent- 
lichen Wortsinn hält. Für die Mehrzahl der Erschei- 
nungen, unter welche grade die gewöhnlichsten ge- 
hören, scheint ihm die Annahme einer Mitwirkung von 



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Geistern neben dem Medium nicht erforderlich (644, 
341), und er schlägt für diese die Bezeichnungen Per- 
sonismus und Animismus vor, je nachdem die Wirkun- 
gen innerhalb oder ausserhalb des Mediums zur Er- 
scheinung gelangen. Da sich in der Archäologie, 
Ethnologie und vergleichenden Religionswissenschaft 
das Wort Animismus für den Glauben an Ahnenseelen 
und für den Ahnenkultus bereits eingebürgert hat und 
hier mit Spiritismus zusammenfällt, so wird es schwer 
halten, es von dieser ihm anhaftenden Nebenbedeutung 
wieder zu trennen. Was Herr Aksakow Personismus 
nennt, dürfte sich häufig genug mit Hypnotismus oder 
Sonnambulismus decken. Falls der Spiritismus im en- 
geren Sinne eine unberechtigte Hypothese ist, fällt der 
nach Herrn Aksakow alle drei Gebiete umspannende 
Mediumismus mit -dem Personismus und Aiiimismus 
des Herrn Aksakow zusammen und kann dann diese 
Bezeichnungen in geeigneter Weise ersetzen. 

Es fragt sich nun, ob genügende Merkmale auf- 
gestellt werden können, um die bloss mediumistischen 
Erscheinungen von den spiritistischen im engeren Sinne 
zu unterscheiden und den Nachweis zu fuhren, dass 
eine Reihe von Beispielen nicht ohne Mitwirkung von 
Geistern, durch diese aber auch in befriedigender Weise 
erklärt werden könne. An dieser Darlegung hängt 
die Existenzberechtigung des Spiritismus, und es ist 
deshalb zu verwundern, dass noch niemand bisher sich 
dieser Aufgabe unterzogen hat, auch solche spiritistische 
Forscher und Denker nicht, denen ich die Dringlich- 
keit dieser Leistung für die Behauptung ihres Stand- 
punktes privatim und öffentlich wiederholt an's Herz 
gelegt hatte, und von denen ich in jeder neuen Ver- 
öffentlichung vergebens die Lösung dieser ihnen zu- 
nächst liegenden Aufgabe erwartete. Herrn Aksakow 
gebührt das Verdienst, die Lösung dieser Lebensfrage 
des Spiritismus zuerst und bis jetzt als der einzige 
unternommen zu haben. 

Herr Aksakow ist gegenwärtig wohl der beste Ken- 
ner der modernen spiritistischen Literatur; man darf des- 
halb annehmen, in seiner wohlgeordneten Zusammen- 
stellung alles Wesentliche berücksichtigt zu finden, was 
bisher veröffentlicht ist. Sollte sich herausstellen, dass 



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— 8 — 

dieses Material der Geisterhypothese keine ausreichende 
Stütze bietet, so wird man darauf rechnen dürfen, dass 
diese Hypothese wenigstens vorläufig (d. h. bei dem 
heutigen Stande der spiritistischen Manifestationen) un- 
haltbar ist, und dass dieses Ergebniss durch eine Nach- 
lese von Beispielen, die Herrn Aksakow entgangen 
sein könnten, riicht merklich beeinflusst werden würde. 



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I. Die Geisterhypothese. 



I. Die angebliche Unzulänglichkeit des Mediums für 
die intellektuellen Kundgebungen. 

Herr Aksakow macht zwei Gruppen von Erschei- 
nungen dafür geltend, dass die intellektuelle Ursache von 
gewissen Kundgebungen nicht im wachen oder sonnam- 
bulen Bewusstsein des Mediums selbst gesucht werden 
dürfe: erstens einen gewissen Gegensatz zwischen dem 
Inhalt der Kundgebungen einerseits und dem Willen, 
den Ueberzeugungen, den Gefühlen und dem Charakter 
des Mediums andrerseits (347 — 405) und zweitens eine 
Ueberlegenheit des Kundgebungsinhalts über die 
Leistungsfähigkeit, Erkenntnissfähigkeit und Bildungs- 
stufe des Mediums (405 — 551). 

a. Die Gegensätzlichkeit des Kundgebangs- 
inhalts gegen die Medien. 
Was zunächst den Gegensatz des Kundgebungs- 
inhalts gegen den Willen, die Ueberzeugungen, die 
Gefühle und den Charakter des Mediums betrifft, so ist 
zu unterscheiden zwischen drei Arten von Gegensätzen, 
erstens solchen, die innerhalb des wachen Bewusstseins 
Platz finden, zweitens solchen, deren Glieder sich auf 
das wache und sonnambule Bewusstsein vertheilen, und 
drittens solchen, die innerhalb des sonnambulen Bewusst- 
seins sich abspielen. Herr Aksakow hält den mensch- 
lichen Geist für einheitlicher und gegensatzloser als er 
ist. Welche Kämpfe zwischen einander widerstreiten- 
den Ueberzeugungen, Gefühlen, Wünschen und Bestre- 
bungen zeigt uns allein das wache Bewusstsein! Und 
wie oft täuschen wir uns über den vorläufigen Austrag 
solcher Kämpfe, indem wir nur die Oberströmungen 



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IO 

beobachten und das geheime Wirken und Wachsen der 
Unterströmungen unbeachtet lassen, bis sie an einem 
entscheidenden Wendepunkte zu unserer eigenen Ueber- 
raschung hervorbrechen, und uns zeigen, dass wir ein 
anderer sind in unserm Meinen und Wünschen als wir 
eigentlich gedacht haben! Solche Unterströmungen von 
oberflächlich zurückgedrängten Ueberzeugungen, Hoff- 
nungen, Befürchtungen, Wünschen und Charakterzügen 
können dann autosuggestiv auf das sonnaml?ule Be- 
wusstsein einwirken und einen Vorstellungsinhalt der 
Kundgebungen zu Tage fördern, der uns ebenso über- 
raschend kommt,*) wie es manchmal unsre Entschlüsse 
bei entscheidenden Handlungen sind. 

Woher solche Unterströmungen im Geiste stam- 
men, ist oft ganz unkontrolirbar; nicht immer sind es 
zurückgedrängte Resultanten früherer Entwickelungs- 
phasen, die bei gelegener Zeit von Neuem ihr Recht 
verlangen; oft sind es auch Vorstufen einer neuen Ent- 
wickelungsphase des individuellen Lebens, die allmäh- 
lich eine Umwälzung vorbereiten. Es krystallisirt im 
Geiste unter der Oberfläche immer neuer Stoff an, bis 
endlich die Krystalle über die Oberfläche des Bewusst- 
seins hervorwachsen. Mitunter gehen solche geistige 
Umwälzungen mit organischen Veränderungen (z. B. 
dem Erwachen und Erlöschen der Geschlechtsfunktionen) 
Hand in Hand und gleichen ihnen in der Allmählich- 
keit der unbemerkten Vorbereitung; oft aber sind sie 
auch anscheinend unabhängig von solchen. Nicht 
selten handelt es sich um einen Kampf zwischen Natur 
und Dressur, wo die natürliche Anlage die anerzogenen 
und durch die Umgebung aufgedrängten Ansichten 
durchbricht. Oft aber ist es auch der Hang zum Aber- 
glauben, der aus Scham vor der öffentlichen Meinung 
einer aufgeklärten Zeit sich in allerlei Schlupfwinkel 
verkrochen hat und bei passender Gelegenheit sich un- 
willkürlich verräth oder Trotz bietend hervortritt. Steckt 
doch selbst in dem aufgeklärtesten Menschen ein sol- 
cher atavistischer Hang zum Aberglauben, der allem 
seinem sonstigen Denken und Meinen widerspricht. 



*) Ein gutes Beispiel hierfür liefert Herr Aksakow S. 374 — 377 
in Bezug auf die theologischen Ueberzeugungskämpfe eines Frommen. 



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II — 



Je weiter sich diese Unterströmungen von dem 
wachen Bewusstsein entfernen, d. h. je schwerer sie von 
diesem bei ausdrücklich auf sie gerichteter Aufmerk- 
samkeit zu erfassen sind, desto mehr nähern sie sich 
der Sphäre des sonnambulen Bewusstseins und gehen 
zuletzt ganz in dieselbe über. Waches und sonnam- 
bules Bewusstsein stehen beim gesunden Menschen in 
einer ähnlichen Harmonie, wie alle Glieder des gesun- 
den Organismus; aber diese Harmonie schliesst Gegen- 
sätze nicht aus, sondern ein. Tritt nun eine Decen- 
tralisation oder gar Desorganisation im Nervensystem 
ein, so wird das einheitliche Band der Harmonie ge- 
schwächt und die von ihm sonst gebundenen Gegen- 
sätze entfesselt. Da aber immerhin beide Theile Glie- 
der desselben Individuums bleiben, so kann auch der 
entfesselte Gegensatz kein absoluter werden, der jede 
Uebereinstimmung ausschlösse. Allerdings verliert der 
Wille des wachen Bewusstseins seine unmittelbare Macht 
und seine reflexhemmende Kraft über die mittleren 
Hirntheile; aber seine gefühlsmässigen Interessen, die 
mit dem Mittelhirn enger verwachsen sind als der ab- 
strakte reflektirte Wille, und die aus ihnen entsprin- 
genden, theils bewussten, theils unbewussten oder halb- 
bewussten Wünsche fahren fort, das sonnambule Be- 
wusstsein zu beeinflussen, d. h. ihm in bewusster oder 
unbewusster Weise Autosuggestionen zu ertheilen. 

Wie ein Individuum durch wiederholte Hypnotisi- 
rung zur willigen Aufnahme von Fremdsuggestionen 
und zur Unterdrückung aller etwaigen autosuggestiven 
Velleitäten erzogen werden kann, so auch kann ein 
Individuum sich selbst zur Fernhaltung und Abwehr 
von Fremdsuggestionen und zur immer pünktlicheren 
Befolgung von Autosuggestionen erziehen, und kann 
darin indirekt von Anderen unterstützt werden. Das 
erste ist die hypnotische, das zweite die mediumistische 
Erziehung oder die Entwicklung der mediumistischen 
Anlagen. Die grösste Rolle spielt beim Mediumismus 
die unbestimmte Suggestion, d. h. der Wunsch, dass 
etwas vom sonnambulen Bewusstsein ausgeführt werden 
soll, was den Zuschauern wunderbar erscheint, gleich- 
viel was. Die unbestimmte Autosuggestion kann auf 
einen immer engeren und engeren Kreis begrenzt 



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werden, so z. B. bei Sitzungen, in denen Materialisationen 
oder fernwirkende Schrift oder Erscheinungen aus be- 
stimmten anderen Gebieten gewünscht und erwartet 
werden. Immer wird aber ein gewisser Spielraum ge- 
lassen werden müssen, weil das sonnambule Bewusst- 
sein nur beeinflusst, nicht kommandirt werden kann, 
und das Eintreten genau vorher bestellter Erscheinungen 
erregt stets den Verdacht der Täuschung. 

Nur bei wenigen Medien ist die Erziehung zur 
Autosuggestion so vorgerückt, dass nicht ganz uner- 
wartete Zwischenfälle und Seitensprünge des sonnam- 
bulen Bewussteins eintreten. Das Krankhafte der ner- 
vösen Decentralisation bekundet sich oft genug auch 
in körperlichen Krankheitserscheinungen, wie Krämpfen 
u. dgl. Da ist es denn kein Wunder, wenn das von 
der Herrschaft des wachen Bewusstseins emancipirte 
sonnambule Bewusstsein auch bestrebt ist, seine Eigen- 
art zur Geltung zu bringen. Stimmen die suggestiven 
Wünsche des wachen Bewusstseins mit seinen eigenen 
überein, so ist es um so besser; wo nicht, trotzt es 
allen Versuchen der Autosuggestion, wie so viele Hyp- 
notisirte jedem Versuch einer Fremdsuggestion Wider- 
stand leisten. Auch bei dem künstlichen Sonnambuüs- 
mus sieht man oft genug, dass der Charakter, das 
Temperament, die Gefiihlsweise und die Ueberzeugungen 
des sonnambulen Bewusstseins mehr oder weniger von 
denen des wachen abweichen und zu ihm in Gegensatz 
treten; bald zeigt das eine, bald das andere die edlere 
und bessere Seite der Gesammtindividualität. Man 
weiss, wie missachtend und wegwerfend bisweilen die 
sonnambule Persönlichkeit sich über das Wesen der mit 
ihr verbundenen wachen äussert; andererseits kommen 
aber auch hässliche Charakterzüge und schlechte Nei- 
gungen im sonnambulen Bewusstsein offen zum Vor- 
schein, die im wachen Bewusstsein unterdrückt oder 
verschleiert sind. 

Der vorhandene Gegensatz wird durch die drama- 
tische Spaltung und die symbolische Personifikations- 
tendenz des sonnambulen Bewusstseins zum Antagonis- 
mus zweier in demselben Individuum aneinandergekop- 
pelter Persönlichkeiten aufgebläht. Ist der Charakter 
des sonnambulen Bewusstseins der edlere, so mag 



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— 13 — 

daraus eine Tendenz der mediumistischen Kundgebun- 
gen auf Veredelung, sittliche Erziehung und religiöse 
Erhebung des wachen Bewusstseins entspringen. Ent- 
hüllt aber das sonnambule Bewusstsein einen boshaften 
oder neckischen, eigensinnigen, tückischen, grausam- 
keitslüsternen Charakter, so werden alle diese Züge 
sich gegen die antagonistische Persönlichkeit kehren, 
und die Kundgebungen werden sich zur Neckerei, 
Chicane, Quälerei und Verfolgung gestalten müssen. 
Selbst Hysterische, die nicht Medien sind, zeigen oft 
den krankhaften Hang, sich selbst zu quälen und sich 
Schmerzen, ja sogar körperliche Gefahren zu bereiten, 
obwohl es dasselbe Bewusstsein ist, welches den Scha- 
den leidet und sich zufugt. Wie sollte da die nämliche 
Erscheinung bei der Vertheilung des Leidenden und 
des Handelnden auf zwei Bewusstseine in demselben 
Individuum Wunder nehmen! Stellt sich bei einem 
nervös zerrütteten Menschen Verfolgungswahn ein, so 
kann dieser Wahn bei irgend welcher, wenn auch bis- 
her latenter mediumistischer Anlage als autosuggestiver 
Anreiz auf das sonnambule Bewusstsein wirken und es 
zur Produktion physikalischer Kundgebungen erregen, 
die von dem wachen Bewusstsein des Kranken als 
spukhafte Verfolgung durch übelwollende Geister ge- 
deutet werden müssen (S. 366—373). 

Das wache Bewusstsein scheint keinerlei ungewöhn- 
liche Wirkungen hervorbringen zu können ohne Hülfe 
des sonnambulen Bewusstseins; das sonnambule Be- 
wusstsein dagegen bringt solche Erscheinungen hervor 
ohne Hülfe des wachen Bewusstseins, und am besten, 
wenn es von diesem gar nicht gestört wird, d. h. wenn 
dasselbe unterdrückt ist. Wo das wache Bewusstsein 
ungewöhnliche Erscheinungen hervorzubringen scheint 
(z. B. Vorstellungsübertragung), da wird man wahr- 
scheinlich annehmen müssen, dass durch die innere 
Koncentration des Willens auf eine Vorstellung diese 
zunächst dem sonnambulen Bewusstsein imprägnirt, und 
dann erst aus dem sonnambulen Bewusstsein des einen 
Menschen in das des anderen übertragen wird. Wem 
die Fähigkeit fehlt, durch Koncentration des Willens 
auf eine Vorstellung zunächst sein eigenes sonnambules 
Bewusstsein zu afficiren und in Mitleidenschaft zu ziehen, 



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— 14 — 

der wird auch bei Versuchen zur Vorstellungsüber- 
tragung immer nur negative Ergebnisse erzielen. 

Jedenfalls kann es nicht als erwiesen gelten, dass 
das wache Bewusstsein unmittelbar und ohne Ver- 
mittelung des darunterliegenden sonnambulen Bewusst- 
seins Vorstellungsübertragung bewirken könne, wie 
Herr Aksakow anzunehmen scheint (576, 580). 

In noch höherem Maasse gilt dies für Einwirkungen 
auf die vegetative Sphäre des eigenen Organismus, 
z. B. das Hervorrufen von Katalepsie in einem Gliede, 
oder von Röthe oder Blasenbildung auf einer bestimm- 
ten Hautstelle. Es ist hier offenbar die Autosuggestion 
das einzige, was dem wachen Bewusstsein offen steht; 
ob aber das sonnambule Bewusstsein die Suggestion 
annimmt und ausfuhrt, hängt von ihm ab. Bei den 
physikalischen Erscheinungen mediumistischer Art 
scheint bis jetzt die Selbsterziehung der Medien zur 
Ausführung von Autosuggestionen noch nicht über 
eine mehr oder weniger unbestimmte Suggestion mit 
engerem oder weiterem Spielraum der Ausführung 
hinausgelangt zu sein. Wenigstens giebt Herr Aksakow 
an, dass noch kein Medium Klopf laute nach Willkür er- 
zeugt habe (463), woraus zu schliessen wäre, dass alle 
willkürlich erzeugten Klopflaute unechte Imitationen sind. 

Wenn das Medium im sonnambulen Zustand Auf- 
schluss ertheilt über frühere eigene Leistungen, so ist 
damit bewiesen, dass sein sonnambules Gedächtniss 
diese Leistungen umspannt, also bei ihnen irgendwie 
betheiligt war. Herr Aksakow glaubt diesen Satz um- 
kehren und folgern zu dürfen, dass das sonnambule 
Bewusstsein des Mediums bei einer Leistung nicht 
betheiligt gewesen sei, wenn das Medium im sonnam- 
bulen Zustand keine genaue Auskunft über dieselbe 
geben kann (448 — 450). Diese Umkehrung ist logisch 
unzulässig. Das Medium im sonnambulen Zustand kann 
entweder nicht antworten wollen, oder physisch ausser 
Stande sein, seine Sprach Werkzeuge zum Sprechen in 
Bewegung zu setzen,*) oder durch andere Vorstellungen 
so präockupirt sein, dass es sich nicht auf das Ge- 



*) Dies lag offenbar in dem Beispiel auf S. 450 vor, wie Zeile 1 
erkennen lässt. 



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— 15 — 

wünschte erinnern kann, oder so zerstreut und lethar- 
gisch benommen sein, dass ihm das sonnambule Ge- 
dächtniss versagt, oder es kann in einer Weise befragt 
werden, welche gerade von seinen bezüglichen Ge- 
dächtnissassociationen keine einzige auslöst, oder es kann 
aus irgend welchem Grunde während der früheren 
Leistung mit seinem sonnambulen Bewusstsein zerstreut 
gewesen sein und sich dieselbe nicht fest genug in's 
Gedächtniss eingeprägt haben, um sich ihrer wieder zu 
erinnern, oder es kann endlich der sonnambule Zustand 
während der Leistung verschieden von dem sonnam- 
bulen Zustand während der Befragung gewesen sein. 
Dagegen würde die Konkurrenz einer Fremdsuggestion 
(komme sie nun von Seite eines Menschen oder Geistes) 
mit Autosuggestionen nicht hindern, dass der Inhalt 
dieser Fremdsuggestion vom sonnambulen Bewusstsein 
aufgenommen und im Gedächtniss bewahrt werde, da 
sie nur dann ausgeführt werden kann, wenn sie vom 
sonnambulen Bewusstsein aufgenommen ist. 

Aus der späteren Erinnerung des sonnambulen Be- 
wusstseins an eine frühere Leistung würde sich also 
niemals feststellen lassen, ob der Impuls zu derselben 
durch eine Fremdsuggestion (von anderen Menschen 
oder Geistern) oder durch eine Autosuggestion aus 
einer andern Sphäre der eigenen Individualität, oder 
durch einen zufälligen organischen Reiz in den das son- 
nambule Bewusstsein tragenden Hirntheilen, oder durch 
eine spontane Laune oder zufällige Vorstellungsassocia- 
tion des sonnambulen Bewusstseins ertheilt worden 
ist. Die Auswahl unter diesen Möglichkeiten ist aber 
reich genug, um auf die Fremdsuggestion körperloser 
Greister verzichten zu können (vgl. 450 — 452). Die 
Launen, Einfälle, plötzlichen Gedankensprünge, Unter- 
Drechungen (vgl. 454), Mucken, eigensinnigen Capricen 
ind Capriolen des sonnambulen Bewusstseins, das den 
Zügel des wachen Bewusstseins hinter die Zähne ge- 
lommen hat, sind ebenso unberechenbar wie die einer 
iysterischen, und sein Eigensinn im Verfolgen des 
inmal aufgegriffenen Einfalls nicht geringer. Das 
chliest nicht aus, dass auf gewissen Strecken des ge- 
lanklichen Fortschreitens auch das sonnambule Be- 
wusstsein einen klugen Verstand und gewandte Korn- 



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— i6 — 

binationen bethätigt, genau in demselben Sinne, wie 
man das oft bei Irrsinnigen beobachten kann, wenn 
man auf ihre Voraussetzungen eingeht, oder wie es 
auch im Traume streckenweise ganz vernünftig zugeht, 
bis der Unsinn wieder dazwischen fährt. 

Anders stellt sich die Sache, wenn nicht der dem 
sonnambulen Bewusstsein eigenthümliche Charakter als 
solcher zu Tage tritt, sondern die Rolle einer andern 
Person gespielt wird. Es ist bekannt, wie bereitwillig 
Hypnotisirte auf die Fremdsuggestion eingehen, eine 
andre Person (z. B. Napoleon, ein kleines Kind, ein 
alter Schulmeister u. s. w.) zu sein, mit welcher Virtuo- 
sität sie sich in den Vorstellungs- und Gefühlskreis 
einer solchen Person versetzen und mit welcher zähen 
Konsequenz sie einen solchen fingirten Personenwechsel 
gegen alle Versuche der Störung und Ueberrumpelung 
festhalten. Ein solcher Personenwechsel im sonnam- 
bulen Bewusstsein kann nun aber bei einem auf Auto- 
suggestionen geschulten Medium auch durch willkür- 
liche oder unwillkürliche Eingebung des wachen Be- 
wusstseins stattfinden, und nicht minder kann er aus 
spontaner Laune des sonnambulen Bewusstseins ent- 
springen. Den nächsten Anlass dazu bietet der Um- 
stand, dass das sonnambule Bewusstsein bei gestörter 
Centralisation des Organismus sich als eine andre Per- 
son dem wachen Bewusstsein gegenüberstellt, und zur 
Bezeichnung seines Andersseins auch einen anderen 
Personennamen aufsucht und auf sich anwendet. Hier- 
mit ist der Grund zum unbestimmten Personenwechsel 
gegeben, und es fragt sich nur, woher die nähere 
Bestimmung der Persönlichkeit kommt. 

Diese Frage gleicht vollständig jener andern, woher 
die nähere Bestimmung einer fixen Idee oder einer 
Wahnvorstellung kommt, wenn einmal die krankhafte 
Disposition und die Nöthigung zur Bildung irgend 
welcher fixen Ideen oder Wahnvorstellungen gegeben 
ist. In beiden Lagen sind es zufällige äussere Anlässe, 
oder zufällige Reizungen an bestimmten Stellen des 
Centralorgans, oder zufällige Vorstellungsassociationen, 
die den Anstoss zur-Fixirung einer genauen Bestim- 
mimg geben, hier für die anzunehmende Persönlichkeit, 
dort für die anzunehmende Wahnvorstellung. Bald ist 



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— 17 — 

es ein Schutzgeist oder Schutzengel, bald ein böser 
Dämon, bald eine berühmte historische Persönlichkeit, 
bald ein Geschöpf der frei schaltenden Traumphantasie, 
in welche das sonnambule Bewusstsein sich verkleidet. 
Jede einmal angenommene Rolle führt es mit einer 
gewissen vernünftigen Konsequenz sowohl in Bezug 
auf Charakter und Denkweise wie in Bezug auf Ma- 
nieren und Gewohnheiten durch. Aber zu verschiedenen 
Zeiten und unter dem Einfluss verschiedener Anlässe, 
Associationen und suggestiver Interessen verkleidet es 
sich in verschiedene Personen, deren einige mehr, die 
anderen weniger Zähigkeit in der Wiederkehr haben. Ver- 
V kehrt das sonnambule Individuum in seinen sonnam- 
bulen Zuständen dauernd mit den gleichen Zuschauern, 
so knüpft es auch wohl persönliche Verhältnisse zu 
denselben an im Charakter der fingirten Persönlichkeiten. 
Die Laune des sonnambulen Bewusstseins, oder ein 
Wechsel in den pathologischen Zuständen des Nerven- 
systems oder eine Aenderung in der Tiefe und sonsti- 
gen Beschaffenheit der sonnambulen Zustände kann 
leicht dazu fuhren, eine lange Zeit hindurch benutzte 
Persönlichkeit oder Maske endlich bei Seite zu schieben, 
und das Vorgefühl dieses Wechsels in der Verkleidung 
des sonnambulen Bewusstseins in Verbindung mit der 
zwischen ihr und den Zuschauern angeknüpften Ge- 
müthsverhältnisse kann das Medium leicht dazu fuhren, 
dieser ausgedienten Figur einen sentimentalen Abgang 
im Charakter der Rolle zu bereiten. 

Die dramatische Wandlungs- und Spaltungsfähig- 
keit des sonnambulen Bewusstseins ist aber damit 
keineswegs erschöpft. Die Figuren, welche zuerst ge- 
trennt in verschiedenen Krisen auftreten, können auch 
innerhalb derselben Krise mit einander abwechseln, in- 
dem die eine sich empfiehlt und die andre auf die Bühne 
des sonnambulen Traumbewusstseins tritt. Wie der 
Irrsinnige bald hier bald dort Stimmen hört, die in ver- 
schiedenem Charakter auf ihn einreden, so können auch 
die Einflüsse, welche im sonnambulen Zustande die 
Glieder und Sprach Werkzeuge beherrschen, in kapriciöser 
Weise sich ablösen und durchkreuzen. Wie wir im 
Traume uns in verschiedene Traumfiguren spalten und 
doch die Reden einer jeden derselben unbewusst aus 

Hartmaiin, Geisterhypothese. 2 



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— i8 — 

unseren eigenen Geistesmitteln beschaffen, so kann auch 
das sonnambule Bewusstsein sich in mehrere Traum- 
figuren spalten, die alle ihre Kundgebungen aus den 
Mitteln dieses einen Bewusstseins unbewusst besteiten, 
von denen aber in der Regel nur eine als der jeweilige 
Träger des sonnambulen Traum-Ich erscheint 

In dieses spontane Phantasiegespinnst des sonnam- 
bulen Traumbewusstseins greifen nun auch andere Ein- 
flüsse theils modificirend theils unterbrechend und neu 
anhebend ein, nämlich erstens die Autosuggestionen 
und zweitens die telepathischen Eindrücke. Fremd- 
suggestionen im gewöhnlichen Sinne werden nur bei 
unerzogenen Medien konkurrirend eingreifen können, 
weil ausgebildete Medien sich gegen solche gefestigt 
und verhärtet haben. Die etwaigen Wünsche der An- 
wesenden werden bei der Einkleidung in Worte vom 
sonnambulen Medium entweder wegen mangelnden 
Rapports gar nicht gehört, oder von seinem neben dem 
sonnambulen fortbestehenden wachen Bewusstsein auf- 
gefasst, geprüft und je nach Befund zurückgewiesen 
oder in eigne Wünsche von autosuggestiver Wirkung 
umgewandelt. Eine gewisse autosuggestive Leitung 
des sonnambulen Traumverlaufs und der mit ihm ver- 
knüpften Bethätigungen pflegt sich das fortdauernde 
wache Bewusstsein des Mediums zu bewahren zum 
Zweck eines zufriedenstellenden Verlaufs der Sitzung, 
und je ausgebildeter das Medium ist, desto mehr wird 
es mit seinem wachen Bewusstsein über das sonnam- 
bule autosuggestiv herrschen, ohne ihm den nöthigen 
Spielraum zur selbstthätigen Entfaltung durch allzu be- 
stimmte Autosuggestionen zu verkümmern. Wo das 
wache Bewusstsein suspendirt oder zu tief deprimirt ist, 
um während der Bethätigung des sonnambulen Bewusst- 
seins autosuggestive Direktive zu ertheilen, da muss die 
Autosuggestion bei Beginn der Sitzung das Nöthige 
thun, d. h. den allgemeinen Zweck der Sitzung, ihre 
Dauer u. s. w. vorzeichnen. Dass dies möglich ist, be- 
weisen die Versuche mit Fremdsuggestionen, nach denen 
die Dauer des sonnambulen Zustandes und der allge- 
meine Inhalt und Verlauf des Traumes auf einmal in 
Bausch und Bogen vorgeschrieben werden kann. Auch 
die Autosuggestion des Aufwachens aus dem gewöhn- 



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— IQ — 

liehen Schlaf zu bestimmter Zeit gewährt eine erläu- 
ternde Analogie. 

Die allgemeine Autosuggestion eines zur Sitzung 
sich anschickenden Mediums schliesst auch den geistigen 
Rapport mit den Cirkelsitzern ein. So wenig das son- 
nambule Bewusstsein des Mediums unmittelbar von den 
Reden der Anwesenden berührt wird, so stark ist seine 
Aufmerksamkeit auf Empfindungs- und Vorstellungs- 
eindrücke gespannt, und darum geeignet, unausge- 
sprochene Wünsche derselben wie Fremdsuggestionen 
zu berücksichtigen, auf unausgesprochene Fragen Ant- 
worten zu ertheilen und ihre Phantasiebilder von An- 
gehörigen u. s. w. in sich zu rekonstruiren. Der Grad 
des Rapports für diese geistige Aufnahmefähigkeit wird 
in Bezug auf verschiedene Anwesende verschieden sein, 
je nach der Sympathie oder Antipathie, die sie dem 
Medium einflössen. 

Die allgemeine unbestimmte Autosuggestion zur 
Aufmerksamkeit des sonnambulen Bewusstseins auf 
etwaige Einflüsse der Vorstellungsübertragung kann 
auch über den Kreis der Anwesenden hinaus hinaus- 
greifen und zu Unterbrechungen des spontanen Traum- 
verlaufs durch telepathische Einflüsse abwesender und 
entfernter Personen fuhren, insbesondere wenn dieselben 
gleichzeitig ihre Phantasie und ihren Willen auf die 
Cirkelsitzung und deren Medium richten, oder gar den 
Willen der Uebertragung von Vorstellungen haben. 
Unter welchen Bedingungen ein Rapport zwischen Ent- 
fernten möglich ist oder nicht, ist noch nicht genügend 
aufgeklärt, um positive oder negative Behauptungen 
darüber aufzustellen. Jedenfalls kann durch telepathi- 
schen Einfluss die Aufmerksamkeit des sonnambulen 
Bewusstseins zeitweilig so in Anspruch genommen wer- 
ien, dass der Personenwechsel desselben für die Dauer 
lieses Einflusses bei Seite geschoben, beziehungsweise 
las jeweilige Traum-Ich durch eine dem telepathischen 
iinfluss entsprechende Traumfigur vorübergehend er- 
etzt "wird, bis mit dem Aufhören des telepathischen 
Einflusses der unterbrochene Traum sich weiterspinnt, 
►der auch neu anhebt (546 — 548, 454, 646). 

Der Sonnambulismus unterscheidet sich dadurch 
r om Traumbewusstsein des gewöhnlichen Schlafes, 

2* 



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— 20 — 

erstens dass im ersteren das Traumbewusstsein die 
Herrschaft über den Organismus und seine willkürlichen 
Muskeln (indirekt wohl auch über die unwillkürlichen 
Muskeln und Gewebe) hat, d. h. dass er ein mit Traum- 
handlungen verbundener Traum ist, und zweitens, dass 
er den Sinneseindrücken des Organismus insoweit zu- 
gänglich ist, als Rapport besteht. Ein natürlicher 
Schlaf, der Traumhandlungen und Sinneswahrnehmun- 
gen zeigt, ist schon Uebergangsstufe zum Sonnambulis- 
mus, wenn er nicht Uebergangszustand zwischen Schlaf 
und Wachen ist. Im Sonnambulismus herrscht das 
sonnambule Bewusstsein allein über den Organismus, 
wenn das wache ganz unterdrückt ist; es muss sich 
mit dem letzteren in die Herrschaft über den Körper 
theilen, wenn dasselbe neben ihm fortbesteht. Diese 
Theilung kann in verschiedener Weise vollzogen sein, 
nämlich als Gebietsscheidung, oder als Konkurrenz auf 
gleichem Gebiet, oder als Mischung beider Theilungs- 
arten. 

Eine halbseitig gelähmte Hysterische nimmt die 
Tastempfindungen ihrer nicht gelähmten Körperhälfte 
in's wache Bewusstsein, die der nicht gelähmten nur 
in's sonnambule Bewusstsein auf (wie z. B. die Ueber- 
tragung solcher relativ unbewusster Tasteindrücke in 
bewusste Gesichtseindrücke beweist); sie beherrscht die 
nicht gelähmte Seite mit dem Willen des wallen Be- 
wusstseins, die gelähmte mit dem des sonnambulen 
Bewusstseins (wie die unwillkürlichen und unbewussten 
Koordinationsbewegungen der gelähmten Glieder be- 
weisen, welche durch unempfundene Tastreize ausgelöst 
werden können, z. B. Schneide- und Schreibbewegungen 
mit unversehens in die Hand geschobener Scheere oder 
Bleifeder). In dasselbe Verhältniss zum wachen und 
sonnambulen Bewusstsein wie der gelähmte Arm einer 
Hysterischen kann jedes Glied eines Gesunden durch 
lokale hypnotische Katalepsie versetzt werden. In dieser 
Weise kann das sonnambule Bewusstsein über die 
schreibende Hand des kataleptischen Armes herrschen, 
von deren Schreiben das wache Bewusstsein nichts 
weiss noch fühlt, während gleichzeitig das wache Be- 
wusstsein Herr der oberen Sinne und der Sprachwerk- 
zeuge bleibt, also mit den Anwesenden eine Unterhal- 



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21 

tung fuhren kann. Es kann auch die linke Hand vom 
sonnambulen Bewusstsein beherrscht schreiben, während 
die rechte Hand vom wachen Bewusstsein beherrscht 
schreibt. Oder es kann das sonnambule Bewusstsein 
vermittelst Klopf laute Botschaften buchstabiren, während 
das wache Bewusstsein mit der Hand schreibt und mit 
dem Munde spricht und jene Klopflaute zwar hört aber 
nicht versteht. 

Die Konkurrenz des wachen und sonnambulen Be- 
wusstseins um dasselbe Herrschaftsgebiet im Organis- 
mus wird sich als ein unsicheres Schwanken in den 
betreffenden Bewegungen darstellen, als ein Ringen 
zweier sich kreuzender Einflüsse mit einander, in dem 
bald der eine, bald der andere überwiegt, oder beide 
sich abwechselnd verdrängen. Diese Konkurrenz ist 
natürlich für mediumistische Leistungen störend, und 
deshalb muss die mediumistische Erziehung darauf ge- 
richtet sein, sie durch Gebietsscheidung zu ersetzen. 

Wenn das wache und sonnambule Bewusstsein 
nebeneinander bestehen, und insbesondere das wache 
Bewusstsein die Herrschaft über Auge, Ohr und Sprach- 
werkzeuge behauptet, so macht das Medium bei ober- 
flächlicher Betrachtung den Eindruck, als befinde es 
sich im normalen Zustande. Dies ist aber bloss Schein. 
Das Nebeneinanderbestehen von wachem und sonnam- 
bulem Bewusstsein mit Gebietsscheidung für die Herr- 
schaft beider ist eben kein normaler Zustand. Weil 
der Sonnambulismus sich hier hinter der Maske des 
normalen Zustandes versteckt, habe ich ihn larvirten 
Sonnambulismus genannt (nach Analogie von larvirter 
Epilepsie oder larvirtem Wechselfieber). Die Ueber- 
jangs- und Misch-Zustände zwischen sonnambulem und 
vachem Zustand, welche beim Erscheinen meiner Schrift 
loch gar nicht beachtet waren, haben seitdem nament- 
ich in Frankreich ein genaueres Studium gefunden, 
loch steht die Kenntniss derselben noch immer in ihren 
Anfängen. 

Eine posthypnotische Fremdsuggestion kann z. B. 
usgefuhrt werden entweder in völlig wachem Zustande, 
►der im Zustande eines larvirten Sonnambulismus oder 
11 Zustande eines reinen, ad hoc wieder auftretenden 
nd nach der That wieder verschwindenden Sonnam- 



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X 



— 22 — 

bulismus, oder ihre Ausführung kann bloss geträumt 
und im Gedächtniss behalten und nach dem Erwachen 
als wirklich vollbracht behauptet werden. Innerhalb 
des larvirten Sonnambulismus sind wiederum unendlich 
viele Uebergänge zwischen beiden Extremen möglich, 
und verschiedene Individuen zeigen wieder ganz ver- 
schiedene Typen solcher Mischzustände. Darin aber 
sind alle einig, die sich mit solchen Versuchen ein- 
gehender beschäftigt haben, dass in allen diesen Misch- 
zuständen auch das wache Bewusstsein alterirt und 
nicht als normal zu betrachten ist, und dass diese 
Alteration auch physiognomisch an feinen, oft unmerk- 
lichen, individuell verschiedenen Kennzeichen (einer ge- 
wissen Starrheit des Ausdrucks und Veränderung des 
Blicks) zu erkennen ist. 

Die gesammte Innervationsenergie des Central- 
nervensystems ist eben keine beliebig zu verändernde 
Grösse, sondern schwankt in verhältnissmässig engen 
Grenzen, ähnlich wie die Bluttemperatur der Warm- 
blüter. Je mehr das sonnambule Bewusstsein von dieser 
jeweilig verfügbaren Gesammtenergie an sich zieht, 
desto mehr muss das wache Bewusstsein verlieren und 
umgekehrt. Ein sonst gesunder Mensch, der eine 
HaUucination hat, gilt in diesem Augenblicke dem Ge- 
richtsarzt als nicht in normalem Zustand befindlich, weil 
das sonnambule Bewusstsein mit dieser HaUucination 
die Schwelle überschritten und in Folge dessen dem 
wachen Bewusstsein einen entsprechenden Theil seiner 
normalen Energie entzogen hat In noch viel höherem 
Grade ist das der Fall, wenn das sonnambule Bewusst- 
sein die Herrschaft über einen Theil der willkürlichen 
Körpermuskeln an sich genommen hat und mit ihnen 
intellektuellen Zwecken dient, von denen das wache 
Bewusstsein nichts weiss. Im Interesse der Medien 
liegt es natürlich, dass sie so lange als möglich den 
Anwesenden als im normalen Zustande befindlich er- 
scheinen, weil dann der Schluss auf Geisterwirkung 
um so näher zu liegen scheint. Die zahlreichen Be- 
richte, welche bezeugen und als wichtig hervorheben, 
dass das Medium sich während der wunderbaren Mani- 
festationen im normalen Zustande befunden habe (z. B. 
373» 393» 5*6, 547, 703, 709—710), zeigen, bis zu wel- 
chem Grade sie ihren Zweck erreicht haben. 



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— 23 — 

Und in der That gehört ein höherer Grad mediu- 
mistischer Anlage oder Ausbildung dazu, um dieselbe 
Leistung im larvirten Sonnambulismus (d. h. mit einem 
Theil der gesammten Innervationsenergie), als sie bei 
Unterdrückung des wachen Bewusstseins zu -vollbringen 
(wo die ganze Innervationsenergie in das sonnambule 
Bewusstsein übergegangen ist). Deshalb pflegen auch 
schwerere Leistungen zuerst nur im bewusstlosen Zu- 
stand erzielt zu werden, und erst allmählich gelingt es 
bei fortschreitender Ausbildung des Mediums, sie auch 
im larvirten Sonnambulismus zu vollbringen. (Dies gilt 
nach Herrn Aksakow auch für die sogenannten Mate- 
rialisationen, von denen ich angenommen hatte, dass sie 
bisher nur im bewusstlosen Zustande beobachtet seien.) 
Die Beobachter aber, welche den Medien bezeugen, 
dass sie sich bei ihren Leistungen „im normalen Zu- 
stande" befunden haben, -beweisen damit nur, dass sie 
auf die feineren Unterschiede im physiognomischen 
Ausdruck, im Tonfall der Rede und in der Gedanken- 
verknüpfung noch nicht geachtet haben, oder aber dass 
sie die Grenzen des „normalen Zustandes" wegen Un- 
kenntniss des larvirten Sonnambulismus viel zu weit 
gezogen haben. Es sind deshalb auch alle auf solche 
Bescheinigung des normalen Zustandes gebauten Schlüsse 
hinfällig. 

Wenn nun das sonnambule Bewusstsein den Orga- 
nismus soweit beherrscht, um vermittelst desselben 
intellektuelle Kundgebungen hervorzubringen, so muss 
der geistige Inhalt dieser Kundgebungen alle die Gegen- 
sätze, Mannichfaltigkeiten und Wandelungen wider- 
spiegeln, die wir in dem Inhalt des sonnambulen Be- 
wusstseins selbst gefunden haben. Das Sprunghafte, 
Launenhafte und Unberechenbare, das dem sonnam- 
bulen Bewusstsein und seinen Träumen anhaftet, muss 
sich auch in den sprachlichen Mittheilungen derselben 
zeigen ebenso wie die streckenweise Konsequenz in dem 
Festhalten einmal angenommener Charaktere und an- 
geknüpfter Gedankengänge. 

Wie eine Gebietstheilung in der Körperbeherr- 
schung zwischen dem sonnambulen und wachen 
Bewusstsein überhaupt stattfindet, so kann bei fort- 
schreitender Decentralisation und Desorganisation des 



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— 24 — 

Nervensystems auch eine ähnliche Scheidung zwischen 
verschiedenen Associationskomplexen des sonnambulen 
Bewusstseins eintreten, die als dramatisch gespaltene 
und personificirte ebenso zu einander in Gegensatz 
treten können, wie das sonnambule Bewusstsein zum 
wachen. Niemand würde etwas Wunderbares daran 
finden, wenn er träumte, dass mehrere Traumfiguren 
gleichzeitig auf ihn einredeten, ihn tadelten und ihm 
Vorwürfe machten; und doch wären es nur seine 
eigenen Gedanken, die er diesen dramatisch von sich 
abgespaltenen Figuren unbewusst in den Mund legte, 
um sie als Traum-Ich mit Erstaunen, Ueberraschung, 
Beschämung und Verdruss anzuhören. 

Es ist ferner bekannt, dass sowohl bei Irren wie 
bei Sonnambulen bisweilen ein mehr als doppeltes, ein 
dreifaches ja vierfaches Bewusstsein abwechselnd Platz 
greifen kann, und dass es innerhalb des sonnambulen Be- 
wusstseins verschiedene übereinandergelagerte Schichten 
(gewöhnlicher Sonnambulismus und Hochschlaf oder 
Tiefschlaf) giebt, die sich zu einander ähnlich verhalten 
wie das wache und sonnambule Bewusstsein. Wie das 
sonnambule Bewusstsein zwar den Handlungen des 
wachen Bewusstseins assistirt und sie in seinem Ge- 
dächtniss aufbewahrt, aber nicht umgekehrt, so um- 
spannt auch ein sonnambules Bewusstsein zweiten 
Grades oder tieferer Schicht mit seiner Erinnerung die 
Handlungen des sonnambulen Bewusstseins ersten 
Grades oder höherer Schicht, aber nicht umgekehrt 
Wie unwillkürliche Handlungen, die dem wachen Be^ 
wusstsein unbewusst bleiben, für das sonnambule Be- 
wusstsein bewusste Handlungen sein können, so können 
auch unwillkürliche im sonnambulen Zustand ersten 
Grades vollzogene Handlungen für das sonnambule Be- 
wusstsein ersten Grades unbewusst bleiben, für das 
sonnambule Bewusstsein zweiten Grades aber bewusst 
werden und Gegenstand der Erinnerung sein. Insbe- 
sondre scheint das sonnambule Bewusstsein zweiten 
Grades der Bewegung der längsgestreiften Muskel- 
fasern und den vegetativen Funktionen des Orgfanismus 
näher zu stehen und deshalb auch mehr und immittel- 
barer zu ihrer Beeinflussimg befähigt zu sein als das 
sonnambule Bewusstsein ersten Grades, das vielleicht 



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— 25 — 

auf diese organischen Funktionen erst mittelbar, d. h. 
durch Autosuggestion des sonnambulen Bewusstseins 
zweiten Grades einwirkt. Endlich scheint auch in der 
sonnambulen Schicht oder Sphäre desselben Grades 
eine Dissociation der Vorstellungskomplexe eintreten 
zu können, welche zur Etablirung mehrerer koordinirter 
sonnambuler Bewusstseine desselben Grades fuhrt. Von 
den subordinirten sonnambulen Bewusstseinen unter- 
scheiden sich diese koordinirten dadurch, dass keines 
von ihnen den Funktionen des andern assistirt oder sie 
im Gedächtniss bewahrt. 

Diejenigen hypnotischen Theorien, welche alles auf 
Suggestion zurückfahren, glauben auch in dieser Ueber- 
einanderlagerung und Nebeneinanderlagerung verschie- 
dener sonnambuler Bewusstseine blosse Wirkungen von 
Suggestionen, sei es Fremdsuggestionen, sei es unwill- 
kürlichen Autosuggestionen zu sehen, und deuten die 
Erscheinung rein psychologisch durch Dissociation von 
Vorstellungskomplexen und Associationsmassen, deren 
iede nach der Trennung eine eigne Ichvorstellung be- 
lauptet. Ich glaube aber, dass solche Dissociationen 
ron scharf gesonderten Vorstellungskomplexen mit zu- 
gehörigen Gefühlen und Willensimpulsen nicht denkbar 
lind ohne eine Leitungsstörung zwischen den entspre- 
:henden Theilen des Centralnervensystems, und dass 
ie in ihrem plötzlichen Auftreten und Verschwinden 
>rst auf dieser physiologischen Grundlage erklärlich 
verden. Die einander übergeordneten sonnambulen Be- 
vusstseine ersten und zweiten Grades würden alsdann 
iirn-Schichten von verschiedener Tiefenlange unter der 
)berfläche der Grosshirnrinde entsprechen, so dass die 
onnambulen Bewusstseine höheren Grades dem ver- 
engerten Mark näher rücken. Die nebengeordneten 
onnambulen Bewusstseine dagegen würden gleich- 
rerthigen Theilen in derselben Schicht oder Tiefenlage 
es Gehirns entsprechen (z. B. etwa einer Leitungs- 
:örung und gesonderten Bethätigung paariger Organe), 
de sonnambulen Bewusstseine höheren Grades erlangen 
Zenntniss von den Wahrnehmungen und Handlungen 
er sonnambulen Bewusstseine niederen Grades, be- 
ehungsweise des wachen Bewusstseins dadurch, dass 
ie sensiblen, sensorischen und motorischen Nerven, 



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— 26 — 

die zu jenen hin und von ihnen weg leiten, durch ihre 
Organe hindurch müssen oder doch Fasern an sie ab- 
geben; die nebengeordneten sonnambulen Bewusstseine 
gleichen Grades dagegen erhalten keine Kenntniss von 
einander, sobald die seitlichen Leitungsbahnen zwischen 
ihnen gestört sind, weil jedes von ihnen durch andre 
Nerven, die aufwärts und abwärts leiten, mit Eindrücken 
gespeist wird. 

Da nun jedes dieser verschiedenen sonnambulen 
Bewusstseine der Urheber von mediumistischen Kund- 
gebungen sein kann, und in jedem dieser sonnambulen 
Bewusstseine verschiedene Traumfiguren je nach ihrem 
specifischen Charakter zu Worte kommen können, so 
entsteht hieraus die Möglichkeit einer so ungeheuren 
Komplikation der Erscheinungen, dass man sich nur 
noch über ihre durchschnittliche Einfachheit wundern 
kann. Dieselbe zweifache Möglichkeit der Scheidung 
des Herrschaftsgebietes und der Konkurrenz in dem- 
selben Herrschaftsgebiet, die wir zwischen wachem und 
sonnambulem Bewusstsein kennen gelernt haben, tritt 
nämlich auch für die verschiedenen sonnambulen Be- 
wusstseine ein. Es kann z. B. innerhalb derselben Hirn- 
Schicht das rechts belegene Organ die linke Hand und 
das links belegene Organ die rechte Hand zum Schrei- 
ben verschiedener Sprachen und Handschriften inner- 
viren, ohne dass eines dieser nebengeordneten sonnam- 
bulen Bewusstseine vom Thun des andern etwas weiss. 
Es kann aber auch ein sonnambules Bewusstsein ersten 
Grades die Hand zum Schreiben innerviren, während 
gleichzeitig ein sonnambules Bewusstsein zweiten Grades 
in Klopftönen buchstabirt. Daneben kann in beiden 
Fällen das wache Bewusstsein soweit erhalten sein, dass 
es mit den Anwesenden eine mündliche Unterhaltung 
führt. Es liegt also in solchen Erscheinungen, bei 
welchen mehr als zwei anscheinend gesonderte Intelli- 
genzen aus demselben Organismus sich gleichzeitig 
kundgeben, ebensowenig in der Zahl derselben wie in 
der Gegensätzlichkeit ihres Inhalts ein Anlass, zu der 
hypothetischen Mitwirkung einer ausserhalb des Me- 
diums belegenen Intelligenz zu greifen (460 — 461). 



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— 27 — 

b. Die scheinbare Ueberlegenheit des Kund- 
gebungsinhalts über die Leistungsfähigkeit des 
Mediums. 

Herr Aksakow führt zunächst einige Berichte über 
kleine Kinder und Säuglinge an, welche neben anderen 
mediumistischen Erscheinungen schrieben, ohne schrei- 
ben gelernt zu haben, zum Theil ohne sprechen zu 
können (405 — 420). Zum Theil wird bei diesen Be- 
richten ausdrücklich der Mediumismus der Mutter und 
ihre Anwesenheit bei den Versuchen erwähnt, zum 
Theil wird stillschweigend über beides hinweggegangen, 
und in einem Falle (413), die Abwesenheit der Mutter, 
aber die Anwesenheit des Vaters bemerkt. Manchmal 
heisst es, dass die Mutter das Kind auf dem Schoosse 
gehalten habe; in anderen Fällen ist nicht angegeben, 
in welcher Entfernung vom Kinde sich die anwesenden 
Eltern befanden. Man sieht daraus, dass diese An- 
gaben den Berichterstattern unwesentlich schienen. 
Wenn bei einem Kinde schon im zartesten Alter wirk- 
licher Mediumismus auftritt, so wird man vermuthen 
müssen, dass derselbe durch eine starke erbliche Anlage 
verursacht sei, dass also mindestens einer der Eltern, 
wenn nicht beide, bewusst oder unbewusst Medien sind. 
In solchem Falle kann sogar der Mediumismus des 
Kindes Täuschung sein, insofern dem Kinde Leistungen 
zugeschrieben werden, die gar nicht von ihm, sondern 
von den Eltern ausgehen, z. B. die Ortsveränderung 
des Stuhles mit dem Kinde, oder das Hinüberschweben 
des Kindes aus der Wiege in die Arme der Mutter 
408, 415). In anderen Fällen kann ein wirklicher 
Vlediumismus des Kindes vorgelegen haben, der sich 
mch in Abwesenheit der Eltern, wenn auch nicht in 
ichreibversuchen, äusserte (412), und es kann dann an 
nn unbewusstes mediumistisches Zusammenwirken zwi- 
chen Eltern und Kind in Anwesenheit der Eltern ge- 
lacht werden. 

Wenn das Kind die Tafel hält, in welcher das 
einwirkende Schreiben stattfindet, oder wenn das Kind 
len Griffel in der Hand hält und über die Tafel führt, 
►der wenn es mit seinem Fusse klopfend buchstabirt, 
o kann es vermittelst seines engen Rapports mit der 



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— 28 — 

mediumistischen Mutter der letzteren die mediumistischen 
Leistungen leichter machen, als wenn diese das Fern- 
schreiben oder Klopfen ohne seine Beihülfe vollziehen 
sollte. Die Beihülfe des Kindes bezieht sich dann aber 
nicht auf den Vorstellungsinhalt, sondern nur auf die 
mechanischen Bewegungen, durch welche die Kund- 
gebungen übermittelt werden. Das fernwirkende Schrei- 
^vj ben wird ja oft genug berichtet, wenn Cirkelsitzer die 

Tafel in der Hand hielten und das Medium sie nicht 
berührte; man hat aber in solchem Falle das positiv 
wirksame Medium noch nie in dem Cirkelsitzer gesucht, 
wie man es hier in dem Kinde sucht. Ob der Gatte 
der mediumistischen Mrs. Jencken wahrheitsgemäss be- 
richtet hat (413), dass das Kind in Abwesenheit der 
Mutter Botschaften durch Klopflaute hervorbuchstabirt 
habe, oder ob er diese von keinem Zeugen bestätigte 
Behauptung nur aufgestellt hat, um jeden Zweifel an 
der mediumistischen Urheberschaft des Kindes zu be- 
seitigen, ist doch sehr fraglich; andernfalls könnte er 
selbst auch ein Medium gewesen sein, dessen Kraft 
zwar zum Klopfen, aber nicht zum fernwirkenden Schrei- 
ben ausreichte. 

Eine andere Reihe von Erscheinungen soll den 
Bildungsgrad, die wissenschaftlichen Kenntnisse, die 
Sprachkenntnisse, Thatsachenkenntnisse, die künstleri- 
schen Fähigkeiten und technischen Fertigkeiten des 
Mediums übersteigen und deshalb zu der Annahme 
zwingen, dass aussermediumistische Intelligenzen mit- 
gewirkt haben. 

Zunächst führt Herr Aksakow einige Fälle an, die 
ein besonderes Maass gesteigerter künstlerischer Ge- 
staltungskraft beweisen sollen. Dass die künstlerische 
Gestaltungskraft im sonnambulen Bewusstsein bedeutend 
grösser ist als im wachen Zustande, unterliegt keinem 
Zweifel, weil ja eben das sonnambule Bewusstsein alles 
möglichst versinnlicht, symbolisirt, personificirt und leb- 
haft und leibhaft gestaltet, was das wache Bewusstsein 
mit abstraktem Denken erfasst Weis dem sonnambulen 
Bewusstsein fehlt, ist nur die zielbewusste Besonnenheit 
und Selbstkritik, und wenn das stetige Zielbewusstsein 
durch eine Fremdsuggestion oder Autosuggestion er- 
setzt ist, so wird die Selbstkritik bei flüssiger Produk- 



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— 29 — 

tion bis zu einem gewissen Grade entbehrlich sein. Wie 
in der schauspielerischen Nachahmung der Sonnambule 
dem Wachen überlegen ist, so mag das auch in der 
Imitation des literarischen Stils der Fall sein, wo es 
auf die scharfe Beobachtung und Wiedergabe von aller- 
lei Aeusserlichkeiten und kleinsten Zügen der Schreib- 
weise ankommt. Die Vollendung eines Romanbruch- 
stücks im Stile des verstorbenen Autors durch einen 
literarischen Neuling (385 — 391) scheint mir deshalb 
durchaus nicht über die Fähigkeiten des sonnambulen 
Bewusstseins hinauszugehen, sofern der Fortsetzer die 
zu vollendende Arbeit und einige andre Werke des- 
selben Autors aufmerksam und mit Interesse gelesen 
hat Wenn sich in einer solchen Fortsetzung wirklich 
poetisches Talent bethätigt, so wird der Urheber auch 
im Stande sein müssen, bei wachem Bewusstsein poe- 
tisch Werthvolles hervorzubringen, es sei denn, dass 
in den dem wachen Bewusstsein dienenden Hirntheilen 
besondre Erschwerungen und Hemmungen der dichte- 
rischen Produktion bestehen. 

Der Schein einer überlegenen wissenschaftlichen 
Bildung kann sehr leicht daraus entstehen, dass das 
sonnambule Gedächtniss in seinem sensitiven Zustande 
leichter anspricht als das wache Gedächtniss, und des- 
halb manche Kenntnisse beherrscht, die das wache Ge- 
dächtniss vergessen zu haben scheint Jeder gebildete 
Mensch wäre ungeheuer gelehrt, wenn er alles behalten 
hätte, was er jemals in seinem Leben gehört oder ge- 
lesen hat und wenn er über allen diesen Wissensstoff 
jederzeit gebieten könnte. Es kommt hinzu, dass das 
sonnambule Bewusstsein selbst solche Eindrücke auf- 
nimmt und in seinem Gedächtniss bewahrt, welche der 
Aufmerksamkeit des wachen Bewusstsein entgangen sind, 
also niemals dem wachen Gedächtniss verloren gehen 
konnten, weil sie ihm gar nicht einverleibt waren. Es 
ist ganz unglaublich, was alles unbeachtet am wachen 
Bewusstsein vorüberzieht und doch im Gedächtniss des 
sonnambulen Bewusstseins seine leisen Spuren hinter- 
lässt, die durch associative Vorstellungen bei der Ge- 
dächtnisshyperästhesie des sonnambulen Zustandes wieder 
zur Aktualität erweckt werden können. Ein im Schau- 
fenster eines Buchladens aufgeschlagenes Buch kann 



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— 3 o — 

z. B. sich mit einer bestimmten Stelle dem sonnambulen 
Gedächtniss des Vorübergehenden und flüchtig Hin- 
blickenden einprägen, während er versichern muss, das 
Buch gar nicht zu kennen. Wenn man in der Woh- 
nung eines Bekannten einige Minuten warten muss, so 
nimmt man wohl gedankenlos ein Buch vom Bücher- 
ständer, das sich von selbst an einer viel benutzten 
Stelle aufklappt, und stellt es ebenso zerstreut wieder 
an seinen Platz, ohne auch nur nach dem Titel zu sehen. 
Ein Satz der aufgeschlagenen Seite, oder ein einzelner 
auffällig gedruckter Name kann sich dabei dem sonnam- 
bulen Gedächtniss einprägen, ohne dass das wache Be- 
wusstsein davon etwas ahnt. 

Die Hyperästhesie und der grössere Stoffreichthum 
des sonnambulen Gedächtnisses erscheinen auch dann 
als Erklärungsgründe ausreichend, wenn die Anwesen- 
den sämmtlich versichern, dass sie selbst die gestellten 
Fragen zu beantworten ausser Stande gewesen wären. 
Dabei ist aber keineswegs ausgeschlossen, dass die 
das Medium sein Wissen aus sonnambulen Erinnerungen 
gelegentlich durch solche Kenntnisse ergänzt, die ihm 
selbst nicht vertraut sind, die aber in dem sonnambulen 
Gedächtniss eines der Anwesenden aufgespeichert und 
durch die gestellten Fragen associativ geweckt sind. 
Alsdann kann das Medium sein Wissen durch Ge- 
dankenlesen in dem aktuellen sonnambulen Vorstellungs- 
inhalt eines der Anwesenden vervollständigen, ohne 
dass das wache Bewusstsein des Betreffenden von der 
Aktualität dieses Vorstellungsinhaltes in seinem sonnam- 
bulen Bewusstsein eine Ahnung hat, und während er 
mit gutem Gewissen seine Kenntniss von der Sache ab- 
leugnet. In der Regel aber werden nicht alle An- 
wesenden gleichzeitig in Unkenntniss der zu gebenden 
Antwort sein; insbesondre wird der die Fragen Formu- 
lirende meistens solche Fragen wählen, deren Antwort 
er auf ihre Richtigkeit zu kontroliren vermag; alsdann 
wird die Fragestellung und die auf die Antwort gerichtete 
gespannte Erwartung geradezu als Mentalsuggestion 
auf das Medium wirken müssen, und ihm das Gedanken- 
lesen sehr erleichtern. 

Mag nun das Medium allein aus seinem sonnam- 
bulen Gedächtniss schöpfen oder sich nebenbei auf den 



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— 3i — 

sonnambulen Vorstellungsinhalt der Anwesenden mit- 
telst Gedankenlesen stützen, so wird es doch möglich 
sein, dass es Kenntnisse in seinen mediumistischen 
Kundgebungen offenbart, von denen es selbst und die 
Anwesenden mit Recht versichern können, dass sie 
ausser ihrem Wissensbereich liegen. Es liegt also 
zwischen der Kenntniss des wachen Bewusstseins und 
dem Betrug noch ein sehr weites und schwer kontrolir- 
bares Gebiet für den Vorstellungsinhalt der Kund- 
gebungen ohne Ueberschreitung der im Cirkel vertre- 
tenen Intelligenzen, und es handelt sich durchaus nicht, 
wie Herr Aksakow meint, um eine Alternative zwischen 
bewusstem Wissen oder bewusstem Betrug einerseits 
(368) und Geisterhülfe andererseits. 

Herr Aksakow fuhrt zunächst eine Sitzung mit 
wissenschaftlichen Fragen und Antworten an, welche die 
Society for Psychical Research zu London werthlos fand 
(391 — 401), sodann einen angeblichen Aufschluss über die 
scheinbare Umlaufsrichtung der Uranusmonde, welche 
das Medium, wenn es nicht selbst astronomisch dilettirte, 
wahrscheinlich in einer Unterhaltung mit irgend einem 
astronomischen Dilettanten aufgefangen hat (401 — 405), 
In einem anderen Beispiel wird vom Medium ein Satz 
geschrieben und dann auf das elfte Buch in dem 
zweiten Bücherbrett im Zimmer als die Quelle hinge-: 
wiesen, welches sich auf der die Stelle enthaltenden 
Seite öffnen werde (479). Hier ist es klar, dass eine 
vielbenutzte Stelle des Buches sich vorher auch dem 
Medium gelegentlich geöffnet hat Es folgt dann ein 
hebräisches Citat mit dem Namen des Urhebers, und eine 
griechische Devise, die nach den genaueren Ermittelungen 
des Herrn Askasow beide nur aus einem bestimmten 
Buche („Die Poesie der Sinnsprüche und Devisen'* 
von W. Wichmann, Düsseldorf 1882) geschöpft sein 
konnten (481 — 494, 519 — 526). Die Sitzung fand am 
10./22. Februar 1882 statt, während das Buch mit 
der Jahreszahl 1882 wahrscheinlich schon erschienen 
war. Sollte das Medium nicht dieses Buch als neu 
aufliegende Novität in einem Buchladen gesehen und 
unaufmerksam angeblättert haben? Die wenigen in 
Betracht kommenden Worte, vermuthlich als besondere 
Zeilen oder in hervorstechender Schrift gedruckt, können 



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— 32 — 

sich dem sonnambulen Gedächtniss leicht eingeprägt 
haben. 

Es werden ferner von Herrn Aksakow eine Reihe 
von Beispielen zusammengestellt, in denen die Medien 
in Sprachen geredet haben sollen, die ihnen völlig un- 
bekannt waren (420 — 444). Bei allen diesen Berichten 
fällt vor Allem die Sorglosigkeit auf, mit welcher die 
Berichterstatter behaupten, dass die betreffende Sprache 
dem Medium „völlig unbekannt" gewesen sei, ohne sich 
um irgend welche nähere Begründung dieser Behaup- 
tung zu kümmern, während es doch die wichtigste 
Aufgabe eines wissenschaftlichen Beobachters gewesen 
wäre, dieser Frage auf das Sorgfältigste nachzuspüren 
und sie selbst bei negativem Forschungsergebnisse im 
Zweifel zu lassen, weil die rechte Spur absichtlich ver- 
schleiert sein konnte. So z. B. kannte der amerika- 
nische Richter Edmonds die Chippewa- und Monomonic- 
Dialekte, weil er zwei Jahre lang auf Indianischem 
Gebiete gelebt hatte (427); dass aber seine mediu- 
mistische Tochter Laura keine Sprache ausser Englisch 
verstand, hält er durch ihre eigene Behauptung für 
genügend bewahrheitet (425). Lieder in fremden 
Sprachen zu singen, ist bekannntUch viel leichter, als 
sie zu sprechen, und vor wenig sachverständigen Zu- 
hörern wird auch eine höchst unvollkommene Wieder- 
gabe des fremden Idioms überraschend wirken. Wie 
leicht kommt aber eine musikalisch veranlagte junge 
Dame aus den besseren Ständen dazu, fremdsprachliche 
Lieder singen zu hören (424), oder ein Herr Barnum 
in Amerika dazu, indianische Gesänge kennen zu lernen 
(434)! Aber das ist schon viel, wenn die Versicherung 
des Mediums, von der fremden Sprache nichts zu ver- 
stehen, besonders erwähnt wird (439); in der Regel ist 
in den Berichten gar nicht davon die Rede, oder der 
Erzähler bemerkt bloss seine Ueberzeugung, ohne An- 
gabe der Quelle, aus der er sie geschöpft hat. Handelt 
es sich gar um specifische Sprachmedien, so wird die 
Gläubigkeit der Berichterstatter an mangelnde Vorbe- 
reitung das einzige Wunderbare an den Berichten. 
(440—442). 

Die stärkste Zumuthung, welche amerikanische Be- 
richte an uns jemals gestellt haben, liegt in dem Noten- 



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— 33 — 

schreiben und Kla vierspielen eines 13 jährigen Mädchens f 
welches nach seines Vaters Angabe beides gar nicht 
konnte (446 — 447). Ob er in den vorhergehenden Jah- 
ren seine Tochter keine Stunde aus den Augen ge- 
lassen hat, oder worauf sonst er seine Versicherung 
stützt, ist nicht angegeben. 

Nun ist ja offenbar richtig, dass das sonnambule 
Bewusstsein der mittleren und unteren Hirntheile unter 
der Schwelle bei allen technischen Fertigkeiten die 
wichtigste Rolle spielt, und dass wesentlich ihm das 
zufällt, was man Einübung und Gewöhnung nennt. Es 
ist ebenfalls richtig, dass das wache Bewusstsein der 
Grosshirnrinde, welches die Einübimg leitet, bei der 
Ausübung mit seinen unwillkürlichen Hemmungsreflexen, 
seinem reflektirenden Schwanken und Zweifeln und 
seiner lähmenden Furcht vor Gedächtnissfehlern und 
motorischen Koordinationsfehlern mehr störend als för- 
dernd wirkt. Wenn also das wache Bewusstsein aus- 
geschaltet wird, so wird die fehlerlose Ausfuhrung eines 
vorher eingeübten Musikstücks oder das Hersagen eines 
auswendig gelernten Gedichtes besser und leichter ge- 
lingen, als wenn das wache Bewusstsein mitwirkt. Je 
höher sich die Gedächtnisshyperästhesie des sonnam- 
bulen Zustandes steigert, desto geringer wird das er- 
forderliche Maass vorausgehender Einübung sein 
müssen; aber deshalb kann dasselbe doch nicht auf Null 
sinken. 

Das sonnambule Bewusstsein kann zwar die Vor- 
stellung des Auszufuhrenden anderswoher empfangen, 
z. B. durch Mentalsuggestion; aber diese Vorstellung 
hilft ihm nichts für die Ausfuhrung, wenn die Bewe- 
gungskoordinationen der ausübenden Muskelgruppeh 
nicht durch Einübung der Nervenbahnen vorbereitet 
sind. Wer sprechen kann, d. h. die Bewegungskoordi- 
nationen der Sprachmuskeln genügend eingeübt hat, 
kann jedes ihm durch Suggestion zufliessende Wortbild 
auch mit seinen Sprachwerkzeugen zum Ertönen brin- 
gen, auch wenn die besonderen Worte ihm vorher 
fremd waren. Wer Klavier spielen kann, der wird ein 
ihm suggerirtes bisher unbekanntes Tonstück mit 
gleicher Fertigkeit auf dem Klavier wiedergeben kön- 
nen, wie eines, das er gehört oder gelesen und im Ge- 

H artmann, Geisterhypothese. 3 



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— 34 — 

dächtniss behalten, aber bisher nicht gespielt hat. Wer 
aber nicht sprechen und nicht Klavier spielen kann, 
wird sich ebenso vergeblich bemühen, Sätze oder Ton- 
stücke, die ihm suggerirt werden, mündlich oder spie- 
lend wiederzugeben, als solche, die er gehört hat. 

Dabei ist es ganz gleichgiltig, woher die Suggestion 
stammt, ob von einem neben ihm befindlichen Menschen, 
oder von einem körperlosen Geist; die zweite Annahme 
macht das schlechthin Unerklärliche auch nicht um 
•ein Haar breit erklärlicher als die erste. Denn auch 
der Geist könnte nichts weiter leisten, als dem sonnam- 
bulen Bewusstsein des Mediums die Suggestion des 
Tonstücks geben, und selbst wenn er zu der Suggestion 
des Klanges die Suggestion der motorischen Ausfiih- 
rungsimpulse nach ihrer inneren Empfindungsbeschaffen- 
heit hinzufügen wollte, so würde das in dem Medium 
nicht die entsprechenden Gruppen koordinirter Bewe- 
gungen auslösen. Es würden höchstens stümperhafte 
Anläufe zu Tage treten, die in Verwirrung enden, ähn- 
lich den zappelnden ersten Gehversuchen eines Kindes; 
denn es würde die Einübung der Nervenbahnen fehlen, 
welche zur Umsetzung relativ einfacher Innervations- 
impulse in kompücirte Reihenfolgen von Bewegungs- 
gruppen erforderlich ist. Vermittelst eines durch keine 
Uebung vorbereiteten Nervensystems könnte der mäch- 
tigste Geist ebensowenig ein richtiges und sauberes 
Klavierspiel zu Tage forden, wie auf einem völlig ver- 
stimmten Klavier mit fehlenden Saiten ein reinklingen- 
des Spiel. Die Geisterhypothese erweist sich völlig 
ohnmächtig, zur Erklärung eines solchen Falles das 
Geringste beizutragen, und deshalb kann auch rückwärts 
ein solcher Fall der Geisterhypothese nicht als Stütze 
dienen. Es genügt, die völlige Unbegreiflichkeit dieser 
amerikanischen Berichte unter jedem Gesichtspunkt 
zu konstatiren, um sie in ihrer Isolirung als schlechthin 
unglaubwürdig erscheinen zu lassen. 

Herr Aksakow führt ferner eine Reihe von Bei- 
spielen an, welche beweisen, dass gewisse Medien eine 
grosse Sensitivität des Sehorgans bei sehr schwacher 
Beleuchtung besitzen (465 — 475). Bekanntlich giebt es 
solche Lichtsensitive auch im wachen Zustande, welche 
in einem anscheinend dunklen Zimmer sehr gut sehen 



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— 35 — 

können. Jeder Mensch besitzt diese Lichtsensitivität 
in höherem oder geringerem Grade, wenn er in völlig 
verdunkeltem Räume mehrere Stunden geschlafen hat. 
Es ist kein Wunder, dass dieselbe im sonnambulen 
Zustande eine ähnliche Steigerung erfahren kann, wie 
wir dies von den übrigen Sinnen und von der Gesichts- 
schärfe für kleinste Objekte wissen. Das Erkennen 
von Photographien oder der Uhr in einem ziemlich 
dunklen Zimmer, oder das Sehen (und Berühren) einer 
ostentativ erhobenen Hand oder eines Fingers durch 
das Medium hat auch dann nichts Wimderbares, wenn 
dasselbe sich mit einem Tuch die Augen leicht ver- 
binden lässt, da man unter demselben gewöhnlich ganz 
gut hindurchsehen kann. 

Dass es sich um wirkliches körperliches Sehen des 
Mediums handelte, ergiebt sich aus der Fähigkeit der 
Mitsitzenden, etwas von den Objekten zu sehen (470, 
471), aus dem Misslingen, wenn die Objekte verdeckt 
oder hinter das Medium gelegt waren (471), und aus 
der Erleichterung, welche das Auflegen der zu erken- 
nenden Geldstücke oder Uhr auf ein weisses Blatt 
Papier gewährte (472 — 473). Dass das Schreiben im 
Dunkeln auch das Lesen des Geschriebenen einschliesse 
(467), scheint mir irrthümlich. Die Irrthümer des Sehens 
entsprechen bei diesen Berichten ganz denen unseres 
körperlichen Sehens bei mangelhafter Beleuchtung. Ich 
verstehe nicht, wie diese blosse Grad Verschiedenheit 
der Sehschärfe bei schwacher Beleuchtung von Herrn 
Aksakow als Ausschluss der körperlichen Sinneswahr- 
nehmung (475) oder gar als ein transcendentales Wahr- 
nehmungsvermögen (468) gedeutet werden kann, oder 
wie er den Aussagen der Medien über die Beschaffen- 
heit ihrer „transcendentalen Organe" eine Beachtung 
beimessen kann, da es doch bekannt ist, dass Sonnam- 
bule über die Art und Weise, wie sie durch natürliche 
Vermittelung zu ihren Kenntnissen gelangen, so oft 
im Unklaren sind*) und entweder gar nichts über die 
Erlangung ihrer Kenntnisse angeben können, oder sich 



*) Das beste Beispiel hierfür ist die Sonnambule, welche den Text 
eines Buches durch sein Spiegelbild im Auge des Experimentators liest, 
aber direkt zu lesen glaubt. 



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- 36 - 

hypothetische Erklärungen zurechtphantasiren, wie sie 
ihrer spiritistischen Ueberzeugung gemäss sind. 

Ganz ähnlich ist es mit der Hyperästhesie der 
Tastempfindung, (Jie nicht nur beim Medium selbst 
geschärft ist, sondern auch bei den Theilnehmern der 
Sitzimg, wenn sie ihre Aufmerksamkeit auf ein von 
ihnen betastetes Objekt richten. Der Theilnehmer 
wird in seinem sonnambulen Bewusstsein unter solchen 
Umständen einen sehr genauen Eindruck empfangen 
von der Zahl der Schellen z. B., die er in der ge- 
schlossenen Hand hält, oder von der Gestalt der ge- 
druckten Buchstaben des Wortes, auf das er die Spitze 
seines Zeigefingers drückt; sein sonnambules Bewusst- 
sein wird entweder dieses Tastbild als solches scharf 
auffassen, oder auch es in ein Gesichtsbild umsetzen, 
gleichviel ob das wache Bewusstsein im Stande ist, die 
empfangenen Tasteindrücke zu zählen oder lesend zu 
deuten, oder nicht Das scharfe Tastbild (oder umge- 
setzte Gesichtsbild) im sonnambulen Bewusstsein des 
Theilnehmers genügt aber zur Vorstellungsübertragung 
in das Medium, und das sonnambule Bewusstsein des 
Mediums vollzieht nun die geforderte Uebertragung 
des Tast- oder Gesichts-Bildes in ein Zahlwort oder in 
die Buchstaben der Planchette (476 — 477). Von Hell- 
sehen im eigentlichen Sinne ist hier nicht die Rede. 

Wir kommen nun zu den Beispielen einer Vor- 
stellungsübertragung nicht zwischen Personen in näch- 
ster Nähe sondern auf weitere Entfernungen (Telepathie). 
Herr Aksakow nimmt gleich mir eine solche Fähigkeit 
an (573 — 595)5 aber er betont, dass ich das Funktioniren 
dieser telepathischen Fähigkeit des Mediums an zwei 
Bedingungen geknüpft habe, und will mir den Schluss 
aufdrängen, dass beim Fehlen dieser Bedingungen die 
Mitwirkung aussermediumistischer Kräfte und Intelli- 
genzen angenommen werden müsse. Diese zwei Be- 
dingungen sind die hallucinatorische Form der über- 
tragenen Vorstellung (unter Ausschluss einer abstrakt 
gedanklichen Form) und der bereits durch anderweitige 
Beziehungen bestehende oder durch eine lebhaftes In- 
teresse und Gemüthsbetheiligung ad hoc hergestellte 
Rapport zwischen dem Uebertrager und Empfänger. 

Ich habe gesagt, „dass nach unsern Erfahrungen 



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— 37 — 

auf weite Entfernungen gar keine Gedanken oder Worte, 
sondern nur sinnlich anschauliche und möglichst leb- 
hafte Hallucinationen übertragen werden können" (Spiri- 
tismus S. 115); „ich kenne keinen Fall, wo die von der 
Phantasie des Empfangenden einer solchen Gestalt in 
den Mund gelegten Worte von dem Uebertragenden 
als seine Wortvorstellungen yerificirt worden wären" 
(ebd. S. 65). Herr Aksakow beruft sich an verschie- 
denen Stellen seines Werkes (z. B. 453, 496, 541 — 545, 
648, 763) auf diese meine Aeusserungen, und glaubt 
danach, für meinen Standpunkt jede Telepathie von 
Worten als eine die Geisteskräfte des Mediums über- 
steigende erwiesen zu haben, welche zur Annahme 
aussermediumistischer Intelligenzen nöthigt Diese Be- 
weisführung hätte unter allen Umständen nur den Werth 
einer argumentatio ad hominem, da Herr Aksakow 
selbst die telepathische Gedankenübertragung in sprach- 
licher Form, aber ohne hallucinatorische Einkleidung 
annimmt (702), also sachlich genommen von diesem 
seinem Standpunkt aus kein Recht hat, eine etwaige 
nichthallucinatorische Telepathie für eine die Geistes- 
kräfte des Medium übersteigende Thatsache auszugeben. 
Aber auch die argumentatio ad hominem trifft mich 
nicht. Ich habe eben nur gesagt: „nach unseren (seil, 
bisherigen) Erfahrungen" und „ich kenne keinen Fall", 
habe also damit angedeutet, dass eine Erweiterung der 
bezüglichen Erfahrungen auch zu einer weiteren Fassung 
dieser Sätze nöthigen würde. Das Wesentliche meiner 
Behauptung hinsichtlich der ersten der beiden Be- 
dingungen lag in der Betonung der hallucinatorischen 
Form der Telepathie; Gedanken und Worte glaubte ich 
nach den bisherigen Erfahrungen gerade soweit aus- 
schliessen zu sollen, als sie in nichthallucinatorischer 
Form auftreten. 

Nun können aber Gedanken sogar durch halluci- 
natorische Gesichtsanschauungen mittelbar übertragen 
werden, indem der Empfänger der Hallucination unbe- 
wusst aus dem Anschauungsbilde auf seine Bedeutung 
schliesst und diese seinerseits in Worte einkleidet. 
Andererseits können Worte und Wortverbindungen auf 
zwiefache Art hallucinatorisch übertragen werden: erstens 
durch das hallucinatorische Klangbild (Gehörshalluci- 



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- 38 - 

nation von Stimmen) und zweitens durch das halluci- 
natorische Gefiihlsbild der auf die Worte bezüglichen 
Innervationsimpulse(Hallucination des inneren Sprechens). 
Jede allein kann genügen; es können sich aber auch 
beide vereinigen. In der Regel dürfte ein Medium im 
sonnambulen Zustande eine fortlaufende Reihe von 
Traumbildern haben, von denen es nur wenige, für den 
Zweck der Sitzung geeignete, behufs Mittheilung an 
die Anwesenden in Worte übersetzt Auch solche tele- 
pathische Mittheilungen, die sich ihm in Form von sinn- 
lichen Traumbildern darstellen, wird es zum Zweck der 
Mittheilung in der Regel nicht als Bilder beschreiben, 
sondern wie ein unbewusster Traumdeuter auf ihren 
thatsächlichen Gedankengehalt hin prüfen und nur diesen 
übersetzen. Wenn also eine telepathisch inspirirte Kund- 
gebung in Worten ausgedrückt ist, so darf daraus noch 
nicht geschlossen werden, dass die telepathische Vor- 
stellungsübertragung selbst auch in Worten erfolgt ist; 
dieser Schluss ist auch dann unzulässig, wenn der that- 
sächliche Inhalt der Kundgebimg sich später bewahr- 
heitet 

Der Schluss auf Uebertragung von Worten als 
solchen in die Ferne wird nur dann zulässig sein, wenn 
entweder der Wortlaut der Kundgebung durch den 
Uebertragenden bestätigt wird, oder wenn die Kund- 
gebung mit sich bestätigendem Gedankeninhalt in der 
dem Medium unbekannten Muttersprache des Ueber- 
tragenden erfolgt Im ersteren Falle wird es besonders 
dringlich, den Verdacht auf vorherige Verabredimg 
zwischen dem Uebertragenden und dem Empfänger 
auszuschliessen (z. B. 463), und das zufällige Zutreffen 
allgemein gehaltener und leicht zu vermuthender An- 
gaben (z. B. 516—517) von nicht errathbaren thatsäch- 
lichen Mitteilungen zu unterscheiden; im letzteren 
Falle ist die überzeugende Begründung erforderlich, 
dass weder das Medium die Sprache versteht, noch auch 
dass der mit dieser Sprache vertraute Fragensteller ihm 
die erwarteten oder befürchteten Antworten in dieser 
Sprache mental suggerirt, so dass nur der falsche Schein 
einer Telepathie entsteht (z. B. 426). In beiden Rich- 
tungen lässt die Abfassung der bezüglichen Berichte 
alles zu wünschen übrig; die Berichterstatter haben 



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— 39 — 

gewöhnlich keine Ahnung davon, welche Punkte es 
sind, auf die sie ihre Aufmerksamkeit richten müssen, 
um den Berichten einen Werth zu verleihen. 

Die andre Bedingung der Telepathie war der be- 
reits bestehende Rapport, oder das ihn herstellende 
Gemüthsinteresse. In manchen Berichten wird aus- 
drücklich bemerkt, dass zwischen Uebertragendem und 
Empfänger durch wiederholtes Magnetisiren schon früher 
ein Rapport hergestellt war (z. B. 582). In anderen 
Fällen wird beiläufig erwähnt, dass beide Theile Freunde 
oder Freundinnen, oder gar Schwestern (z. B. 514 — 516, 
546 — 547, 455, 462), oder engste Nachbarn in dem- 
selben Hotel waren (511), oder in dem Verhältniss des 
geistigen Leiters eines Cirkels zum Medium standen 
(549); gleichwohl wird nicht selten bestritten, dass auf 
Grund dieser Verhältnisse ein gemüthlicher Rapport 
oder eine Sympathie bestanden habe. Auch für einen 
aus irgend welchen Gründen abgewiesenen Bewerber 
und seine weiteren Schicksale kann ein junges Mädchen 
unter Umständen das lebhafteste Interesse bewahren 
(496). Es scheint auch nicht statthaft, die Unmöglich- 
keit des Rapports daraus zu folgern, dass der Tod 
des Bewerbers schon fünf Stunden früher erfolgt war, 
als die Kundgebimg durch mediumistische Schrift (494 
bis 497); vielmehr blieb der unzweifelhaft hallucinato- 
rische Eindruck, den das sonnambule Bewusstsein von 
dem Sterbenden empfing, so lange unter der Schwelle 
des wachen Bewusstseins und darum unfähig, sich zu 
äussern, bis zufällig nach fünf Stunden eine Sitzung 
gehalten wurde und in dem nun eingetretenen Zustand 
das sonnambule Bewusstsein die Macht gewann, den 
empfangenen Eindruck des Todes in eine Mittheilung 
durch Worte zu übersetzen. 

Unter Umständen scheint allerdings ein telepathi- 
scher Einfluss stattzufinden zwischen Personen, die ein- 
ander unbekannt und durch keine unmittelbaren Ge- 
müthsbeziehungen verbunden sind; in diesen Fällen 
liegt aber eine mittelbare Verknüpfung durch gemein- 
sames Interesse an einer dritten, beiden nahe stehenden 
und vertrauten Person vor. Wir werden diese Art der 
Anknüpfung eines Rapports die durch indirekte Ge- 
müthsinteressen nennen können. Am leichtesten scheint 



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■— 40 — 

diese indirekte Anknüpfungsweise des Rapports erklär- 
lich, wenn die Mittelsperson im Cirkel anwesend ist; 
alsdann braucht nur das Medium durch Gedankenlesen 
aus dem sonnambulen Bewusstsein des Anwesenden die 
Eindrücke herauszuschöpfen und in Worte zu kleiden, 
. welche dieser telepathisch empfangen hat, ohne dass sein 
waches Bewusstsein etwas davon ahnt (502). Es kann 
aber diese durch einen Anwesenden unbewusst dem 
Medium vermittelte Telepathie leicht abwechseln und 
verwechselt werden mit einem blossen Gedankenlesen 
des Mediums aus dem sonnambulen Gedächtniss des 
Anwesenden, wie es der Fortgang desselben Berichtes 
zeigt (502 — 503). Schwieriger ist die Sache, wenn die 
Mittelsperson des gemeinsamen Interesses (z. B. ein 
Vater, oder Freund, oder Herr eines beeinflussten 
Dienstboten) nicht als aktiver Vermittler des Rapports 
herangezogen werden kann (631 — 633); die Aufsuchung 
des unbekannten Dritten mit dem Willen der aktiven 
oder passiven Vorstellungsübertragung bedarf dann, um 
die Telepathie auf die rechte Fährte zu setzen, in der 
That einer Art von Hellsehen, das aber aufhört und 
der Telepathie Platz macht, sobald die Anknüpfung des 
Rapports gelungen ist 

Ich hatte bei Abfassung meiner Spiritismusschrift 
überhaupt noch keine Berichte von spiritistischen Sitz- 
ungen mit Vorstellungsübertragungen in die Ferne ge- 
kannt; Herr Aksakow bringt vier solche Berichte bei 
(545 — 551), in der That keine grosse Zahl, wenn man 
die Unmasse von Cirkelsitzungen bedenkt Ebenso 
waren mir Beispiele einer Anknüpfung des Rapports 
durch gemeinsames Gemüthsinteresse an einer dritten 
Person oder durch indirekte Gemüthsbeziehungen bis- 
her nicht bekannt geworden, und es müssten die be- 
züglichen Berichte doch erst vermehrt und sorgfältiger 
geprüft werden, ehe man dem Studium dieser unge- 
wöhnlichen, in das Hellsehen hinüberleitenden Er- 
scheinung näher treten könnte. Auch jetzt kenne ich 
keinen Bericht, der eine telepathische Beeinflussung 
ohne Rapport durch direkte oder indirekte Gemüths- 
beziehungen behauptete. Dagegen wird der Be- 
griff des Interesses oder der Gemüthsbetheiligung zu 
en g gefasst, wenn abgewiesene Bewerber, Freunde, 



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— 4i — 

Hotelnachbarn u. s. w. von demselben ausgeschlossen 
werden. 

Wenn kein Lebender mehr auffindbar ist, aus 
dessen Bewusstsein das Medium telepathisch schöpfen 
kann, oder wenn kein Lebender, der von den Dingen 
weiss, anwesend oder durch irgend welchen Rapport 
mit dem Medium verknüpft zu denken ist, dann tritt 
die Erklärung durch Hellsehen in Kraft für Kund- 
gebungen, deren bewahrheiteter Inhalt ausserhalb der 
Gedächtnisssphäre und sensitiven Wahrnehmungssphäre 
des Mediums liegt Das Hellsehen ist immer halluci- 
natorisch vermittelt zu denken, gleichviel ob es sich 
auf Ereignisse, die nicht mehr oder noch nicht wirklich 
sind, bezieht, oder auf solche, die gleichzeitig ausserhalb 
der sensitiven Wahrnehmungssphäre wirklich sind. Was 
unmittelbar hellgesehen (oder hellgehört) wird, ist also 
immer eine Hallucination, d. h. eine subjektive Er- 
scheinung, welche durch unmittelbare Erregung der 
Centralorgane der Sinneswahrnehmung gesetzt, nicht 
durch peripherische Reizung der Wahrnehmungsorgane 
vermittelt ist. Die Hallucination ist Hellsehen oder 
wahrhafte Hallucination, wenn der subjektiven Erschei- 
nung in Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft ein 
bezüglicher Thatbestand entspricht; sie ist eine unwahre 
oder bloss subjektiv bedingte Hallucination, wenn ihr 
ein solcher Thatbestand nicht entspricht. Die Halluci- 
nation bleibt aber in beiden Fällen eine subjektive 
Erscheinung, d. h. eine solche, die nicht durch Sinnes- 
wahrnehmung vermittelt ist, und ihr Objekt nicht an- 
schaulich an den Punkt des Raumes und der Zeit ver- 
setzt, wo das ihm entsprechende „Ding an sich" sich 
gegenwärtig wirklich befindet. 

Insofern haftet auch »der wahrhaften Hallucination 
eine Unwahrheit der raumzeitlichen Projektion an. Sie 
schaut ein vergangenes oder zukünftiges Ereigniss als 
einen gegenwärtigen Vorgang an, was es nicht ist; sie 
sieht ein gleichzeitig in der Ferne sich vollziehendes 
Ereigniss als ein räumlich anwesendes, was es nicht ist. 
Die Sinneswahrnehmung täuscht uns auch oft genug 
über das Maass der Entfernungen, in welche wir die 
Objekte projiciren, ja sogar über die Zeit des Vorgangs 
bei der Bewegung von so entfernten Himmelskörpern, 



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— 4 2 — 

dass das Licht merklich verspätet zu uns gelangt. In 
dieser Hinsicht ist auch die subjektive Erscheinung der 
Sinneswahrnehmung mit Ungenauigkeiten behaftet; aber 
diese sind gesetzmässig und deshalb der Korrektur 
durch das Denken unterworfen. Im Allgemeinen ver- 
setzen wir das Objekt der Sinneswahrnehmung dahin, 
wo das uns afficirende Ding an sich in einem hypothe- 
tischen realen Raum sich zu gleicher Zeit wirklich be- 
finden würde, und deshalb und nur insoweit als diese 
Voraussetzung erfüllt ist, dürfen wir der subjektiven 
Erscheinung unserer Wahrnehmung transcendentale 
Realität zuschreiben. 

Diese transcendentale Realität in Bezug auf Ort 
und Zeitpunkt des Geschehens fehlt der Hallucination 
auch dann, wenn sie wahrhafte Hallucination oder Hell- 
sehen ist; ihre subjektive Erscheinung kann nicht un- 
mittelbar als adäquater Repräsentant einer (erkenntniss- 
theoretisch transcendenten) objektiven Realität genommen 
werden. Vielmehr muss das Denken hinzutreten und 
aus der näheren Beschaffenheit der Hallucination im 
Vergleich mit gedächtnissmässig bekannten Daten zu 
schliessen suchen, ob dieselbe sich auf ein vergangenes, 
gegenwärtiges oder zukünftiges, nahes oder fernes Er- 
eigniss bezieht, und wann und wp das transcendente 
Korrelat der subjektiven Erscheinung in Zeit und Raum 
gesucht werden muss. Manchmal fehlen hierzu alle 
Anhaltspunkte; oft genug ergeben sie sich erst später, 
wenn Kunde von entfernten Ereignissen anlangt, oder 
wenn Vorgefühle Erfüllung finden, oder wenn der Zu- 
fall die Kenntniss vergangener Geschehnisse am glei- 
chen Orte zuführt. 

Alle Hallucinationen sind demnach subjektive 
Erscheinungen ohne transcendentale Realität, 
auch dann, wenn sie nicht bloss subjektiv bedingt, son- 
dern objektiv mitbedingt und deshalb wahrhafte Hallu- 
cinationen sind, denen zwar ein realer Thatbestand ent- 
spricht, aber nicht an dem Orte oder nicht in dem 
Zeitpunkt, an und in welchen die subjektive Erscheinung 
ihn hinstellt. Herr Aksakow verwechselt den nicht 
rein subjektiven Ursprung der wahrhaften Hallu- 
cination mit einem nicht rein hallucinatorischen 
Charakter derselben (652), und verkennt, dass alles 



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— 43 — 

Hellsehen eine reine Hallucination, d. h. eine durch das 
Emporsteigen einer Traumanschauung des sonnambulen 
Bewusstseins über die Schwelle gesetzte subjektive Er- 
scheinung ohne transcendentale Realität ist (643 — 644). 

Auch hier ist zu berücksichtigen, dass das sonnam- 
bule Bewusstsein des Mediums seine etwaigen hell- 
sehenden Hallucinationen in Worte umsetzen muss, 
wenn es sie den Anwesenden mittheilen will, falls das 
Medium nicht ein Zeichenmedium oder Malmedium ist. 
Die Worte, durch die es entweder die subjektive Er- 
scheinung beschreibt oder den symbolischen von ihr 
umschriebenen Gedankenhalt ausdrückt, muss das Me- 
dium dann zum zweiten Mal in Buchstaben auflösen 
und die Buchstaben in Klopflaute übersetzen, falls es 
nicht Sprechmedium oder Schreibmedium ist. Diese 
nachträgliche Vermittelungsweise für die Kundgebung 
des Gedankengehalts an die Anwesenden kann doch 
aber nichts gegen den hallucinatorischen Charakter der 
ursprünglichen Form des Hellsehens beweisen, wie Herr 
Aksakow glaubt (544 — 545). 

Das Eintreten des Hellsehens muss immer ein 
Motiv haben, sei es nun eine sensitive Wahrnehmung 
oder sei es ein Gemüthsinteresse. Die sensitive Wahr- 
nehmung ist an und für sich eine mediumistische Lei- 
stung; denn auf ein normales Nervensystem macht die 
Haarlocke, die einem Todten abgeschnitten ist, keinen 
andern Eindruck als die eines Lebendigen, ein Stück 
Elephantenzahn keinen andern als die Klapper einer 
Klapperschlange, und ein Zimmer, unter dessen Dielen 
Reste von vergossenem Menschenblut liegen, keinen 
andern, als ein Zimmer, wo solche Reste fehlen. Diese 
sensitive Gefuhlsleistung ist aber genau zu unterscheiden 
von dem Hellsehen, zu dem sie den Anstoss geben 
kann. Man pflegt die Rekonstruktion von Personen 
und Charakteren aus Haarlocken, Handschriften oder 
anderen Gegenständen, an denen ihre persönliche Aura 
haftet, in der spiritistischen Literatur als Psychometrie 
zu bezeichnen. Eine Erweiterung dieser Psychometrie 
ist die Rekonstruktion des Charakters von Landschaften 
sammt ihrer Flora und Fauna, aus denen exotische 
Produkte stammen, oder die Rekonstruktion vergangener 
ungewöhnlicher Ereignisse aus den Resten, die sie am 



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— 44 — 

Thatort zurückgelassen haben (z. B. des Wahrtraumes 
einer Mordthat in dem mit Blutresten behafteten Zimmer). 
Es ist dann das sensitive Gefühl von etwas Ungewöhn- 
lichem oder Schrecklichem, welches das sonnambule 
Traumbewusstsein in Gemüthserregung versetzt, d. h. in 
den Zustand der Interessirtheit an der Sache, welche 
für das Inkrafttreten des Hellsehens Bedingung scheint 
In anderen Fällen kann das Interesse am Eintritt 
des Hellsehens aus ganz andern Quellen stammen, z. B. 
aus dem Wunsche des Mediums, eine gestellte Aufgabe 
womöglich zu lösen (478 unten), oder aus der Verant- 
wortlichkeit eines Schiffskapitäns für die richtige Lei- 
tung seines Schiffes und halbunbewussten Bedenken 
über die Richtigkeit der Entschliessungen seines wachen 
Bewusstseins, die sich hallucinatorisch verkörpern (513 
bis 514), oder aus der Heimathsliebe und der Anhäng- 
lichkeit an Haus und Hof, oder aus dem Gemeinsinn, 
dem landsmannschaftlichen und nachbarlichen Solidari- 
tätsgefühl. Eine wichtige Rolle kann grade bei dem 
Hellsehen das indirekte Interesse spielen, wie es in 
gröbster Gestalt durch den Befehl des Magnetiseurs an 
seine Sonnambule, sich in Gedanken da oder dorthin 
zu versetzen, dargestellt wird, in feinerer Gestalt durch 
die ausgesprochenen oder unausgesprochenen Wünsche 
der Cirkelsitzer, durch das Medium dies oder jenes 
zu erfahren. Eine Verbindung psychometrischer und 
indirekter Interessenerregung würde zu finden sein in' 
dem Verfahren des „Geisterpostmeisters", der die ver- 
schlossenen brieflichen Anfragen Unbekannter an ihre 
verstorbenen Lieben so lange betastete, bis seinem 
sonnambulen Bewusstsein die Inspiration einer automa- 
tisch zu schreibenden Antwort von einem zu der Frage 
und den Wünschen und Erwartungen des Fragstellers 
passenden Inhalt aufging (53 1 — 534, 707 — 709, 7 14— 7 16). 
Da das betreffende Medium nicht immer unter Aufsicht 
von Zeugen arbeitete, so ist nicht ausgeschlossen, dass 
es in vielen Fällen durch Oeffhen und Lesen der Briefe 
seine psychometrische Inspiration unterstützt hat. Uebri- 
gens wird die Psychometrie zunächst diejenigen Stim- 
mungen, Gefühle, Erwartungen, Hoffnungen, Befürch- 
tungen, Wünsche u. s. w. reproduciren, welche der 
Schreiber während der Niederschrift des Fragebriefes 



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— 45 — 

empfand; denn nur durch diese kann die in den Brief 
übergegangene persönliche Aura (Jäger'scher Duftstoff) 
beeinflusst gewesen sein. Erst mittelbar kann diese 
Reproduktion auch einem telepathischen Rapport in 
Bezug auf die gegenwärtigen Stimmungen des Schrei- 
bers zum Motiv werden (711). 

Es scheint hier die Bemerkung nicht überflüssig, 
dass eine sich bewahrheitende Kundgebung über an- 
scheinend dem Medium ganz fern liegende Personen 
und Ereignisse der Vergangenheit darum noch keines- 
wegs aus einer hellsehenden Hallucination geschöpft 
zu sein braucht, sondern sehr wohl aus dem sonnam- 
bulen Gedächtniss des Mediums geschöpft sein kann, 
wenn sie im sonnambulen Zustand mitgetheilt wird, 
oder aus dem Gedächtniss des wachen Bewusstseins, 
wenn sie im wachen Zustande mitgetheilt wird. Das 
Medium kann auf seinen Reisen mit allerlei Leuten 
in's Gespräch gekommen sein, die ihm von ihren ver- 
storbenen Eltern und Verwandten erzählt haben; es 
kann sich diese für einen andern gleichgültigen An- 
gaben absichtlich für seinen Geschäftsbetrieb gemerkt 
oder unabsichtlich im wachen oder auch nur im son- 
nambulen Gedächtniss behalten haben. Es kann dann 
in einer späteren Sitzung sprechend oder schreibend 
oder klopfend einen fingirten Geist als redend ein- 
führen, welcher die im Gedächtniss behaltenen An- 
gaben selbstbiographisch enthüllt, sei es dass das 
Medium mit wachem Bewusstsein spricht oder schreibt 
(wenn auch mit verstellter Stimme oder Handschrift) 
oder den Tisch durch willkürliche Druckbewegungen 
klopfen lässt, sei es dass sein sonnambules Bewusstsein 
unter dem autosuggestiven Wunsche nach derartigen 
Kundgebungen die Daten des sonnambulen Gedächt- 
nisses in dieser Weise personificirt Wenn dann das 
Medium ausdrücklich befragt wird, ob es von diesen 
Daten etwas gewusst habe, so muss es im ersteren 
Falle zur Lüge greifen, im letzteren Falle nur dann, 
wenn neben dem sonnambulen Gedächtniss auch das 
des wachen Bewusstseins die Daten erinnerungsfähig 
erhalten hat. Eine solche Lüge dürfte wenigen Medien, 
und nicht bloss den Berufsmedien, Gewissensbisse be- 
reiten; sie scheint aber selten herausgefordert zu werden, 



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- 4 6 - 

da die Cirkelsitzer meistens gläubig genug sind, um 
das Schweigen des Mediums über diesen Punkt als 
stillschweigende Bestätigung des wunderbaren Charak- 
ters der Leistung zu deuten. Oft genug sind denn auch 
die Daten ungenau, (z. B. 7 Kinder statt 11 — S. 529 
u » 53°)»' a ^ er darüber geht man als über etwas Un- 
wesentliches hinweg, um über das Zutreffende desto 
lebhafter zu erstaunen. 

Es ist bekanntlich im besonderen Falle sehr schwie- 
rig, mit Sicherheit festzustellen, ob man es mit Betrug, 
mit sensitiver Sinneswahrnehmung, mit sonnambuler 
Gedächtnisshyperästhesie, mit Gedankenlesen aus dem 
wachen oder sonnambulen Bewusstsein der Anwesen- 
den, mit Telepathie, mit Kombinationen aller dieser 
Erscheinungen, oder mit Hellsehen oder einer Kombi- 
nation von Hellsehen mit den andern Erscheinungen 
zu thun hat. Auch wenn unsre Erkenntniss der ein- 
zelnen Erscheinungsgebiete bedeutend weiter fortschrei- 
ten sollte, wird diese Schwierigkeit niemals aufhören. 
Will man sich über das Hellsehen klar werden, so 
muss man eine Erscheinungsform desselben aufsuchen, 
die wo möglich vor jeder Vermischung und Verwech- 
selung mit den andern Erscheinungsgebieten durch ihre 
eigentümliche Beschaffenheit gesichert ist. Eine solche 
Erscheinungsform des Hellsehens ist das Vorgesicht, 
oder die wahrhafte Hallucination eines erst künftig ein- 
tretenden Ereignisses, dessen Eintritt in dieser bestimm- 
ten Gestalt und unter diesen näheren Umständen von 
keinem Lebenden vorausberechnet oder erschlossen 
werden kann. Nur in dieser Erscheinungsform haben 
wir mit Sicherheit das so zu sagen „chemisch reine" 
Hellsehen, oder das Urphänomen und Fundamental- 
phänomen des Heilsehens. 

Es ist bekannt, dass das Hellsehen eine relativ 
sehr seltene Erscheinung unter den zahllosen mediu- 
mistischen Erscheinungen ist; es dürfte kaum bestritten 
werden, dass unter allen Fällen des Hellsehens das 
Vorgesicht bei weitem am häufigsten ist. Wir sind 
demnach in der glücklichen Lage, dass die relativ 
häufigste und gewöhnlichste Form des Vorkommens 
zugleich das chemisch reine Urphänomen oder Funda- 
mentalphänomen zeigt. Deshalb muss das genauere 



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— 47 ~ 

Studium des Hellsehens unbedingt von dem Vorgesicht 
ausgehen, und jeder Erklärungsversuch des Hellsehens 
auf die Erklärung des Vorgesichts gebaut sein. Die 
Erkenntniss und die Erklärbarkeit der übrigen Formen 
des Hellsehens kann nur aus derjenigen des Vorge- 
sichts durch analoge Uebertragung geschöpft werden. 
Jede Erklärung des Hellsehens, die auf das gewöhn- 
liche Urphänomen des Vorgesichts nicht passt, muss 
falsch sein. 

Dies ist aber der Fall bei dem Versuch, das Hell- 
sehen durch die Geisterhypothese, d. h. durch tele- 
pathische Einflüsse Verstorbener zu erklären. Denn 
entweder sind die verstorbenen Geister nicht hellsehend 
in Bezug auf die Zukunft; dann können sie dem Medium 
nur dasjenige telepathisch mittheilen, was sie erlebt 
oder erfahren haben, also nichts beitragen zu einem 
Voraussehen zukünftiger Ereignisse. Oder aber die 
verstorbenen Geister sind hellsehend in Bezug auf die 
Zukunft, dann mögen sie allerdings ihre Vorausschau 
den Lebenden telepathisch mittheilen können. Das 
Problem des Hellsehens ist dann aber nicht gelöst, 
sondern nur von den Lebenden auf die Todten ver- 
schoben, wo es ebenso unerklärlich bleibt und noch 
viel unerklärlicher wird. Der Lebende hat doch ein 
deutlich erkennbares Interesse daran, die Zukunft seines 
Gehöftes, seines Dorfes, seiner Vaterstadt, seiner Ver- 
wandten, Freunde und Nachbarn vorauszusehen; der 
Geist eines Verstorbenen aber kann kein Interesse mehr 
an solchen irdischen Dingen haben, und selbst wenn er 
es hätte, so könnte er kein Interesse daran haben, den 
Lebenden seine Vorausschau telepathisch mitzutheilen 
und sie dadurch zu beunruhigen. 

So wenig man durch das blosse Sterben selig 
werden kann, wenn man nicht schon vorher die ewige 
Seligkeit im Herzen getragen hat, ebenso wenig kann 
man durch das Sterben hellsehend werden, wenn man 
es nicht schon vorher in der Tiefe des eigenen Geistes 
war. Seinem Wesen nach ist der menschliche Geist 
auch jetzt schon ein ewiger, überzeitlicher und unzeit- 
licher, und kann dies durch das Sterben nicht in 
höherem Grade werden als er es schon ist. Seiner 
Lebensbethätigung nach muss er in jeder Art von indi- 



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- 4 8 - 

viduellem Fort -Leben dem Gesetz des Werdens und 
der Entwickelung und damit auch der Zeitlichkeit 
unterworfen sein, wie er es im irdischen Leben ist. 
Jede Funktion ist an sich zeitlich, und jede Folge von 
Entwickelungsphasen muss eine zeitlich bestimmte sein. 
Es kann sich also durch das Sterben in keiner Hinsicht 
das Verhältniss des Individualgeistes zu Zeit und Ewig- 
keit ändern. Deshalb baut jeder Versuch, das Hell- 
sehen verstorbener Geister aus einem veränderten Ver- 
hältniss derselben zu Zeit und Ewigkeit zu erklären, 
auf einer unhaltbaren Voraussetzung. Wenn also die 
Verstorbenen hellsehend sind, so müssen sie es auch 
als Lebende schon gewesen sein. Wenn aber die 
Lebenden schon hellsehend sein können, so brauchen 
sie wiederum die Hülfe der Verstorbenen nicht, und 
wenn die Verstorbenen das Hellsehen doch nur aus 
dieser Existenzform in jene mit hinübernehmen, so gilt 
es die Erscheinung hier zu erklären, nicht dort, — am 
Lebenden, wo wir sie vor uns haben, nicht am Ver- 
storbenen, wo wir sie bloss nach Analogie der hiesigen 
Erfahrung supponiren. 

Aus diesem Gesichtspunkt habe ich versucht, das 
Hellsehen am Lebenden zu erklären. Wer dem leben- 
den Menschen das unmittelbare Hellsehen abspricht, 
muss natürlich in jedem derartigen Erklärungsversuch 
eine gegenstandslose Bemühung sehen; ich glaube aber 
kaum, dass dies die Meinung des Herrn Aksakow ist. 
Wer dem lebenden Menschen das Hellsehen im Sinne 
des Vorgesichts zuerkennt, der mag meinen Erklärungs- 
versuch unannehmbar finden, und entweder das Problem 
für unerklärlich halten, oder eine bessere Erklärung 
versuchen. Nur die Geisterhypothese kann nicht als 
Erklärung dienen, weil sie das Problem, anstatt es zu 
lösen, bloss um eine Stufe zurückschiebt, und dort als 
ebenso unerklärlich bestehen lässt. Wenn die Leben- 
den an und für sich schon hellsehend sind, so ist die 
telepathische Mitwirkung hellsehender Geister eine völlig 
überflüssige und grundlose Hypothese; wenn die Leben- 
den nicht hellsehend sind, so ist das supponirte Hell- 
sehen der Verstorbenen nicht bloss ebenso, sondern 
doppelt unbegreiflich, und keine „vierte Dimension" und 
keine „transcendentalen Wahrnehmungsorgane" können 



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~ 49 — 

an dieser Unbegreiflichkeit der zeitlichen Voraussicht 
der Geister etwas mildern. Das Hellsehen der Leben- 
den ist wenigstens ein der Beobachtung zugängliches 
und darum eher lösbares Problem; das Hellsehen der 
Verstorbenen ist ein bloss hypothetisches, entweder 
überflüssiges oder schlechthin unlösbares Problem, je 
nachdem man das Hellsehen der Lebenden daneben 
anerkennt oder leugnet. Die ganze Frage dreht sich 
also nur darum, ob das Hellsehen der Lebenden aner- 
kannt wird oder nicht; aber sie hat gar nichts damit 
zu thun, ob dieses Hellsehen erklärlich oder unerklärlich 
ist, und welche Erklärung diesem oder jenem annehm- 
bar scheint. 

Herr Aksakow hat meines Wissens keinen Versuch 
gemacht, das Urphänomen des Hellsehens, das Vor- 
gesicht, durch Geisterhülfe zu erklären; auch glaube ich 
nicht, dass er das unmittelbare Hellsehen des Menschen 
im Vorgesicht zu bestreiten beabsichtigt. Warum sollen 
wir dann aber nicht auch das „Rückgesicht" gelten 
lassen, warum für dieses die Geister Verstorbener be- 
mühen? Ist es denn nicht eine viel wunderbarere Lei- 
stung, einen Ausschnitt der noch nicht seienden Zukunft 
mit anscheinend zufälligen Einzelzügen vorauszuschauen, 
als die einst wirklich gewesene Vergangenheit, die 
in Nachwirkungen aller Art, in geschichtlichen Urkun- 
den und in dem geschichtlichen Wissen der Lebenden 
ihre gegenwärtigen Spuren hinterlassen hat, oder gar 
als die gegenwärtige Wirklichkeit, wenn auch eine 
räumlich entfernte? Ist den Lebenden die Fähigkeit 
des Vorgesichts nicht abzusprechen, so kann man ihnen 
das Geringere nicht abstreiten wollen, nachdem man 
ihnen das Grössere eingeräumt hat. Wo bleibt dann 
aber die Behauptung, dass die Leistungen des Hell- 
sehens über die Fähigkeiten des lebenden Menschen 
hinausgehen? 

Eine solche Ueberschreitung der Fähigkeiten des 
Mediums durch den Inhalt ihrer Kundgebungen habe 
ich nirgends und auf keinem Punkte der von 
Herrn Aksakow beigebrachten Beispielreihen gefunden, 
noch viel weniger im Bereiche der sensitiven Wahr- 
nehmung, Gedächtnisshyperästhesie und Telepathie als 
in demjenigen des Hellsehens. Herr Aksakow stützt 

Hartmann, Geisterhypothese. 4 



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— 5o — 

aber die Unentbehrlichkeit der Geisterhypothese grade 
auf diese Behauptung. Die Mitwirkung einer ausser- 
mediumistischen Intelligenz bei dem Zustandekommen 
des Kundgebungsinhalts soll durch den soeben bespro- 
chenen Abschnitt des Werkes festgestellt sein, und es 
handelt sich für Herrn Aksakow nun bloss noch um 
die nähere Beschaffenheit dieser Intelligenz (571 — 572). 
Da nun die Hypothese von überirdischen menschlichen 
Wesen von einer uns unbekannten Art als blosse ab- 
strakte Möglichkeit bei Seite geschoben wird, und die 
Mitwirkung lebender menschlicher Wesen am Kund- 
gebungsinhalt durch Vorstellungsübertragung und Tele- 
pathie zwar anerkennt, aber nicht für ausreichend be- 
funden worden ist, so soll nur die Mitwirkung der 
Geister von verstorbenen Menschen übrig bleiben (572, 
648—649). Man sieht, dass dieser ganze Induktions- 
beweis in sich zusammenbricht, wenn ihm die Voraus- 
setzung entzogen wird, auf der er ruht, nämlich die 
Behauptung, dass der Kundgebungsinhalt durch die 
Fähigkeiten des Mediums im geistigen Konnex mit 
andern lebenden Menschen nicht ausreichend zu er- 
klären ist, sondern dieselben überschreitet. Damit fällt 
nämlich die aussermediumistische Intelligenz überirdischer 
Art hinweg, und damit auch der Antrieb, dieselbe näher 
zu bestimmen, d. h. den Geist eines Verstorbenen in 
ihr zu vermuthen. 

Indessen ist die Geisterhypothese damit doch noch 
nicht definitiv erledigt, wie es den Anschein haben 
könnte. Beseitigt ist nur der Anspruch der Geister- 
hypothese, ein eigenes Erklärungsgebiet zu besitzen, 
für welches die Erklärung durch die innermediumistischen 
Intelligenzen im Konnex mit Lebenden als schlechthin 
unzulänglich ausgeschlossen wäre. Nicht ausgeschlossen 
ist dagegen der Anspruch der Geisterhypothese, inner- 
halb des durch innermediumistische Intelligenzen er- 
klärbaren Erscheinungsgebietes mit dieser Erklärungs- 
weise zu konkurriren, und sich unter Umständen als 
die wahrscheinlichere von beiden möglichen 
Erklärungsarten zu erweisen. Dieser Wahrschein- 
lichkeitsvorzug der Geisterhypothese gegen die inner- 
mediumistische Erklärung soll begründet werden durch 
den Identitätsnachweis eines sich im Kundgebungs- 



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— 5i — 

inhalt manifestirenden Geistes mit einem verstorbenen 
Menschen (650 — 651). Dieser Identitätsnachweis ist 
sonach die letzte Stütze der Geisterhypothese; wenn 
auch sie nicht haltbar ist, so verliert in ihr die Geister- 
hypothese ihren nunmehr einzigen Halt. 



2. Der Spiritismus im engeren Sinne. 

a. Der Identitätsnachweis der Geister- 
Herr Aksakow giebt zu, dass die Frage der Iden- 
tität der Geister der Stein des Anstosses im Spiri- 
tismus sei, dass die sich bewährenden Fälle so sehr 
selten und in der Regel mehr oder weniger mangel- 
h aft sind (654), dass die Mehrheit der Thatsachen meist 
nur subjektiv überzeugend ist für die dabei interessirte 
Person (656), dass die subjektive Ueberzeugung fern 
von logischer Rigorosität sich auf einen Urtheils- 
spruch des Gefühls stützt (754) und dass der absolute 
Beweis der Identität auf eine Unmöglichkeit hinaus- 
läuft (753). 

Damit ist eingestanden, dass die letzte Stütze der 
Geisterhypothese, der Identitätsbeweis, objektiv uner- 
bringlich ist, und lediglich im subjektiven Gefühl der 
dabei Interessirten ruht. Hiermit könnte die Sache für 
abgethan gelten; denn mit subjektiven, auf blosse Ge- 
fühle gestützten Ueberzeugungen streitet die Wissen- 
schaft nicht, so lange diese subjektiven Ueberzeugungen 
sich keine objektive Gültigkeit beimessen. Aber grade 
hierin liegt die Gefahr. Die subjektive Ueberzeugung 
verwechselt gar zu leicht die subjektiv „unwidersteh- 
liche Gewalt" des Geföhlsimpulses (754) mit einer ob- 
jektiven Beweiskraft, und die Nichtabsolutheit ihrer 
selbst mit einer Nichtabsolutheit objektiv gültiger In- 
duktionen von einer Wahrscheinlichkeit über a / 2 . Die 
gefuhlsmässige Ueberzeugung verknüpft phantasiemässig 
ohne Rücksicht auf die Forderungen der Logik; der 
objektive Wahrscheinlichkeitsbeweis dagegen geht streng 
nach logischen Gesetzen vor sich, wenn er auch wegen 
Unvollständigkeit der ihm zu Gebote stehenden Prämissen 



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— 52 — 

nicht Gewissheit, sondern nur eine gewisse Wahrschein- 
lichkeit erzielt. Nur über objektive Wahrscheinlichkeiten 
lässt sich mit logischen Waffen streiten, über subjektive 
Gefühle nicht. Beides darf deshalb nicht verwechselt 
oder mit einander vermengt werden; vielmehr besteht 
die Aufgabe der wissenschaftlichen Reflexion wesentlich 
darin, beides zu sondern und die objektiv gültigen In- 
duktionen von bloss subjektiven Ueberzeugungen mit 
rein gefühlsmässiger Sanktion zu sondern und zu rei- 
nigen. Denn in der phantasiemässigen, der Logik spot- 
tenden Verknüpfung und in der gefühlsmässigen Sank- 
tion liegt die Quelle aller Vorurtheile. 

Herr Aksakow räumt ein, dass bei dem Erblicken 
eines Phantoms, das einem Verstorbenen ähnlich ist, für ein 
ungeschultes Denken der Phantasieschluss auf die Identität 
des Phantoms mit dem Verstorbenen das Nächstliegende, 
Einfachste, Natürlichste und scheinbar Zwingendste 
ist und dass dieser Phantasieschluss in den meisten 
Fällen eine gefuhlsmässige Sanktion erhalten wird; 
gleichwohl giebt er zu, dass dieser Schluss voreilig und 
objektiv unhaltbar ist und durch die wissenschaftliche 
Reflexion berichtigt werden muss (642). Genau in dem- 
selben Sinne räume ich ein, dass eine Kundgebung, im 
Namen eines Verstorbenen, deren Inhalt dem intimen 
Interessenkreise eines Verstorbenen angehört, oder dessen 
stilistische Ausdrucksweise oder Handschrift zeigt, für 
ein ungeschultes Denken den Phantasieschluss nahelegt, 
der Geist des Verstorbenen selbst bewirke diese Kund- 
gebung, und dass dieser Phantasieschluss leicht eine 
gefuhlsmässige Sanktion erhält. Ich behaupte aber, 
dass der Phantasieschluss hier ebenso voreilig und un- 
haltbar ist wie dort, und dass die analogen wissen- 
schaftlichen Reflexionen auch hier diese Unhaltbarkeit 
biossiegen. 

Herr Aksakow führt vier formelle Merkmale auf, 
durch die ein sich manifestirender Geist seine Identität 
mit einem verstorbenen Menschen soll legitimiren können: 
Sprache, Schrift, Orthographie und körperliches Aus- 
sehn (655); dazu kommt dann als inhaltliches Merkmal 
die Mittheilung von später bewahrheiteten Thatsachen, 
die nur dem Verstorbenen bekannt sein konnten. Diese 
Merkmale sollen objektive Beweiskraft haben, wenn sie 



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- 53 — 

entweder in Abwesenheit der interessirten Person auf- 
treten, oder solche Züge an sich tragen, welche auch 
die Anwesenheit der interessirten Person nicht zu be- 
einflussen vermag; sie sollen absolute Beweiskraft haben, 
wenn sie beide Bedingungen vereinigen (656). Herr 
Aksakow schreibt ihnen objektive, beziehungsweise ab- 
solute Beweiskraft offenbar nur zu erstens unter der 
selbstverständlichen Voraussetzung, dass das sonnambule 
Gedächtniss des Mediums nicht über die zur Darstellung 
gelangenden Merkmale verfugt, auch nicht im Stande 
ist, sich dieselben durch Gedankenlesen aus dem sonnam- 
bulen Gedächtniss eines der Anwesenden oder durch 
Anknüpfung eines telepathischen Rapports mit einem 
abwesenden Lebenden, oder durch Hellsehen zu ver- 
schaffen. Ein flüchtiger Blick zeigt, dass die Prüfung 
der Beispiele auf diese stillschweigend gemachten Vor- 
aussetzungen von den Berichterstattern gänzlich ver- 
säumt ist, und dass Herr Aksakow meistens gar nicht 
in der Lage war, diese Versäumniss der Berichterstatter 
nachzuholen. Deshalb können alle diese Fälle objektiv 
gar nichts beweisen. 

Ueber die Leichtfertigkeit, mit welcher die Bericht- 
erstatter die Unbekanntschaft der Medien mit fremden 
Sprachen blindlings voraussetzen oder ihnen aufs Wort 
glauben, habe ich mich schon oben geäussert Das 
Gleiche gilt für die Leichtfertigkeit, mit welcher sie an 
die Unbekanntschaft der Medien mit der Fingersprache 
der Taubstummen, mit dem telegraphtschen Morse- 
Alphabet, oder mit der eigenthümlichen Ausdrucks- 
weise, Handschrift und Orthographie eines Verstorbenen 
oder mit einer einzelnen charakteristischen Aeusserung 
desselben glauben, ohne jeden Versuch, dieser Haupt- 
bedingung näher nachzuforschen. Die Berichterstatter 
stützen sich mit Unrecht darauf, dass die Kenntniss 
des Stils oder der Sprechweise, oder der Handschrift 
eines Verstorbenen fiir das wache Bewusstsein eines 
Menschen nicht genügt, sie nachzuahmen; denn sie 
übersehen dabei zweierlei. Erstens verfugt das son- 
nambule Bewusstsein über ein viel genaueres Detail- 
gedächtniss und Formengedächtniss und über eine 
ungleich grössere, gleichsam automatische Nachahmungs- 
gabe und schauspielerisches Vermögen, und zweitens 



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— 54 — 

hat das wache Bewusstsein bei längeren Versuchsreihen 
Zeit und Gelegenheit genug, sich Stilarten und Hand- 
schriften einzuüben, fremdsprachige Kundgebungen vor- 
zubereiten, und dabei sogar die Beihülfe Dritter, die 
mit den Sprachen vertraut sind, zu benutzen, und kann 
dadurch die Hülfsmittel des sonnambulen Bewusstseins 
bedeutend vermehren und verbessern. 

Herr Aksakow unterlässt meistens die-Hinzufugung 
der von den Berichterstattern vergessenen Kritik. Er 
erklärt z. B. einen Fall für einen in seinen Augen ab- 
soluten Identitätsbeweis, wo ein Medium fünf Jahre 
lang mit einem Herrn in 388 Sitzungen experimentirte, 
mit der Handschrift seiner Frau schrieb und ein Mal 
sogar eine Karte mit französischen Sätzen beschrieb 
(668—670, 749). Sollte es wirklich dem Medium, das 
das volle Vertrauen des Wittwers genoss, so schwer 
geworden sein, sich Briefe oder Aufzeichnungen der 
Verstorbenen zur Ansicht zu verschaffen, und ein Paar 
von einem Dritten in's Französische übersetzte Sätze 
zum Zweck der mediumistischen Niederschrift auswendig 
zu lernen? In ähnlichen Fällen sieht man sogar, dass 
die ersten Schreibversuche eine unvollkommene Aehn- 
lichkeit der Handschrift zeigen, welche im Laufe der 
Zeit mit der Uebung (wohl auch einsamer häuslicher) 
steigt (673). Nur ein Mal bemerkt Herr Aksakow, dass 
ein eng vertrauter Zimmer- und Bettgenoss sich wohl 
hätte Zugang zu den Briefen der Mutter verschaffen 
können, deren Handschrift er mediumistisch nachahmte 
(678). In einem andern Beispiel, wo es sich nur um 
eine einmalige Kundgebung handelt, schreibt das Me- 
dium fernwirkend auf der unter den Tisch gehaltenen 
Tafel, während der Interessirte seine Hand unter die 
die Tafel haltende Hand des Mediums legt; hier sind 
die physikalischen Bedingungen für die Vorstellungs- 
übertragung, beziehungsweise für die unbewusste me- 
diumistische Mitwirkung des Interessirten besonders 
günstig (671 — 672). In keinem der Beispiele hat eine 
Vergleichung der Handschriften durch Schreibverstän- 
dige und eine Begutachtung durch solche stattgefunden; 
oft ist auch bloss von einer gewissen allgemeinen 
Aehnlichkeit und von einer auffallenden Uebereinstim- 
mung einzelner Buchstaben die Rede. Ohne Zweifel 



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— 55 — 

wird die Aehnlichkeit der Handschriften um so grösser 
sein, je länger die Medien Zeit gehabt haben, sich auf 
die Nachahmung einzuüben; aber auch die unvollkom- 
menste Aehnlichkeit wird von dem Gläubigen als Iden- 
titätsmerkmal mit dem theuren Verstorbenen willkommen 
geheissen, und schwerlich dürfte selbst die beste der- 
artige Imitation vor den Blicken eines kundigen Schreib- 
verständigen forensische Aucthenticität haben. 

Herr Aksakow konstatirt, keinen Fall zu kennen, 
in dem bei Abwesenheit einer interessirten und mit 
der Handschrift vertrauten Person eine ganze Mitthei- 
lung in der Handschrift eines Verstorbenen erhalten 
worden wäre; er führt aber ein Beispiel an, welches 
eine Aehnlichkeit in der ungewöhnlichen Form einzelner 
Buchstaben zeigt (678 — 682). Ich lasse es dahin ge- 
stellt, ob hier bloss der Zufall sein Spiel getrieben hat, 
oder ob die sonnambule Traum-Phantasie des Mediums 
mit dem Bilde eines alten Priesters, der ihm einen Satz 
in alterthümlichen geistlichen Redewendungen sagt, 
auch unwillkürlich alterthümliche, bei älteren russischen 
Geistlichen vielleicht öfter vorkommende Buchstaben- 
formen associirte. 

Was die letzte formale Bedingung, die Aehnlich- 
keit der äusseren Erscheinung eines Phantoms mit dem 
Verstorbenen betrifft, so habe ich schon oben in der 
Einleitung konstatirt, dass die Objektivität oder Sub- 
jektivität, Realität oder Idealität des Phantoms für den 
Identitätsnachweis vollkommen gleichgültig ist, und es 
nur auf die Aehnlichkeit als solche ankommt. Das 
Gefühl des Mediums von Halsschmerzen, Frost oder von 
erstickendem Rauch, welches associativ durch die Vor- 
stellung der einstigen Todesart der bezüglichen sonnam- 
bulen Traumfigur hervorgerufeii wird (724—728), liegt 
noch ganz auf der inneren, psychischen Seite, und 
kann man nicht wohl sagen, dass es zur psychischen 
Aeusserlichkeit hinüberleite, wie Herr Aksakow thut 
(751). Wenn das, gleichviel ob subjektive oder objek- 
tive Phantom der x Erscheinung, die der Verstorbene bei 
Lebzeiten hatte, ähnlich ist, so kommt das nach der 
spiritistischen Hypothese daher, dass der Geist sich 
seines eignen früheren Aussehens erinnert und dieses 
Bild (sammt etwaigen Gebrechen, zerrissenen Klei- 



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- 56 - 

dem u. s. w.) telepathisch in das sonnambule Bewusst- 
sein des Mediums überträgt, und das Medium nun 
seinerseits dieses empfangene Bild entweder aus seinem 
organischen Stoff verkörpert (d. h. seinen Doppelgänger 
nach Maassgabe dieses Bildes modelt), oder aber es als 
Hallucination in das Bewusstsein der Anwesenden über- 
trägt. Nach meiner Annahme hingegen würde es daher 
kommen, dass der an diesem Verstorbenen interessirte 
Cirkeltheilnehmer das Bild des Verstorbenen in seinem 
wachen, und noch schärfer in seinem sonnambulen Ge- 
dächtniss bewahrt und durch bewussten oder unbe- 
wussten Wunsch erweckt hat, dass er zugleich durch 
diesen bewussten oder unbewussten Wunsch dem Me- 
dium eine Mentalsuggestion zugeführt hat, welche das- 
selbe veranlasst, dieses Bild aus dem sonnambulen Be- 
wusstsein des Theilnehmers in das seinige herüber- 
zuholen und dann weiter zu verfahren, wie vorhin 
bemerkt. 

Bekanntlich hat niemand ein deutliches Bild von 
seiner persönlichen Gesammterscheinung, und jedenfalls 
ein undeutlicheres und mangelhafteres als irgend ein 
Dritter. Es muss daher dem Cirkeltheilnehmer leichter 
werden, das Bild des Verstorbenen neu zu beleben als 
dem verstorbenen Geiste selbst. Wenn jemand bei 
Lebzeiten in seiner Erscheinung unsymmetrisch war, 
z. B. eine rechte hohe Schulter, oder eine dicke Backe 
oder einen linken verkürzten Fuss oder ein fehlendes 
Auge oder einen stets auf einer Seite sitzenden Scheitel 
hatte, so muss diese Asymmetrie im Phantom richtig 
auftreten, wenn das Medium das Bild desselben aus 
einem Dritten geschöpft hat, aber verkehrt, wenn es 
das Bild von dem Geiste des Verstorbenen empfangen 
hat Denn der Verstorbene kannte seine Gesammt- 
erscheinung, insbesondere sein Gesicht, bei Lebzeiten 
nur aus seinem Spiegelbilde, und kann deshalb auch 
nur sein Spiegelbild aus dem Gedächtniss reproduciren. 
Von einer solchen Umkehrung von rechts und links in 
den Phantomen Verstorbener habe ich noch niemals 
etwas gelesen, und halte damit allein die Geisterhypo- 
these für widerlegt. 

Herr Aksakow räumt ein, dass die Aehnlichkeit 
als solche nur dann etwas beweisen könne, wenn sie in 



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— 57 ~ 

Abwesenheit einer den Verstorbenen kennenden Person 
auftritt Ein solcher Fall in Bezug auf ein den Bei- 
sitzern sichtbares Phantom ist ihm nicht bekannt; er 
fuhrt statt dessen ein Beispiel an, in welchem das 
Medium nach dem Erwachen das Traumbild einer 
jungen Dame beschreibt, und diese später in einem 
Frauenporträt wieder zu erkennen glaubt (731 — 732). 
Nun war aber während dieser Vision das sonnambule 
Bewusstsein des Mediums mit der Erinnerung an eine 
frühere Sitzung beschäftigt, wie aus den automatisch 
geschriebenen Mittheilungen hervorging, und bei dieser 
früheren Sitzung war die Mutter der fraglichen jungen 
Dame zugegen gewesen. Was liegt da näher als die 
Vermuthung, dass auch das Traumbild der jungen Dame 
nur eine wiederauftauchende Reminiscenz aus dem 
Traum der vorhergehenden Sitzung war, und dass in 
dieser das Bild aus dem sonnambulen Bewusstsein der 
Mutter in dasjenige des Mediums übertragen war. In 
der letzten Sitzung hatte sich zufälliger und ungewöhn- 
licher Weise das Medium seines Traumbildes nach dem 
Erwachen erinnert, in der vorhergehenden nicht; in den 
automatischen Schreibmanifestationen der zweiten Sitzung 
war von dem gleichzeitig bestehenden Traumbild so 
wenig die Rede wie in denen der ersten. Dieses Bei- 
spiel zeigt auch, in welcher engen Verbindung schrift- 
liche Kundgebungen oder Klopfmittheilungen zu gleich- 
zeitig bestehenden Hallucinationen sich befinden können, 
:>hne dass von dem gleichzeitigen Bestehen der Hallu- 
:ination in der Kundgebung durch Worte etwas zu 
nerken ist; es bestätigt dies, wie leicht telepathische 
Eindrücke, welche vom Medium den Anwesenden durch 
Worte mitgetheilt werden, in hallucinatorischer Gestalt 
empfangen sein können. 

Während die Photographie das entscheidende Merk- 
nal für die objektive Realität oder subjektive Idealität 
ler Phantome darbietet, ist sie für die Feststellung der 
\ehnlichkeit mit Verstorbenen wenig geeignet, weil sie 
arblose, stark verkleinerte und meist recht undeutliche 
3ilder liefert. Ein gläubiges Gemüth mag in einer zu- 
fällig beim Photographen aufgefundenen Geisterphoto- 
p-aphie eine Aehnlichkeit mit einem theuren Verstor- 
bnen erblicken (740—741); aber diese Aehnlichkeit 



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- 58 - 

wird wohl meistens über diejenige einer Wolke mit 
einem Kameel nicht hinausgehen. Zufällige Aehnlich- 
keiten eines Bildes mit einem Lebenden finden sich 
auch sonst nicht ganz selten, jedenfalls weit häufiger 
als die doch auch vorkommenden Aehnlichkeiten 
zwischen zwei lebenden Menschen, die zu Verwech- 
selungen führen. Deshalb beweisen solche vermeint- 
lichen Aehnlichkeiten von Photographien mit Verstor- 
benen noch weit weniger als die Aehnlichkeit von 
Handschriften. Uebrigens ist das Gebiet der Geister- 
photographie der Tummelplatz des raffinirtesten Schwin- 
dels und der frechsten Ausbeutung gewesen und die 
wenigen hier angeführten Beispiele beziehen sich theils 
auf notorische Schwindler (733, 737, 739, 750), theils 
sind sie in der Art ihrer schrittweise vorgehenden Aus- 
führung äusserst verdächtig (735 — 736). 

Herr Aksakow giebt zu, dass die Literatur keine 
Materialisationserscheinungen von Verstorbenen in Ab- 
wesenheit einer mit ihrem Aussehen bekannten Person 
aufweist, und erklärt dies daraus, dass dazu jedes Motiv 
fehlen würde (751—752). Indessen wäre die Photo- 
graphie gerade in diesem einzigen Fall berufen als 
Vermittler einzutreten, und ein Geist, wenn er den 
Wunsch hat, seine Existenz durch die Aehnlichkeit 
seiner Erscheinung zu bezeugen, könnte dies nicht 
zweckmässiger thun, als dadurch, dass er die von ihm 
vermittelst des Mediums materialisirte Erscheinimg 
photographiren, und diese Photographie von den ab- 
wesenden mit seinem früheren Aussehn bekannten Per- 
sonen rekognosciren liesse. Freilich müssten zu dem 
Zwecke bessere Photographien geliefert werden als 
bisher. 

Nach alledem ist es bisher nicht gelungen, durch 
formale Merkmale der Kundgebungen für die Identität 
einen Wahrscheinlichkeitsbeweis von objektivem Werthe 
zu führen; weder Sprache noch Handschrift noch Aehn- 
lichkeit der Erscheinung haben sich in Abwesenheit 
der interessirten Person kundgegeben, aus deren son- 
nambulen Gedächtnissinhalt das Medium sie schöpfen 
konnte. Es bleibt nunmehr nur noch der letzte Rekurs 
auf den geistigen Gehalt der Kundgebungen zu be- 
sprechen übrig. 



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— 59 — 

Wir haben schon oben gesehen, wie verblüffende 
Wirkungen auf die Cirkeltheilnehmer eine geschickte 
Einkleidung zufälliger Personal-Kenntnisse und Erfah- 
rungen eines Mediums gewinnen kann, wenn sie von 
ihm in die Form einer direkten Geisterkundgebung ge- 
bracht werden und nachher Bestätigung finden. Wenn 
die Personen, auf welche diese Mittheilungen sich be- 
ziehen, allen Anwesenden unbekannt sind, so scheint 
das den Werth der Kundgebung zu erhöhen, macht 
es aber nur um so wahrscheinlicher, dass dem Medium, 
wenn nicht die verstorbenen Personen selbst, so doch 
die Notizen über ihr Leben bekannt waren, und dass 
sein waches oder sonnambules Bewusstsein diese Kennt- 
niss geschickt verwerthet hat. Dass das sonnambule 
Traumbewusstsein überhaupt die personificirende Ein- 
kleidung liebt, ist zu bekannt, um ihr irgend welche 
Beweiskraft für die Wahrheit solcher Hallucinationen 
beizulegen. Oft genug ist die Traumfigur, welcher die 
Mittheilung vom sonnambulen Bewusstsein in den Mund 
gelegt wird, eine andre Person als diejenige, auf welche 
sich die Mittheilung bezieht; gewöhnlich steht sie dann 
aber mit der letzteren in irgend welcher Vorstellungs- 
verknüpfung, durch deren associativen Einfluss gerade 
sie zur Botin und Ueberbringerin der Mittheilung her- 
vorgezaubert wird. 

Auch im gewöhnlichen Traum verkehren wir mit 
längst Verstorbenen wie mit noch Lebenden; kein 
Wunder, dass sich diese Gewohnheit auch in die mediu- 
mistischen Träume des sonnambulen Bewusstseins fort- 
setzt und bald Verstorbene, bald auch Lebende als 
Ueberbringer von Mittheilungen auftreten. Auch die 
Verstorbenen werden dann meist solche Personen sein, 
lie für das Medium in associativer Beziehung zu der 
iie Mittheilung betreffenden Person stehn. Ein geister- 
jläubiges Medium wird sogar den unwillkürlichen Trieb 
laben, die Verstorbenen vor den Lebenden zu bevor- 
:ugen, und wird dazu unwillkürlich noch mehr ge- 
rieben, sobald es bemerkt, dass die von Verstorbenen 
iberbrachten Botschaften dem geistergläubigen Theil- 
lehmerkreise werthvoller, interessanter und ehrwürdiger 
erscheinen. 

Diese Personifikation des Boten ist unabhängig 



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— 6o — 

davon, ob der Inhalt der Mittheilung aus dem eigenen 
Gedächtniss, oder aus dem Vorstellungskreise der An- 
wesenden geschöpft oder durch telepathischen Rapport 
oder Hellsehen gewonnen ist. Beim telepathischen 
Rapport kann der lebende Träger des Rapports selbst 
als mittheilende Traumfigur im sonnambulen Bewusst- 
sein des Mediums auftreten, womit dann die Telepathie 
in „Telephanie" übergeht; es kann aber auch die Traum- 
figur, der die Mittheilung in den Mund gelegt wird, 
eine ganz andere Person sein, als diejenige, mit welcher 
der telepathische Rapport besteht. So kleidet z. B. in 
einem Falle, den Herr Aksakow als einen der zwin- 
gendsten zu Gunsten der spiritistischen Hypothese be- 
trachtet, das Medium den telepathischen Einfluss eines 
ihr bekannten, in nihilistische Umtriebe verwickelten 
Studenten in die Personifikation der Braut seines am 
Nihilismus zu Grunde gegangenen Bruders, die sich 
wenige Tage vorher aus Kummer und Verzweiflung 
das Leben genommen hat, und die von dem Medium 
bei ihren Lebzeiten zwar wenig gekannt aber bewun- 
dert und aus der Ferne angeschwärmt worden war 
(692 — 701). Man kann sich kaum eine näher liegende 
Traumfigur als Botin der telepathischen Mittheilungen 
denken. 

So lange man den lebenden Menschen zu finden 
vermag, durch Rapport mit welchem die telepathische 
Erlangung von Kenntnissen möglich ist, so lange wird 
man nicht berechtigt sein, zu dem Rapport mit Ver- 
storbenen zu greifen, da einer bekannten und thatsäch- 
lich existirenden Ursache unbedingt der Vorzug ge- 
bührt vor einer bloss ad hoc angenommenen Ursache 
von hypothetischer Existenz. Es ist wahr, dass ein 
Rapport zwischen Lebenden entweder irgend welche 
direkte oder indirekte Gemüthsbeziehungen oder eine 
sinnliche Vermittlung (psychometrische Anknüpfung) 
voraussetzt; aber diese Bedingungen sind fast in allen 
gegebenen Beispielen als erfüllt erkennbar, auch da, 
wo Herr Aksakow das Gemüthsinteresse vermisst. So 
z. B. liegt bei dem „Geisterpostmeister" (706—716) die 
psychometrische Anknüpfung des Rapports durch Briefe 
ebenso deutlich zu Tage, wie in dem Falle Owens, wo 
sein Buch und zwei Briefe von seiner Hand einen fort- 



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— 61 — 

schreitenden telepathischen Rapport mit ihm auf Seiten 
des sie empfangenden und für das Buch und seinen 
Autor begeisterten Mediums hervorbringen (684 — 686). 
Dass diese telepathischen Einflüsse sich für das Medium 
in die Gestalt einer verstorbenen Freundin Owens 
kleiden, ist um so weniger zu verwundern, als Owens 
Phantasie beständig mit dem Bilde dieser Freundin be- 
schäftigt war. 

Zwei Schwestern sind gewiss vertraut genug mit 
einander zu telepathischem Rapport, zumal wenn sie 
beide als Medien thätig sind; wenn beide gewöhnt sind, 
die Kundgebungen ihres sonnambulen Bewusstseins 
auf die Traumfigur ihres verstorbenen Bruders als Ur- 
heber zu beziehen, und beide im spiritistischen Sinne 
an die Realität dieses Geistes glauben, so versteht es 
sich für sie von selbst, dass dieser Geist nicht bei ihnen 
beiden zugleich sein kann, wenn sie gleichzeitig an ver- 
schiedenen Orten „arbeiten", sondern nur abwechselnd 
bei je einer von ihnen. Es liegt also nahe, dass der 
telepathische Rapport, welcher der einen von ihnen 
ankündigt, dass der Geist eben bei der andern sei, sie 
zugleich unwillkürlich verhindert, zu derselben Zeit ihre 
eigenen Kundgebungen auf die Anwesenheit dieses 
Geistes zu beziehen. Uebrigens erweckt der Bericht 
den lebhaften Verdacht, dass diese Behinderung des 
Geistes sammt ihrer brieflichen Bestätigung ein vorher 
zwischen den Schwestermedien abgekartetes Manöver 
gewesen sei (454—455), ähnlich wie die identischen 
Kundgebungen zweier andern Schwestermedien in ge- 
trennten Zimmern desselben Hauses (462 — 463)! 

Nun kann es ja vorkommen, dass ein Interesse des 
Mediums an dem Rapport mit einer bestimmten Person 
nicht auffindbar ist, weder ein direktes noch ein in- 
direktes in dem oben näher bezeichneten Sinne. Dann 
wäre doch immerhin die Behauptung sehr voreilig, dass 
ein solches Interesse nicht existire; denn wer das 
behaupten wollte, der müsste sich zum Herzenskündiger 
aufwerten und bestreiten, dass ein anderer Mensch 
[nteressen haben könnte, die er nicht durchschaute, 
[ch habe schon oben erwähnt, wie wenig die vorhan- 
denen Interessen von den Berichterstattern gewürdigt 
werden, wenn Nachbarschaft, Freundschaft, abgelehnte 



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— 62 — 

Bewerbung u. dgl. nicht als Interessen gelten sollen. 
Aehnlich geht es auch Herrn Aksakow mit dem Fall 
des nihilistischen Studenten, wenn er sagt: „hier existirt, 
wie wir wissen, kein gemüthlicher Rapport" (702). 
Aber das Medium war tief erschüttert durch die Ver- 
urtheilung und Tödtung des geliebten Vetters ihrer 
angeschwärmten jungen Freundin und deren Selbst- 
mord und kannte den überlebenden Bruder des zu 
Grunde Gegangenen ebensowohl persönlich, als sie sich 
fiir die nihilistische Bewegung, sei es um der Sache 
willen, sei es um der Begeisterung der Freundin willen, 
interessirte. Ob daneben nicht noch ein tieferes per- 
sönliches Interesse für den Studenten in ihr aufgekeimt 
war, kann Herr Aksakow schwerlich wissen, da junge 
Mädchen dergleichen geheim zu halten pflegen. Jeden- 
falls hätte die persönliche Bekanntschaft und das Inte- 
resse für die gemeinsame Freundin so wie für die nihi- 
listische Bewegung hingereicht, ihre Gedanken auf den 
Studenten hinzulenken. Diesem mochte bei dem Be- 
such nihilistischer Versammlungen beklommen genug 
zu Muthe sein, da er die möglichen Folgen an seinem 
Bruder vor Augen hatte; gerade mit dieser Beklommen- 
heit fielen aber die Sitzungen des Mediums zusammen, 
in denen sich der telepathische Einfluss in die Person 
der vor wenigen Tagen gestorbenen Freundin kleidete. 
So fehlt es in diesem Berichte keineswegs an Anhalts- 
punkten zu einer Reduktion des Vorganges auf blosse 
Telepathie mit symbolisch -personifaktorischer Einklei- 
dung, während Herr Aksakow in ihm einen so abso- 
luten Identitäts-Beweis erblickt, als ein Beweis solcher 
Art im Allgemeinen möglich ist (603). 

Eine Konkurrenz der Geisterhypothese mit dem 
telepathischen Einfluss Lebender scheint so lange aus- 
geschlossen, wie die Möglichkeit offen steht, die be- 
treffenden Mittheilungen aus dem Vorstellungskreise 
Lebender zu schöpfen. Ein Medium ist stets daran 
interessirt, wunderbare thatsächliche Mittheilungen auf- 
zutreiben, durch die es die Anwesenden in Verwun- 
derung setzen und seinen Ruf erhöhen kann. Fehlt 
nun der Auftrag, über bestimmte Dinge und Personen 
Auskunft zu geben, ist vielmehr der Phantasie des 
Mediums Vollmacht gegeben, wo und über wen es 



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- 6 3 - 

wunderbare Mittheilungen auftreiben will und mag, so 
kann im Medium die unbestimmte Autosuggestion wirk* 
sam werden, irgendwo und mit irgendwem einen tele- 
pathischen Rapport anzuknüpfen. Das sonnambule Be- 
wusstsein kann dann gleichsam auf die Suche nach 
einem telepathischen Rapport, gleichviel mit wem, aus- 
gehen, und wird alsdann da am ehesten Anknüpfung 
finden, wo die körperlichen Vorbedingungen, speciell 
die Beschaffenheit des Nervensystems, und die zeit- 
weilige Stimmung diese Anknüpfung erleichtert. 

Knüpft es z. B. Rapport an mit einem übelwollen- 
den Schuldner, den das böse Gewissen plagt, weil er 
den Erben eines Verstorbenen die schuldige Rück- 
zahlung vorenthalten hat, so kann sich dieser tele- 
pathische Einfluss zu einer Mittheilung des Verstorbenen 
über die ihm vorenthaltene Summe personificiren. Noch 
günstiger wird die Gemüthsstimmung für den anzu- 
knüpfenden Rapport sein, wenn die Gewissensangst 
sich auf eine Unterschlagung unter Missbrauch einer 
autoritativen Vertrauensstellung bezieht (505 — 508). 
Findet er dagegen einen armen Handwerker, dessen 
sonnambules Bewusstsein die Erinnerung an eine (viel- 
leicht vom wachen Bewusstsein zeitweilig vergessene) 
Forderung an einen Verstorbenen bewahrt, so kann 
dieser telepathische Einfluss sich einkleiden in die Auf- 
forderung des Verstorbenen, diese Schuld zu bezahlen. 
690 — 691). Das Interesse eines Anwesenden, die Nach- 
assverhältnisse seines verstorbenen Bruders zu reguliren, 
cann dem Medium, mit welchem zu dem ausgesprochenen 
Zweck solcher Kundgebungen eine Sitzung arrangirt 
vird, den autosuggestiven Wunsch erwecken, mit den 
Personen in telepathischen Rapport zu treten, welche 
lern Verstorbenen noch etwas schulden oder noch etwas 
fon ihm zu fordern haben; das Suchen telepathischer 
Rapporte wird dann also durch ein bestimmtes Inte- 
esse auf eine gewisse Zahl von Fährten gesetzt. Zur 
Verfolgung dieser Fährten scheint allerdings eine Art 
fon unterstützendem Hellsehen ähnlich wie bei jeder 
Anknüpfung eines Rapports durch indirektes Interesse 
erforderlich; aber dieses Hellsehen wirkt nur vorberei- 
end für die Anknüpfung des Rapports und macht der 
Telepathie Platz, sobald der Rapport hergestellt ist 



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- 6 4 - 

Die thatsächlichen Mittheilungen selbst werden hier 
nicht durch Hellsehen gewonnen, sondern telepathisch 
aus dem Bewusstsein lebender Menschen geschöpft. 

Das Hellsehen würde für die Gewinnung des Kund- 
gebungsinhalts erst dann in Frage kommen und mit 
der Geisterhypothese in Konkurrenz treten, wenn die 
Gewinnung desselben durch telepathischen Rapport mit 
Lebenden ausgeschlossen ist, d. h. wenn es sich um 
Thatsachen handelt, die keinem Lebenden bekannt 
sind, und auch nicht durch sensitive Wahrnehmung 
und psychometrische Rekonstruktion gewonnen werden 
können. Solche Fälle weiss Herr Aksakow nur in ver- 
schwindend kleiner Zahl zusammenzutragen, und bei 
genauerer Prüfung erweist sich keiner derselben als 
stichhaltig. 

Auf S. 510 wird angegeben, dass das Testament 
eines Baron Paul von Korf zu Warschau trotz aller 
Nachforschungen nicht zu finden war, und dass es 
lediglich in Folge einer mediumistischen Kund- 
gebung in einem geheimen Fache gefunden wurde. 
Auf S. 687 — 688 wird aber diese Angabe dahin be- 
richtigt, dass das Testament bereits gefunden war, 
als die in der Ferne erfolgte mediumistische Kund- 
gebung durch einen Brief zur Kenntniss des Erben 
gelangte. Dieser Brief ist nicht mehr auffindbar, also 
auch nicht festzustellen, ob die mediumistische Kund- 
gebung über das Geheimfach vor oder nach der Auf- 
findung erfolgt ist, oder vielleicht gerade während der- 
selben, als der Erbe über den glücklichen Fund erregt 
und erfreut war. Man sieht aus dieser doppelten Ver- 
sion, deren erste auf Hellsehen und deren zweite nur 
auf telepathischen Rapport hinweist, wie vorsichtig 
man bei der Abfassung und Beurtheilung solcher 
Berichte sein muss. Der Fall Swedenborg's mit der 
aufgefundenen Quittung dürfte sich ähnlich erklären 
lassen. 

In einem dritten Fall, auf den Herr Aksakow ganz 
besonderen Werth legt (718), wird die Aufmerksamkeit 
des Mediums in Philadelphia psychometrisch auf den 
Namen einer Frau gelenkt, die vor einigen Tagen 
unter ungewöhnlichen Umständen in Omaha, sei es von 
eigner Hand, sei es von ihrem Gatten, erschossen war. 



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- 6 5 - 

Ohne Zweifel hatte das Medium diese neueste Sen* 
sationsgeschichte brühwarm in der Zeitung gelesen oder 
von Zeitungslesern erzählen und besprechen hören. Das 
Medium scheint nun an Gattenmord geglaubt zu haben, 
und personificirte diese Ueberzeugung zu einer feier- 
lichen Erklärung der Getödteten. Der Gatte wurde 
darauf am andern Tage verhaftet, aber, wie es scheint, 
später freigesprochen. Der Bericht verschweigt den 
letzteren Umstand, lässt ihn aber zwischen den Zeilen 
lesen (719—720), obwohl seine Anführung doch sehr 
wichtig war. Denn wenn der Gatte nicht der Mörder 
war, so hat entweder der Geist der Getödteten gelogen, 
tvas in so feierlicher Weise doch auf einen recht 
schlechten Charakter schliessen liesse, oder der Geist 
var nur die Personifikation der Ueberzeugung des 
Mediums. 

Viertens soll der „Geisterpostmeister" in seiner 
chriftlichen Beantwortung der Briefe an Geister That- 
achen mitgetheilt haben, welche den Briefschreibern 
inbekannt waren und erst durch Nachfrage bei Dritten 
bestätigt werden mussten (713). Herr Aksakow führt 
ber keine solche Beispiele an, so dass zu vermuthen 
>t, dass sie hinter den schon angeführten zurückstehen 
türften. Ausserdem handelt es sich hier nicht um 
"hatsachen, die keinem Lebenden bekannt sind, son- 
ern um solche, die vielen Lebenden bekannt sind, nur 
em Briefschreiber nicht, vielleicht auch bloss nicht 
einem wachen Bewusstsein. Ein telepathischer Rapport 
lit den Eingeweihten durch Vermittlung des indirekten 
iteresses wäre hier ebensowenig ausgeschlossen, wie 
eflissentliche Erkundigungen des Mediums bei den 
ingeweihten zwischen Empfang und Beantwortung 
er Briefe. Giebt doch Herr Aksakow selbst zu, dass 
ei diesem Medium alle Erklärungen, selbst ohne 
.usnahme derjenigen des Betruges ihren Platz 
nach den Umständen des gegebenen Falles erhalten 
üssen (716), und dass es an einer vergleichenden 
Latistik der zutreffenden, nichtssagenden und un- 
issenden Antworten gänzlich fehlt. 

Der auf S. 509 erwähnte Fall ist so allgemein und 
ibestimmt gehalten, dass man zu solchen Orakeln 
it ein wenig Muth zum Rathen braucht; der auf 

Hartmann, Geisterfcypothese. 5 



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— 6.6 — 

S. 505 — 508 angeführte ignorirt eben die Kenntniss 
des Schiffskapitäns von den fraglichen Thatsachen und 
sein böses Gewissen wegen der begangenen Unter- 
schlagung. Damit sind die Beispiele, die Herrn Aksa- 
kow zu Gebote standen, erschöpft. Sieht man von dem 
unkontrolirbaren Falle Swedenborg's ab und beschränkt 
man die Betrachtung auf das neuere Material, so ist 
kein einziges Beispiel beigebracht, in welchem es 
feststände, dass die vom Medium kundgegebene That- 
sache keinem Lebenden bekannt war, oder dass die 
Anknüpfung eines telepathischen Rapports mit solchen 
Lebenden, denen sie bekannt war, ausgeschlossen war. 
Es ist demnach überhaupt kein Beispiel aufgeführt, in 
welchem.es sich um eine Konkurrenz zwischen eigent- 
lichem Hellsehen und Geistermittheilung handeln könnte. 
Vielmehr stimmen alle von Herrn Aksakow angeführten 
Beispiele darin überein, dass nur telepathischer Rapport 
mit Lebenden und solcher mit Verstorbenen zur Aus- 
wahl steht, wofern nicht noch einfachere Erklärungen 
genügen. 

Die zu treffende Wahl scheint aus logischem Ge- 
sichtspunkt nicht zweifelhaft, um so weniger, als es 
nur eine recht kleine Zahl von Beispielen ist, in denen 
überhaupt von einer ernsthaften Konkurrenz des Geister- 
rapports mit dem irdischen telepathischen Rapport die 
Rede sein kann. Dabei ist immer vorausgesetzt, dass 
die Thatsachen richtig beobachtet und genau wieder- 
gegeben sind, was durchaus nicht von der Mehrzahl 
der Berichte vorausgesetzt werden kann, am wenigsten 
von denjenigen, bei welchen es sich um eine Anknüpfung 
des telepathischen Rapports durch ein indirektes Inte- 
resse handelt. Die Zahl dieser Berichte müsste bedeu- 
tend vermehrt und ihr Gewicht durch kompetente Be- 
obachter verstärkt werden, bevor man den Thatsachen 
auch nur so weit Glaubwürdigkeit zugestehen kann, 
um sich eingehender mit ihrem theoretischen Studium 
zu befassen. In demselben Maasse schwebt vorläufig 
die konkurrirende Hypothese des Geisterrapports in 
der Luft, so weit es sich um Beispiele mit eventueller 
indirekter Anknüpfung eines irdischen Rapports han- 
delt; soweit aber direkter telepathischer Rapport mit 
Lebenden vorausgesetzt werden darf, kann von einer 



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- 67 — 

Konkurrenz der Geisterhypothese von vornherein wohl 
nicht die Rede sein. 

Nach alledem ist es mit dem von Herrn Aksakow* 
beigebrachten Material unmöglich, die Geisterhypothese 
vermittelst eines Identitätsnachweises zu begründen i 
denn dieser Identitätsnachweis lässt sich weder in ab- 
solut zwingender Form noch auch durch objektiv gül- 
tige Aufzeigung einer überwiegenden Wahrscheinlich- 
keit erbringen, und der Versuch zu einem solchen 
Wahrscheinlichkeitsbeweis aus dem Gedankengehalt der 
Kundgebungen ist bisher ebenso vollständig misslungen, 
wie der aus ihren eigenthümlichen Formen. 

b. Die Berechtigung und der Werth der 
Geisterhypothese. 

Herr Aksakow geht von dem Satze aus: „dass das, 
was für einen lebenden Menschen möglich ist, auch 
für einen abgeschiedenen möglich sein muss" (649). 
Er hält es für ebenso logisch und natürlich, einen tele- 
pathischen Rapport mit einer verstorbenen Person zu 
supponiren wie mit einer lebenden, überhaupt bei allen 
mediumistischen Leistungen, wo der lebende intellek- 
tuelle Urheber oder Beihelfer zu fehlen scheint, einen 
verstorbenen zu vermuthen (650 — 651). Er meint, dass 
die Logik diesen Schluss erheischt (651), obwohl er 
den Unterschied nicht verkennt, dass wir im einen 
Falle die Existenz der Ursache durch direkte Beobach- 
tung konstatiren können, im andern Falle nicht (652 
bis 653). Er glaubt dieser Schwierigkeit dadurch be- 
gegnen zu können, dass er dem Verstorbenen den 
Vorzug zugesteht, dass er weit leichter als ein Leben- 
der über die Mittel verfüge, einen telepathischen Rapport 
mit einem Lebenden herzustellen (659). 

Der Spiritismus nimmt an, dass diejenigen Form- 
elemente des Organismus, welche Träger der Charakter- 
eigenschaften, des Gedächtnisses und Bewusstseins sind, 
auch nach dem Zerfall des menschlichen Zellenleibes 
in funktionsfähiger Gestalt fortdauern (766); zugleich 
behauptet er aber, dass der Geist des Verstorbenen 
unräumlich existiren müsse, so dass der Widerspruch 
zwischen dem Komplex funktionirender Form demente 



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— 68 — 

und dieser unräumlichen Existenzweise offen zu Tage 
liegt (758). Der Spiritismus will die Fähigkeit des 
Charakters, Gedächtnisses und Bewusstseins zur Fort- 
dauer nach dem Tode daraus erschliessen, dass der 
lebende Mensch ein geistiges Doppel wesen ist, dessen 
waches Bewusstsein zwar vom Organismus abhängig 
ist und mit diesem zu Grunde geht, dessen sonnambules 
Bewusstsein aber vom Organismus vollständig unab- 
hängig, und deshalb auch fähig sein soll, mit seinem 
sonnambulen Gedächtniss und Charakter den Zerfall 
des Organismus zu überdauern (638—639). Allerdings 
wird diese vollständige Unabhängigkeit des sonnam- 
bulen Bewusstseins vom Organismus dahin wieder ein- 
geschränkt, dass doch eine gewisse zufällige, anschei- 
nende, wenngleich sehr entfernte Abhängigkeit bestehe, 
und dann zugestanden, dass die Unabhängigkeit ein 
falscher Schein (genauer ein falsches Vorurtheil) sein 
könnte, und dass wir bis zu erbrachtem Beweise 
des Gegentheils genöthigt seien, die Existenz des 
sonnambulen Bewusstseins als unauflöslich mit dem 
Körper verbunden zu betrachten (658, 659). Der Be- 
weis des Gegentheils soll alsdann durch den Identitäts- 
nachweis erbracht sein, was, wie gezeigt, ein Irrthum ist. 
Wir befinden uns mit der Geisterhypothese in 
lauter Widersprüchen und Cirkelschlüssen. Der Lebende 
übt über die Grenzen seines Leibes hinaus Wirkungen 
aus vermöge seines Organismus und der in ihm walten- 
den Kräfte; der Todte soll dieselben Wirkungen üben 
können, obwohl er diesen Organismus und seine Kräfte 
nicht besitzt. Der Lebende knüpft Rapporte an ver- 
mittelst seines sonnambulen Bewusstseins und seiner 
subkortikalen Hirncentren; der Todte, der dieselben 
nicht besitzt, soll es nicht nur ebensogut, sondern noch 
leichter können. Der Todte soll die Formelemente, 
auf denen sein sonnambules Bewusstsein nebst Gedächt- 
niss und Charakter im Leben beruhte, bewahren, aber 
als unstoffliche und unräumliche Formelemente. Das 
sonnambule Bewusstsein soll bis zum Beweis des Gegen- 
theils als vom Organismus abhängig betrachtet werden, 
so dass es mit dem Tode ebenso wie das wache Be- 
wusstsein erlöschen .würde; der Beweis des Gegentheils 
soll aber durch eine Hypothese erbracht werden, welche 



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- 6 9 - 

auf der Voraussetzung beruht, dass das sonnambule 
Bewusstsein vom Organismus vollständig unabhängig 
ist und dessen Zerfall überdauert. Die Voraussetzungen, 
auf denen die spiritistische Hypothese ruht, stehen 
demnach ebensosehr in Widerspruch mit sich selbst 
und mit den Forderungen der Logik wie mit unsern 
empirisch begründet physiologischen Ansichten. 

Das sonnambule Bewusstsein ist zwar sensitiver 
und darum auch inspirationsfahiger als das wache, aber 
es ist noch viel tiefer in die Sinnlichkeit versenkt als 
dieses, unfähiger zur Selbstbeherrschung, irrationeller, 
phantastischer, sprunghafter. Kurz es besitzt alle Kenn- 
zeichen, die darauf hindeuten, dass es mit dem vege- 
tativen und thierischen Lebensprocess des Organismus 
weit enger verknüpft ist als das wache Bewusstsein. 
Wenn schon das wache Bewusstsein durch die orga- 
nischen Funktionen gewisser Körpertheile bedingt ist, 
so muss es das sonnambule erst recht sein, und zwar 
durch Hirntheile, die centraler, den gesammten Leibes- 
funktionen näher liegen als die möglichst peripherisch 
gelegene Grosshirnrinde. Die erste lebende Autorität 
auf dem Gebiete der Hirnlokalisationen, Prof. Meynert, 
hat in seinem Vortrage auf dem Berliner medicinischen 
Kongress im August 1890 der Ansicht zugestimmt, die 
ich schon immer vertreten habe, dass nämlich die sub- 
kortikalen Hirncentren in demselben Sinne das Organ 
des Traumes, der Hallucination und der hypnotischen 
(sonnambulen) Geistesthätigkeit sind, wie die Gross- 
hirnrinde das Organ des wachen Bewusstseins ist Es 
ist demnach jede Hypothese physiologisch unzulässig, 
welche auf einer Fortdauer des sonnambulen Bewusst- 
seins, Gedächtnisses und Charakters nach dem Zerfall 
der subkortikalen Hirncentren fusst. Wenn der Geist 
als individueller nach dem Tode fortdauern sollte, so 
kann er nur als schlechthin bewusstloser fortdauern; 
denn wenn er das oberste, das Grosshirnrindenbewusst- 
sein verliert, so wird er die niederen Bewusstseine bis 
herab zum Zellen- und Atombewusstsein seines Leibes 
erst recht verlieren. Ein solcher unbewusst fortdauern- 
der Individualgeist mag durch seine unbewusst-geistigen 
Funktionen unsern bewussten Geistesfunktionen wer 
weiss wie sehr überlegen sein; aber sonnambules Be- 



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— 70 — 

wusstsein nebst dem zugehörigen sonnambulen Ge- 
dächtniss und Charakter darf ihm nicht zugeschrieben 
.werden. 

Damit fallen alle Voraussetzungen als unhaltbar 
fort, auf denen die spiritistische Hypothese sich aufbaut. 
Wenn der telepathische Rapport unter Lebenden bei- 
derseits durch Bilder des sonnambulen Bewusstseins 
bedingt und vermittelt ist, so ist der telepathische 
Rapport zwischen einem Geist und einem Lebenden 
unmöglich; es müsste dann an seine Stelle etwas andres 
treten, wofür uns jede Analogie fehlt Wenn dem 
Todten das Gedächtniss entschwunden ist, wenn er, wie 
die Alten sagten, Lethe getrunken hat, so weiss er 
nichts mehr von dem, was er im Leben wusste, könnte 
es also auch dann nicht mittheilen, wenn er im Be- 
sitze eines Weges der Mittheilung wäre. Ebenso sind 
seine Interessen am irdischen Leben und Treiben er- 
loschen und damit diejenige Bedingung ausgeschlossen, 
welche uns beim telepathischen Rapport zwischen 
Lebenden als so wichtig gilt. Dies alles gilt selbst 
dann, wenn man annimmt, dass er als individueller, 
wenn auch zeitweilig nur unbewusst thätiger Geist 
fortexistirt; ob aber diese Individualexistenz im Unter- 
schiede von den unbewussten Funktionen des absoluten 
Geistes noch einen Inhalt besitzt, möchte zu bezweifeln 
sein. Wenn schliesslich jeder Individualgeist nur eine 
individuell geschlossene Funktionengruppe des absoluten 
Geistes ist, so möchte die so modificirte Geisterhypo- 
these sich nicht mehr merklich von meiner Erklärung 
des Hellsehens unterscheiden. 

Herr Aksakow giebt zu, dass rein körperliche Ge- 
fühle nicht eigentliche Gefühle eines Geistes in seinem 
leiblosen Zustande sein können, sondern höchstens Er- 
innerungen an früher gehabte Gefühle (728—729). Ich 
bestreite die Möglichkeit, nach Abstreifimg des Körpers 
sich rein körperlicher Gefühle in ihrer Eigenthümlich- 
keit überhaupt noch so deutlich erinnern zu können, 
um sie telepathisch auf andre zu übertragen; können 
wir uns doch jetzt schon nur mit Mühe rein körperliche 
Gefühle deutlich vergegenwärtigen. Welche Gefühle 
wären aber nicht körperlich bedingt, und wie sollte 
nicht die körperliche Beimischung, durch welche selbst 



>^ 



— 7i — 

die geistigsten Gefühle eine eigentümliche Färbung 
erhalten, mit dem Körper in Wegfall kommen? Wenn 
die Verstorbenen in eine ganz andre Existenzweise 
eingehen, über welche sie uns keinerlei positive An- 
deutung übermitteln können, wie Herr Aksakow an- 
nimmt, so ist es undenkbar, dass sie die Gefühlsweise, 
die kleinlichen Interessen und läppischen Sorgen ihres 
irdischen Daseins in jene höhere Sphäre mit hinüber- 
nehmen sollten. Es scheint mir keine würdige Vorstel- 
lungsweise, anzunehmen, dass die Geister sich um un- 
bezahlte Schusterrechnungen oder uneingetriebene kleine 
Darlehne grämen und so sehr bekümmern, dass sie 
deshalb die Ruhe der noch im Fleische Wandelnden 
stören (688—692). 

Es scheint mir das aber zugleich eine furchtbar 
pessimistische Ansicht zu sein; denn was kann gräss- 
licher sein, als wenn man selbst im Tode noch keine 
Ruhe hat vor den Erbärmlichkeiten und Plackereien 
des entschwundenen Lebens, wenn man fortfährt, sich 
um diese Lappalien sorgen zu müssen, und doch nicht 
mehr die Macht hat, wie dereinst im Leben handelnd 
einzugreifen. Die Spiritisten pflegen auf solche Beispiele 
unbezahlter Rechnungen, verlegter Testamente oder 
Quittungen, uneingetriebener Schulden und dgl. beson- 
deren Werth zu legen; sie verkennen aber, wie tief sie 
damit in axiologischer Hinsicht das jenseitige Geistes- 
leben unter das diesseitige rücken und wie sehr sie 
damit dem jenseitigen Optimismus Hohn sprechen, 
dessen Aufrechterhaltung doch das tiefinnerste Motiv 
ihrer gefuhlsmässigen Sanktion bildet. 

Die ockultistische Richtung innerhalb des Spiritis- 
mus hat diesem Bedenken dadurch Rechnung zu tragen 
gesucht, dass sie die Geister im eigentlichen Sinne in 
selige Regionen entrückt, aus denen es keinen Rap- 
port mit den Lebenden giebt, dass sie aber den Kummer 
um Schusterrechnungen und dgl. auf Reste eines or- 
ganischen Lebens ätherischer Art abwälzt, welche 
zwar den Zerfall des groben Leibes eine Zeitlang über- 
dauern, aber dann selbst der Auflösung anheimfallen. 
Unter diesem Gesichtspunkt können alle spiritistischen 
Erfahrungen der Vergangenheit und Zukunft für die 
Fortdauer des Geistes als solchen ebensowenig beweisen 



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— 72 — 

wie für die nähere Beschaffenheit seiner Existenzweise, 
sondern nur für die klägliche Fortexistenz jener meta- 
organischen Reste, die wie die Schatten des Hades 
erst durch das Blut des Mediums zu einem vorüber- 
gehenden Scheinleben mit vorübergehendem Bewusst- 
sein und Erinnerungsvermögen zurückgerufen werden.*) 

Unter diesem Gesichtspunkt müsste der Beweis 
für die Fortdauer des individuellen Geistes als solchen 
nach wie vor der Philosophie überlassen werden, ebenso 
wie die axiologische Schätzung der jenseitigen Existenz 
des Geistes; die spiritistischen Erfahrungen und Ver- 
suche würden für den Beweis der Fortdauer jedes In- 
teresse verlieren. Dasjenige aber, was angeblich durch 
sie erwiesen werden soll, die Fortdauer erinnerungs- 
fähiger organischer Reste ohne Geist und Thatkraft, 
würde eines der schauerlichsten und widerwärtigsten 
Kapitel des Pessimismus abgeben, wenn man es nicht 
als eine Ausgeburt phantastischen Aberglaubens bei 
Seite zu schieben berechtigt wäre. 

Beide Formen der spiritistischen Hypothese liefern 
demnach einen bemerkenswerthen Beitrag zu einem 
jenseitigen Pessimismus, keine von beiden liefert irgend 
welchen Beitrag zu einem jenseitigen Optimismus. Die 
erste Form, welche die jenseitige intelligente Ursache 
der mediumistischen Erscheinungen in den Geistern 
selbst sucht, lässt die Existenzweise und die inneren 
Lebensbedingungen dieser Geister als äusserst wider- 
spruchsvoll und beklagenswerth erscheinen; die izweite 
Form, welche die jenseitige intelligente Ursache in 
metaorganischen Resten sucht, schiebt eine Sphäre des 
grauenerregenden Elends zwischen die irdische Existenz- 
weise und diejenige der seligen Geister ein. Die erste 
Form der spiritistischen Hypothese behauptet wenigstens, 
das „Dass" der Geisterfortdauer wahrscheinlich zu 
machen, wenn auch mit einem bedauernswerthen „Was 
und Wie" behaftet; die zweite Form verzichtet darauf, 
zur Begründung der Geisterfortdauer irgend etwas bei- 
zusteuern, lässt dafür aber der Phantasie des Unsterb- 



*) Schon Plotin unterscheidet diese zwiefache Fortdauer und er- 
läutert sie an dem Mythos des Herakles, dessen Geist in den Olymp 
erhoben wird, während sein Schatten in den Hades eingeht. 



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— 73 — 

lichkeitsglaubens um so freieren Spielraum, indem sie 
das Elend der unstillbaren kleinlichen Sorgen um das 
verlassene Erdenleben auf ein gespenstisches geistloses 
Schattenreich abladet. Die erste Form will nur das 
„Dass" der Geisterfortdauer spiritistisch begründen, die 
zweite Form verzichtet selbst darauf, um nicht das 
pessimistische „Wie" mit in den Kauf nehmen zu 
müssen. 

Einen Beitrag zu einem jenseitigen Optimismus 
kann die zweite Form schon darum nicht liefern, weil 
sie keinen Beitrag zur Begründung des „Dass" der 
Geisterfortdauer liefert, die erste Form darum nicht, 
weil sie mit dem „Dass" der Fortdauer auch das Elend 
des jenseitigen Daseins begründen würde und sich un- 
fähig erklären muss, unserer Fassungskraft das „Was 
und Wie" dieser jenseitigen Existenzweise verständlich 
zu machen, durch welches das Elend des „Dass" wenn 
auch nicht aufgehoben, so doch gemildert werden 
könnte. Eine abweichende Ansicht können nur solche 
Spiritisten vertreten, welche die Phantasien der Medien 
über das Jenseits gläubig als Geisteroffenbarungen hin- 
nehmen. Es ist wahr, dass fast alle Spiritisten einem 
jenseitigen Optimismus huldigen; aber sie sind nicht 
dadurch zu jenseitigen Optimisten geworden, dass sie 
Spiritisten waren, sondern sie haben sich zum Spiri- 
tismus hingezogen gefühlt, weil sie jenseitige Optimisten 
waren. Sobald sie einsehen, dass der Spiritismus dem 
jenseitigen Optimismus gar keinen, dem jenseitigen 
Pessimismus aber sehr bedenklichen Vorschub leistet, 
werden sie wahrscheinlich auch aufhören, Spiritisten 
sein zu wollen. Wer aber Spiritist bleiben will, muss 
dann wenigstens pessimistischer Spiritist werden. 

Baron du Prel schreibt in seiner Besprechung des 
Werkes des Herrn Aksakow im Oktoberheft der „Sphinx" 
von 1890: „Schon Hellenbach hat den Nachweis ge- 
liefert, dass, wenn wir den Spiritismus in die Welt- 
formel einfugen — was heute nicht mehr von unserem 
Belieben abhängt — , zunächst der Pessimismus, der bei 
Hartmann ein absoluter ist, in einen transcendentalen 
Optimismus einmünden wird." „Das Zwischenkapitel, 
welches Hartmann einzufügen sich nicht mehr sträuben 
kann, wird den Ring seines Systems sprengen." Es ist 



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- 74 — 

mir wohl bekannt, dass Baron Hellenbach den jensei- 
tigen Optimismus behauptet hat, aber nicht, dass er 
ihn bewiesen oder auch nur einen Anlauf zu solchem 
Beweise genommen hätte. Da Hellenbach dem Inhalt 
der mediumistischen Kundgebungen über das Jenseits 
mit Recht jeden Werth absprach, so war er auch nicht 
in der Lage, einen solchen Beweis zu versuchen. Was 
er in den bezüglichen Abschnitten seines „Tagebuches 
eines Philosophen" über den Gegenstand bemerkt, ge- 
hört zu dem Oberflächlichsten, was in der letzten Zeit 
über Pessimismus und Optimismus geschrieben ist. Herr 
du Prel irrt sich vollständig, wenn er glaubt, dass der 
Spiritismus den Pessimismus umstürzen und mein System 
sprengen würde. 

Nicht einmal dem transcendentalen Individualis- 
mus vermag die spiritistische Hypothese in ihrer zweiten 
Form eine Stütze zu gewähren, weil die dem Zerfall 
entgegengehenden metaorgansichen Reste infraindividuell 
sind und über das Verbleiben des Geistes die Speku- 
lation freien Spielraum behält, also sich nach wie vor 
aus anderen Gründen nach der monistischen oder indi- 
vidualistischen Seite entscheiden kann und muss. Die 
Stütze aber, welche der transcendentale Individua- 
lismus durch die erste Form der spiritistischen Hypo- 
these empfangen könnte, wäre, wie gezeigt, so kläg- 
licher Art, dass er gerechte Bedenken tragen müsste, 
sich ihrer zu bedienen. Beiden Formen des Spiritismus 
gemeinsam ist die Annahme, dass das Bewusstsein der 
den Tod überlebenden Geister nicht das wache, sondern 
das sonnambule Bewusstsein sei, und dass die Ethik 
auf dieses unsterbliche sonnambule Bewusstsein gegründet 
werden müsse. Nun ist aber alle Welt darüber einig, 
dass ein Mensch im sonnambulen Zustande keine Spur 
von sittlicher Zurechnungsfähigkeit besitzt; es müssten 
. also die körperlosen Geister als völlig unzurechnungs- 
fähig betrachtet werden, und die sittliche Uurech- 
nungsfähigkeit des wachen Bewusstseins müsste auf die 
sittliche Unzurechnungsfähigkeit des sonnambulen ge- 
stützt, d. h. das Zurechnungsfähige aus dem Unzurech- 
nungsfähigen erklärt werden. 

Nach der ersten Form der spiritistischen Hypothese 
sollen die verstorbenen Geister ein doppeltes Interesse 



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— 75 — 

haben, mit den Medien in telepathischen Rapport zu 
treten: erstens das besondre, ihre irdischen Interessen 
weiter zu verfolgen, und zweitens das allgemeine, die 
Lebenden dadurch zu trösten und zu erfreuen, dass sie 
sie ihrer Existenz versichern und dadurch zum Un- 
sterblichkeitsglauben anleiten und in ihm befestigen. 
Das erste Motiv widerspricht dem zweiten; denn das 
erste muss eine pessimistische Auffassung der jenseitigen 
Existenzweise hervorrufen, während das zweite Motiv 
einen jenseitigen Optimismus zu seiner Voraussetzung 
hat Wenn man doch bloss fortdauern soll, um sich 
um alte Stiefelrechnungen Sorgen zu machen, die man 
nicht mehr bezahlen kann, so ist es wahrlich besser, 
nicht fortzudauern. Eine solche Fortdauer kann nicht 
trösten und aufrichten, sondern nur das Grauen vor 
dem Tode erhöhen. Dass in dem Unsterblichkeits- 
glauben ein Trost liege, ist immer nur für optimistische, 
lebensdurstige Gemüther richtig; der Pessimist würde 
durch den spiritistischen Nachweis, dass er auch nach 
dem Tode noch keine Ruhe finden solle, nur noch 
schwerer bedrückt werden. 

Das Motiv der Mittheilung wäre nur dann ver- 
ständlich, wenn die Geister uns nicht nur von ihrer 
Existenz, sondern auch von der positiven Glückseligkeit 
ihrer Existenz zu überzeugen vermöchten. Bloss ihre 
Existenz zu bekunden, muss auf Optimisten und Pessi- 
misten die entgegengesetzte Wirkung haben. Aber 
selbst dieses Minimum ihrer blossen Existenz zu be- 
kunden, strengen sich die Geister bis jetzt vergeblich 
an. Die vorhergehende Darstellung zeigt mindestens 
soviel, dass sie bis jetzt nicht die rechten Mittel und 
Wege gefunden haben, um ihre Identität in objektiv 
gültiger Weise nachzuweisen. Das Motiv könnte aber 
nur unter der Voraussetzung auf die Geister Wirk- 
samkeit gewinnen, dass sie die Möglichkeit des Iden- 
titätsbeweises vor sich sehen. Entweder haben sich 
demnach die Geister bisher in einer verwunderlichen 
Selbsttäuschung über die Möglichkeit ihrer Selbst- 
bezeugung vor Lebenden befunden, oder die Spiritisten 
befinden sich in einer. Täuschung über das Motiv, 
welches die Geister zu solchen vergeblichen Versuchen 
der Selbstbezeugung antreiben soll. So gross soll nach 



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- 7 6 - 

dem Spiritismus die Begier der Geister zur Selbst- 
bezeugung sein, dass sie auf ein sonnambules Medium 
zufliegen, wie die Motten in einer Hochsommernacht 
auf das Licht, auch wenn sie weder dem Medium noch 
einem der Anwesenden bekannt sind, dass also sogar 
die psychologischen Gesetze der Rapportanknüpfimg 
durch ihren Manifestationsdrang übersprungen werden 

(659). 

Bei der zweiten Form der spiritistischen Hypothese 
kann von einem Interesse der Geister an einer Mani- 
festation überhaupt nicht mehr die Rede sein, weil es 
nach ihr nicht mehr die Geister sind, die sich mani- 
festiren oder in Rapport mit Lebenden treten. Nur die 
metaorganischen Reste Verstorbener spüren trotz ihrer 
Geistlösigkeit und Bewusstlosigkeit einen Drang, noch 
einmal von dem verlassenen Leben zu kosten. So um- 
schweben sie gespenstisch die Stätten ihrer früheren 
Wirksamkeit, drängen sich nach dem Medium wie die 
Schatten des Hades nach dem Opferblut, um noch ein- 
mal für einen flüchtigen Augenblick Erinnerung und 
Bewusstsein zu erlangen, und belauern vampyrgleich 
die Medien, die ihren unheimlichen und naturwidrigen 
Gelüsten dienen sollen. Unter diesem Gesichtspunkt 
erscheint die spiritistische Praxis als eine körperliche, 
geistige und sittliche Gefahr, als ein vorwitziges Spiel 
mit gefährlichen und unheimlichen Mächten ohne Sinn 
und Zweck. Kirche und Polizei hätten allen Grund, 
einem solchen verwerflichen Unfug nach Kräften zu 
steuern, wenn sie es nicht mit Recht vorzögen, diese 
krankhafte Ausgeburt einer überhitzten Phantasie der 
socialen Naturheilkraft und der Medicin zu überlassen. 



c. Die Tragweite der Geisterhypothese. 

Nachdem wir im vorigen Abschnitt die innere Un- 
haltbarkeit und- praktische Werthlosigkeit der Geister- 
hypothese kennen gelernt haben, bleibt uns noch übrig 
zu erwägen, was eventuell die Geisterhypothese leisten 
könnte, wenn wir sie trotz ihrer inneren Schwierigkeiten 
und trotz ihres Mangels an thatsächlicher Begründung 
einmal bedingungsweise zulassen wollten. Herr Aksakow 
hat es aufgegeben, die Geisterhypothese gleich andern 



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— 77 — 

Spiritisten auf physikalische Erscheinungen des Mediumis- 
mus und auf Materialisationserscheinungen zu stützen; 
aber er hat es nicht aufgegeben, diese Erscheinungen 
unter Umständen aus direkter Geisterwirkung abzu- 
leiten, nachdem die Geisterhypothese durch den Vor- 
stellungsinhalt der Kundgebungen angeblich begründet 
ist Wir haben zu prüfen, ob diese Ableitung aus den 
von ihm gemachten Voraussetzungen zulässig ist Wenn 
nicht, so muss die Anwendbarkeit der Geisterhypothese 
ganz auf das Gebiet beschränkt bleiben, aus welchem 
sie nach Herrn Aksakow allein begründet werden soll, 
nämlich auf den Vorstellungsinhalt der Kundgebungen. 

Wenn ein verstorbener Geist Charakter, Gedächtniss, 
sonnambules Bewusstsein und Interessen an der irdischen 
Welt im Allgemeinen oder an ihrem weiteren Lauf und 
den Lebenden im Besonderen hat, so wird man nach 
Analogie der Lebenden annehmen dürfen, dass er mit 
Lebenden unter Umständen in telepathischen Rapport 
treten kann, genauer in einen geistigen Rapport, der 
dem telepathischen Rapport unter Lebenden • analog ist. 
Dagegen kann man nicht annehmen, dass er mit Leben- 
den in einen Rapport tritt, welcher der Vorstellungs- 
übertragung unter Lebenden in nächster Nähe oder bei 
körperlicher Verbindung oder Berührung analog ist. 
Denn dieser letztere Rapport scheint von der Entfer- 
nung abhängig und durch die materiellen Centralorgane 
des sonnambulen Bewusstseins sammt ihren Nerven- 
leitungen bedingt; die Entfernung würde dann bei der 
Unräumlichkeit der Geister ebenso fortfallen wie die 
körperlichen Organe bei ihrer Unstofflichkeit Immerhin 
würde die Analogie des telepathischen Rapports unter 
Lebenden genügen, um auch einen gewissen geistigen 
Rapport zwischen Geistern und Lebenden zuzulassen, 
der zur Erklärung von Hallucinationen, Gesichts- und 
Gehörsbildern, Wortbildern u. s. w. genügen würde. 
Damit besässen die Geister das Mittel, den Medien die 
Kenntniss von Thatsachen mitzutheilen und Ausfiih- 
rungsimpulse zu Handlungen nach vorgezeichneten 
Zielen, Formen u. s. w. zu ertheilen. 

Weiter reicht aber auch die Fähigkeit der Geister 
im besten Falle nicht, weil die Analogie mit den Lei- 
stungen des sonnambulen Bewusstseins der Lebenden 



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- 7 8 - 

nicht weiter trägt. Alles was das Medium an Ausfuh- 
rungshandlungen vornimmt, vollzieht es vermittelst des 
Nervensystems, der Muskeln, Knochen u. s. w., kurz mit 
Hülfe des grobstofflichen Organismus, der den Geistern 
fehlt. Mag der Geist nun einen Aetherleib (Metaorga- 
nismus) haben oder nicht, jedenfalls ist dieser Leib nicht 
stofflich im Sinne des unsrigen zu denken, also als frei 
von Schwere, Beharrungsvermögen und Undurchdring- 
lichkeit. Wenn ich mit der Hand einen Stuhl aufhebe, 
so vermag ich das, weil meine Hand ebenso undurch- 
dringlich ist wie der Stuhl, und deshalb meine der 
Schwere entgegengerichtete Muskelkraft auf den Stuhl 
überträgt. Wenn ein Medium einen Gegenstand durch 
mediumistische Nervenkraft anzieht, so vermag es das, 
weil sein Körper Schwere und Beharrungsvermögen 
besitzt und dadurch seiner anziehenden Kraft das er- 
forderliche Widerlager bietet. Hätte ein Geist eine 
ätherische Hand und versuchte mit ihr einen Stuhl zu 
heben, so würde der Stuhl stehen bleiben müssen, 
indem die angefasste Stuhllehne durch die anfassende 
und hebende Hand hindurchfährt. Hätte ein Geist eine 
fernwirkende Anziehungskraft trotz des Mangels an 
einem Nervensystem, so würde er bei dem Mangel an 
Schwere und Beharrungsvermögen nicht den Gegen- 
stand mit endlicher Geschwindigkeit zu sich hinziehen, 
sondern sich mit unendlicher Geschwindigkeit zu dem 
Gegenstand hinziehen. Wir kennen keine mechanische 
Kraft, die nicht, wie man gewöhnlich sagt, an Stoff 
gebunden wäre, oder wie es richtiger heissen sollte, die 
nicht in materieller Konkrescenz existirte; das Gesetz 
der Erhaltung der Kraft fällt mit dem Gesetz der Er- 
haltung der Materie zusammen. 

Herr Aksakow wird dem Satze zustimmen, dass 
ein körperloser Geist, wenn er auch mit metaorganischen 
Formelementen verbunden sein mag, keinerlei mecha- 
nische Kraftwirkung zu üben vermag. Wenn er zu 
einer solchen fähig werden soll, so muss er erst Materie 
aus dem Medium herausziehen und sich aneignen, um 
an dieser Materie auch die Grundlage zu mechanischen 
Kraftwirkungen zu gewinnen. So soll z. B. das Ge- 
wicht eines in dieser Weise materialisirten Geistes dem 
Gewicht des Stoffes entstammen, den der Geist dem 



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— 79 — 

Medium zeitweilig entzogen hat; nach dem Gesetz der 
Erhaltung der Kraft müsste mithin das schwankende 
Gewicht des materialisirten Geistes plus dem schwanken- 
den Gewicht des Mediums eine konstante Grösse, näm- 
lich gleich dem Körpergewicht des Mediums vor Beginn 
der Sitzung sein. Dasselbe, was für die Schwere gilt, muss 
auch für das Beharrungsvermögen gelten; die Summe 
der Beharrungsvermögen des materialisirten Geistes und 
des Mediums muss konstant sein und dem des Mediums 
vor der Sitzung gleichkommen. Je schwerer verschieb- 
bar der materialisirte Geist wird, desto leichter verschieb- 
bar wird das Medium, und die Verschiebbarkeit eines 
jeden von beiden im Räume durch die nämliche Kräfte 
einheit muss proportional sein dem jeweiligen Gewicht, 
welches die jeweilige materielle Masse anzeigt. Mit zu-r 
nehmender materieller Dichtigkeit des materialisirten 
Geistes wird ferner die Widerstandsfähigkeit seiner Form- 
elemente gegen Durchdringung wachsen müssen, also 
auch die Fähigkeit, etwaige von ihm ausgehende Kraft- 
wirkungen bei Berührung vermittelst der Vereinigung 
von Undurchdringlichkeit , Beharrungsvermögen und 
Schwere auf andre körperliche Gegenstände zu über-> 
tragen und zur Geltung zu bringen. 

Nach dem Gesetz der Erhaltung der Kraft hängt 
jede mechanische Kraftentfaltung eines Menschen nach 
aussen hin von einem äquivalenten Verbrauch chemischer 
Molekularkräfte in seinen Muskel- und Nervenzellen ab; 
dies ist für die Entfaltung von Muskelkraft als fest- 
stehend zu erachten, und es muss a priori angenommen 
werden, dass es sich für die Entfaltung mediumistischer 
Nervenkraft ebenso verhält Die körperliche Erschöpfung 
der Medien nach Sitzungen und physikalischen Erschei- 
nungen spricht dafür ebenso deutlich, wie die nervöse 
Zerrüttung der Medien, wenn sie solche Sitzungen häu- 
figer mitmachen, als ihr Ernährungsprocess die ver- 
brauchten chemischen Kräfte zu ersetzen im Stande 
ist. Es ist dies ein Grund mehr, warum ich den irre- 
leitenden Ausdruck „psychische Kraft" bekämpft und 
durch „mediumistische Nervenkraft" ersetzt habe, obwohl 
selbstverständlich die mediumistische Nervenkraft zur 
Hervorbringung geordneter Wirkungen ebenso der 
psychischen Leitung bedarf wie die Muskelkraft, die 



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— 80 — 

sich ohne psychische Leitung in zwecklosen Krämpfen 
verpufft. Wenn also ein materialisirter Geist eine der 
mediumistischen Nervenkraft analoge Kraft soll ent- 
falten können, so muss nach Analogie geschlossen 
werden, dass auch diese Kraftwirkung an dem aus dem 
Medium entlehnten Stoffe haftet, und durch die chemische 
Zusammensetzung dieses Stoffes, d. h. durch das Maass 
der in seinen Molekulgruppirungen aufgespeicherten 
latenten Kraft bedingt ist. 

Aus alledem ergiebt sich, däss ein Geist höchstens 
die direkte psychische Leitung der vom Medium ent- 
liehenen Kräfte übernehmen, aber afc körperloser Geist 
weder über eigene mechanische Kraft verfügt, noch auch, 
wenn er über solche verfügte, sie in der Welt der 
materiellen Dinge wegen Mangel an eigner Schwere, 
Beharrungsvermögen und Undurchdringlichkeit geltend 
machen könnte. Der Geist muss also nicht bloss seinen 
Stoff vom Medium entleihen, sondern auch seine mecha- 
nische Kraft, welche an diesem Stoffe haftet und nicht 
von ihm getrennt werden kann. Das physikalische 
Leistungsvermögen eines materialisirten Geistes ist in 
jeder Hinsicht vom Medium geliehen und wächst pro- 
portional der Masse (d. h. dem Gewicht) der dem Me- 
dium entzogenen Stoffe. Eine Materialisation, die noch 
so wenig stoffliche Dichtigkeit erlangt hat, dass man 
durch sie wie durch Nebel und Schleier hindurchgreift, 
kann noch keinen Gegenstand aufheben, oder gar einen 
Stuhl vom Platze rücken; sie kann keinen Bleistift 
halten und so auf das Papier aufdrücken, dass Schrift- 
züge entstehen, weil der Bleistift bei dem Gegendruck 
der Unterlage durch die Geisterhand hindurchfahren 
würde. Demnach ist es unbedingt ausgeschlossen, phy- 
sikalische Kraftwirkungen jeder Art einschliesslich des 
Schreibens als direkte Wirkungen eines materialisirten 
Geistes aufzufassen, so lange die Materialisation noch 
nicht einmal den Dichtigkeitsgrad erlangt hat, um der 
tastenden Hand des Zuschauers als fest und undurch- 
dringlich zu erscheinen, geschweige denn, wenn sie 
noch nicht einmal eine lichtreflektirende Oberfläche be- 
sitzt, durch welche sie dem Auge der Zuschauer sicht- 
bar wird. 

Bekanntlich sind aber sichtbare und tastbare 



\l 



— 8i — 

Materialisationen, die physikalische Wirkungen zu ent- 
falten scheinen, äusserst selten, und die grosse Mehr- 
zahl aller physikalischen Wirkungen vollzieht sich ohne 
Sichtbarkeit von materialisirten Gestalten oder Glied- 
maassen, die als ihre Ursache erscheinen. Alle physi- 
kalischen Wirkungen dieser Art können dann nicht auf 
Geister bezogen werden. 

Nach Herrn Aksakow ist der Doppelgänger eines 
lebenden Mediums um so weniger dicht, je weiter er 
sich von dem Medium entfernt (621); nach Analogie 
müsste auch die Materialisation eines Geistes um so 
weniger dicht sein, je weiter entfernt vom Medium sie 
erscheint. Daraus folgt, dass sowohl Doppelgänger als 
materialisirte Geister in weiter Entfernung vom Me- 
dium nicht den Grad von Dichtigkeit haben können, 
um physikalische Wirkungen auszuüben, z. B. Gegen- 
stände aufzuheben und mitzufuhren, oder zu schreiben. 
Dadurch ist der Erklärungsversuch ausgeschlossen, als 
ob das anscheinende Schreiben eines Phantoms in der 
Kajüte eines Schiffes durch den realen materialisirten 
Doppelgänger eines lebenden Mediums bewirkt sein 
könnte, das auf einem anderen weit entfernten Schiffe 
gleichzeitig schläft und träumt (635 — 636). 

Es ist ebenso der Versuch ausgeschlossen, den an- 
geblichen Apport von Gegenständen auf sehr grosse 
Entfernungen durch Geister erklären zu wollen. Ent- 
weder werden die Geister unräumlich und unkörperlich 
gedacht, dann können sie geistig an jedem, physisch 
an keinem Orte wirken, und haben selber weder Ort 
noch Ortsveränderung. Oder die Geister sind so weit 
materialisirt (auf Kosten des Mediums), dass sie physi- 
kalische Wirkungen ausüben können, dann sind sie 
auch für die Dauer ihrer Materialisation den Gesetzen 
der Materie unterworfen und können nicht mit der 
Geschwindigkeit des Lichts oder einer Kanonenkugel 
durch die Luft fahren, weil der Luftwiderstand sie 
daran hindern würde. Wo sollten sie die Kraft her- 
nehmen, um auch nur mit Schnellzugsgeschwindigkeit 
die Luft zu durchschneiden, und wie sollten sie etwa 
eine mitgefühlte Photographie oder hölzerne Strick- 
nadeln vor der Zerstörung und dem Verbrennen bei 
solchem Fluge schützen? 

Hartmann, Geisterhypothese. 6 



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— 82 — 

Es ist daran festzuhalten, dass ein körperloser 
Geist physikalisch gar nichts kann, ein materiali- 
sirter Geist aber in seinem materialisirten Zustande 
auch nichts physikalisch möglich machen kann, was 
einem Medium bei gleicher stofflicher Dichtigkeit un- 
möglich ist Ehe wir nicht das Fliegen der Medien 
mit Schnellzugsgeschwindigkeit oder Kanonenkugel- 
geschwindigkeit behauptet sehen, brauchen wir uns um 
das Fliegen materialisirter Geister nicht zu bekümmern. 
Ehe wir nicht die Durchdringung der Materie durch 
Medien ohne Geisterhülfe vollbracht sehen, können wir 
die Behauptung, dass materialisirte Geister die Materie 
z. B. eines Ringes für den Arm eines Mediums durch- 
dringlich machen können, als einen bodenlosen Phan- 
tasieglauben bei Seite legen. Wenn ein Geist das Un- 
mögliche möglich machen kann, bloss weil er ein Geist 
ist, so mag er freilich auch eine Photographie oder 
hölzerne Stricknadeln in wenigen Minuten oder gar 
Sekunden mehrere hundert Kilometer durch die Luft 
fuhren und sie durch geschlossene Thüren und Wände 
dringen lassen (551—556). Dass aber ein Geist irgend 
einen physikalischen Vorgang wie Ortsbewegung oder 
Zerstreuung und Wiederzusammenfügung materieller 
Moleküle mit Hülfe seines geliehenen Materialisa- 
tionskörpers besser soll vollbringen können, als ein 
Medium mit Hülfe seines ihm organisch angewach- 
senen Leibes, das ist eine durch nichts zu recht- 
fertigende Annahme. 

Bis jetzt sind die Berichte von Apporten auf weite 
Entfernung durchaus nicht danach angethan, um auf 
andre Erklärungsursachen als absichtlichen Betrug, oder 
aber auf sonnambule Vorbereitungshandlungen ohne 
Vorwissen des wachen Bewusstseins hinzudeuten; es 
liegt deshalb kein Grund vor, unter Apport auf weite 
Entfernungen etwas andres als bewusstes oder un- 
bewusstes Herzubringen von Gegenständen auf natür- 
lichem Wege zu verstehen. Unter Apport auf nahe 
Entfernungen innerhalb der mediumistischen Wirkungs- 
sphäre kann man dagegen ausserdem noch das (von 
den Zuschauern zum Theil unbemerkte) Heranrücken 
oder Heranfliegen der Gegenstände in Folge der me- 
diumistischen Anziehungskraft befassen. Ich von meinem 




^v 



- 8 3 — 

Standpunkt habe das Wort Apport niemals in einer 
andern Bedeutung als in diesen beiden gebraucht (566,. 
Z. 16 — 15 v. unten), aber gelegentlich den spiritistischen 
Lesern überlassen, ob sie sich noch etwas andres bei 
diesem Worte denken wollen. 

Die angebliche Durchdringung der Materie ist eben* 
falls nicht so weit beglaubigt, um sich ernstlich mit der 
Frage befassen zu müssen. Zwar stehen hier, wenn 
man das Auftauchen von Gegenständen in verschlossenen 
Zimmern und das Abwerfen und Wiederanlegen von 
Fesselungen mit darunter befasst, weit mehr Berichte 
zu Gebote, als für den Apport auf weite Entfernungen; 
aber dafür bewegen sich diese Berichte in der recht 
eigentlichen Domäne der Taschenspielerei. Was die 
Medien im Abwerfen und Wiederanlegen von Fesselun- 
gen oder in Körperverrenkungen innerhalb der Fesselung 
leisten, geht durchaus nicht über die überraschenden 
und verblüffenden Leistungen hinaus, welche Taschen- 
spieler, Antispiritisten und berühmte Exmedien in den 
letzten Jahren öffentlich gezeigt haben. So wenig der 
aufmerksame und sachkundige Zuschauer mit Sicherheit 
sich anheischig machen kann, jeden neuen Taschen- 
spielertrüc in solchen Leistungen zu durchschauen, eben- 
sowenig können angebliche mediumistische Leistungen 
dieser Art als Beweise übernatürlicher Wirkungen aus- 
gegeben werden, bloss weil ihre Trücs noch nicht 
durchschaut sind. Ich habe deshalb die angebliche 
Durchdringung der Materie als ein besonders un- 
wahrscheinliches Erscheinungsgebiet bezeichnet (Spi- 
ritismus S. 44) und es nicht für nöthig gehalten, eine 
Erklärung zu versuchen, ohne dass ich deshalb ein- 
räumte, dass diese Phänomene transcendental oder über- 
natürlich seien, wie Herr Aksakow glaubt (223, 336). 
Wohl aber habe ich die spiritistische Annahme der 
Durchdringung der Materie als argumentatio ad hominem 
verwendet, wo ich von der Verwechselung des Mediums 
mit einem Phantom sprach, um mich nicht in einen 
unfruchtbaren Streit über die Zulänglichkeit der Fes- 
selungen einzulassen, und die methodologische Berech- 
tigung zu einer solchen argumentatio ad hominem 
sucht Herr Aksakow vergeblich mir abzustreiten (335 
bis 336). 



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- 8 4 - 

Herr Aksakow irrt sich, wenn er glaubt, dass es 
«iner übernatürlichen oder transcendentalen Theorie zur 
Erklärung dieser Erscheinungen bedürfen würde, falls 
sie nur erst ein Maass von Glaubwürdigkeit besässen, 
um sich ernsthaft mit ihnen zu beschäftigen. Ich würde 
auch dann noch behaupten, dass die Geisterhypothese 
nicht das Mindeste zur Erklärung einer Durchdringung 
der Materie beitragen kann, dass der Rekurs auf die 
Geistermacht und ihre Wunderkraft und Zaubergewalt 
eben gerade der Verzicht auf Erklärung wäre. Ich 
würde auch dann noch behaupten, dass es nicht einmal 
der Heranziehung der vierten Dimension bedarf, son- 
dern nur gewisser Molekularvorgänge in der Materie, 
die durch mediumistische Kräfte eingeleitet, aber im 
Einklang mit den Gesetzen der Materie durchgeführt 
werden müssten, also ganz in die Sphäre des natür- 
lichen physikalischen Geschehens fielen. 

Nach der dynamischen Theorie der Materie giebt 
es keine absolute Undurchdringlichkeit, sondern nur 
eine relative, und auch diese nur im festen Aggregat- 
zustand, welche lediglich das Produkt von Kräften ist; 
sobald in der Gruppirung dieser Molekularkräfte eine 
vorübergehende Aenderung bewirkt wird, kann auch 
die relative Undurchdringlichkeit eines festen Körpers 
vorübergehend suspendirt werden, sei es durch lokale 
Ueberfuhrung in einen flüssigen oder luftförmigen 
Aggregatzustand,*) sei es durch Molekülegruppirungen, 
die mit keinem der uns bekannten Aggregatzustände 
eine Aehnlichkeit haben. Da Herr Aksakow die Be- 
zeichnung „übernatürlich" sogar für die unräumliche 
und unzeitliche Existenzweise der körperlosen Geister 
verwirft (340, 767), obwohl dieselben doch so weit wie 
möglich über die uns gegebene Natur und Natürlich- 
keit entrückt und erhaben sein sollen, so vermag ich 
nicht abzusehen, warum etwaige naturgesetzliche Vor- 
gänge in der Materie bloss darum übernatürlich oder 
transcendental heissen sollen, weil sie selten vorkommen 



*) Als Analogie bietet sich hier einerseits die Endosmose und 
Exosmose von Flüssigkeiten durch organische Gewebe, andrerseits das 
Hindurchdringen gewisser Gase durch gewisse feste Körper, z. B. des 
Kohlenoxydgases durch den rothglühenden eisernen Ofen. 



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- 8 5 - 

und der Wirkung besonderer Kräfte des mediumistischen 
Nervensystems zu ihrem Eintritt bedürfen. Sollte aber 
Herr Aksakow jeden psychischen Impuls zur Einleitung 
gesetzmässiger physiologischer und physikalischer Vor- 
gänge eine transcendentale Erklärung nennen wollen, 
so würde auch jeder willkürliche Entschluss eines 
Lebenden zur Bewegung eines Gliedes als eine trans- 
cendentale Erklärung zu bezeichnen sein. 

Es ist sonach als feststehend zu erachten, dass 
Geister nur durch Vermittelung von hinreichend dich- 
ten Materialisationen physikalische Vorgänge bewirken 
können, und dass sie Kraft und Stoff zu denselben aus 
den Medien schöpfen müssen. Es fragt sich nun weiter, 
wie die Geister es machen, aus den Stoffen und Kräften 
des Mediums materialisirte Gestalten zu bilden, und ob 
sie dies direkt thun, oder indirekt durch das Medium 
besorgen lassen, indem sie ihm nur den geistigen Im- 
puls zur Materialisation geben und das zu realisirende 
Bild suggeriren. Im ersteren Falle stehen wir auf 
dem Boden der Besessenheit, im zweiten Falle auf dem- 
jenigen der Inspiration, d. h. der mentalen Suggestion 
durch telepathischen Rapport. 

Herr Aksakow nimmt an, dass Medien auch ohne 
Geisterhülfe im Stande sind, materialisirte Gestalten 
aus sich herauszusetzen und nach Maassgabe des ihrer 
(sonnambulen) Phantasie vorschwebenden Bildes zu 
formiren. Er wird nicht bestreiten, dass das Medium 
dies nur darum vermag, weil sein organisches Gestal- 
tungsvermögen über die Stoffe und Kräfte seines Orga- 
nismus verfugt, die es sich im Laufe seines Lebens 
organisch assimilirt, zu eigen gemacht und seiner Herr- 
schaft unterworfen hat. Ein Geist dagegen verfügt 
nicht mehr über einen solchen Organismus, und der 
Organismus des Mediums ist ihm in genau demselben 
Sinne ein fremder Organismus, wie dem Medium der 
Leib eines andern Menschen, oder dem einen Medium 
der Leib eines andern Mediums fremd ist. So gewiss 
kein Medium unmittelbar über die Stoffe und Kräfte 
verfugen kann, die dem Organismus eines andern Me- 
diums angehören, ebensogewiss kann ein körperloser 
Geist nicht unmittelbar über die Stoffe und Kräfte ver- 
fugen, die dem Organismus eines Mediums angehören. 



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— 86 — 

Die Besessenheitshypothese ist demnach durch die Ana- 
logie ausgeschlossen und nur die Inspirationshypothese 
durch sie gestattet 

Wenn ein Geist mit Hülfe eines Mediums sich 
materialisiren will, kann er es also nur so anfangen, 
dass er dem Medium telepathisch sein früheres Bild 
einprägt und ihm die Materialisationstendenz in Bezug 
auf dieses Bild suggerirt. Die Materialisation kann ihre 
Form unmittelbar nur aus dem sonnambulen Traum- 
bewusstsein des Mediums schöpfen, mag dieselbe auch 
mittelbar durch einen das Bild inspirirenden Geist be- 
stimmt sein. Die Formirung des zu materialisirenden 
Bildes ist unmittelbar eine Thätigkeit des Mediums, 
mag es zu dieser Thätigkeit auch durch einen Geist 
veranlasst sein; das Medium ist das Subjekt der mate- 
rialisirenden Funktion, der alleinige Thäter bei dieser 
Handlung, und damit auch die wirkende Ursache der 
materialisirten Gestalt. Der Geist kann nun nicht mehr 
Subjekt oder Thäter, sondern nur noch intellektueller 
Urheber, nicht mehr primäre wirkende Ursache, son- 
dern nur noch sekundäre Ursache für das Wirksam- 
werden der primären Ursache sein. 

Mag ein Geist als intellektueller Urheber hinter 
der materialisirenden Formation stehen oder nicht, immer 
ist das Medium die alleinige unmittelbare und pri- 
märe Ursache der materialisirten Gestalt, immer schöpft 
das Medium Stoff und Kraft aus seinem Organismus, 
die Form aus seinem sonnambulen Bewusstsein, die 
Thätigkeit aus seinem sonnambulen Willen. 

Es fragt sich nun weiter, ob die Funktionen des 
Phantoms, seine Bewegungen u. s. w., von dem Medium 
geleitet werden oder von dem Geist, mit andern 
Worten, ob der Geist, welcher in Bezug auf die For- 
mation nur intellektueller Urheber ist, die fertig for- 
mirte Gestalt in Besitz nimmt und direkt leitet, oder 
ob er sie auch weiterhin durch das sie formirende 
Medium leiten lässt. Da Herr Aksakow die Fälle als 
die häufigeren zugiebt, in welchen kein Geist im Spiele 
ist, sondern das Medium alleinige Ursache ist, so ist 
damit zugestanden, dass das Medium im Stande 
sei, das aus eigenen Mitteln formirte Phantom auch 
nach seinem Willen agiren zu lassen. Es bedarf 




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- 8 7 - 

also keineswegs der Geisterhülfe dazu, und es wäre 
auch sonderbar, wenn das Medium ein Phantom zwar 
formiren aber nicht regieren könnte. Ebenso son- 
derbar aber wäre es, wenn ein körperloser Geist sich 
zwar zur Formation des Phantoms der Vermittelung 
des Mediums bedienen müsste, dann aber zur Leitung 
der Bewegungen des Phantoms dieser Vermittelung 
entrathen könnte. Es würde dann die Inspirations- 
hypothese für die Formation gelten, die Besessenheits- 
hypothese aber für die Leitung der Bewegungen des 
Phantoms. Dabei wäre aufs Neue die Frage aufzu- 
werfen, wie der Geist dazu käme und es möglich 
machte, die dem Medium organisch angehörigen Stoffe 
und Kräfte, welche durch das Medium zu einem Phan- 
tom formirt sind, nun plötzlich so zu behandeln und 
zu beherrschen, als ob es ein ihm durch den eignen 
Lebensprocess angegliederter leibeigener Organismus 
wäre. Es fehlt auch hierzu jede Analogie, welche darin 
zu suchen wäre, dass der Geist eines anwesenden Leben- 
den plötzlich in das von einem Medium formirte Phan- 
tom hineinführe und direkt aus demselben agirte. 

Wir werden also annehmen müssen, dass aus- 
schliesslich das Medium es ist, welches die Aktionen 
des Phantoms dirigirt; der Geist muss sich entweder 
mit der Formation des von ihm gelieferten Bildes be- 
gnügen und der Phantasie des 'Mediums die etwaigen 
dem Charakter der Figur angemessenen Aktionen über- 
lassen, oder er muss das Medium fortlaufend mit neuen 
Mentalsuggestionen versehen, um vermittelst des Me- 
diums seine Absichten zur Ausführung zu bringen. In 
beiden Fällen ist das Phantom nur eine seelenlose 
Puppe, die nach den Vorstellungen und Willens- 
impulsen des sonnambulen Mediums tanzt, aber keines- 
wegs der Träger eines eigenen Bewusstseins. Das 
Bewusstsein und die Intelligenz, welche das Phantom 
eventuell zu entfalten scheint, haben ihren Sitz oder 
Träger immer nur in dem Medium, nicht in dem 
Phantom selbst. 

Wenn die Geister günstigsten Falls intellektuelle 
Urheber der formirenden und dirigirenden Thäter- 
schaft des Mediums sind, so kann man auch nicht 
sagen, dass sie die Ursache der physikalischen Wir- 



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— 88 — 

kungen seien, die von den Phantomen ausgehen. Man 
kann dann nur noch sagen, dass die Geister intellek* 
tuelle Urheber solcher physikalischer Leistungen der 
Phantome seien; wirkende Ursache derselben ist 
dann aber immer nur das Medium, welches aus 
seinen Kräften und Stoffen nach seinem Traumbilde 
das Phantom formirt hat und es nach seinen Intentionen 
handeln lässt. Man sieht hieraus, dass die Geister* 
hypothese zur Erklärung weder der Materialisations* 
phantome, noch auch der durch sie etwa vermittelten 
physikalischen Wirkungen irgend etwas beitragen kann. 
Das Höchste, was sie in dieser Hinsicht leisten könnte, 
wäre, die Entstehung des zu materialisirenden Traum* 
bildes und der Materialisationstendenz im sonnambulen 
Bewusstsein des Mediums zu erklären.*) 

Wir haben aber bereits oben gesehen, dass sie 
auch zu diesem Zweck ganz überflüssig ist. Die Mate- 
rialisationstendenz ist bei Materialisationssitzungen im 
Medium als vorhanden vorauszusetzen; in Fällen an- 
scheinend spontaner Materialisation könnte sie durch 
sensitive Wahrnehmungen und psychometrische Rekon- 
struktionen geweckt, oder durch krankhafte Vorgänge 
im Nervensystem veranlasst sein. Die Figuren, auf 
welche sich die Formirung bezieht, sind theils das 
Medium selbst (Doppelgänger), theils Modifikationen 
der idealisirenden Phantasie an diesem eignen Bilde 
(Schutzengel), theils typische Figuren der Traumphan- 
tasie, deren besondere Eigenschaften durch zufällige 
Associationen bedingt sind, theils Bilder von lebenden 
und todten Freunden und Angehörigen, wie sie auch 
im gewöhnlichen Traume erscheinen, theils Bilder, die 
aus dem sonnambulen Bewusstsein der Anwesenden 
durch Gedankenlesen geschöpft werden, theils Bilder* 
die durch telepathischen Rapport von Abwesenden über- 
tragen werden, theils endlich solche, die auf Grund 
sensitiver Wahrnehmungen psychometrisch konstruirt 



*) Mit der Theorie des Herrn Janisch habe ich mich nur in 
Bezug auf die direkte Erklärungsunßhigkeit der Geisterhypothese be- 
dingungsweise einverstanden erklärt, nicht in Bezug auf seine Annahme 
einer intellektuellen Urheberschaft der Geister, welche mit der ersteren 
in keiner Weise logisch verknüpft ist, sondern sich bei Herrn Janisch 
nur zufallig zu ihr gesellt (569 — 571). 



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- 8 9 — 

werden. Anderer Quellen bedarf es nicht mehr zur 
Erklärung. 

Nach alledem müsste die Tragweite der Geister- 
hypothese streng auf geistigen Rapport eingeschränkt 
werden, und kann sich niemals auf Materialisationen 
und physikalische Phänomene erstrecken. Letztere 
müssen so wie so aus der Leistungsfähigkeit der 
Medien erklärt werden, gleichviel ob man die Geister- 
hypothese annimmt oder nicht, und ob man im be- 
sonderen Falle eine intellektuelle Urheberschaft der 
Geister oder eine telepathische Anstiftung zu den Lei- 
stungen voraussetzt oder nicht. Es ist demnach ein 
mit den Ansichten des Herrn Aksakow nicht in Ein- 
klang zu bringender Irrthum, wenn derselbe glaubt, 
dass die aus dem Vorstellungsinhalt erwiesene Geister- 
hypothese nachträglich auch zur Erklärung der Mate- 
rialisationen und physikalischen Erscheinungen etwas 
beitragen könne. Dies gilt selbst dann, wenn die 
Materialisationen wirkliche Materialisationen sind, ge- 
schweige denn, wenn sie dies nicht sind. Ich habe 
mich in den vorhergehenden Erörterungen mit Absicht 
auf den Boden der Annahmen des Herrn Aksakow über 
die Materialisationen gestellt, nicht als ob ich diese 
Annahmen theilte, sondern um zu zeigen, dass selbst 
unter ihrer Voraussetzung die Tragweite der Geister- 
hypothese sich nicht auf Materialisationserscheinungen 
und physikalische Wirkungen erstrecken kann. Ich 
glaubte dadurch am besten dem Missverständniss vor- 
zubeugen, als ob ich die objektive Realität der Phan- 
tome nur aus dem theoretischen Interesse bekämpfte, 
der Geisterhypothese keine Zugeständnisse machen zu 
wollen. Jetzt, nachdem ich ausfuhrlich dargethan, dass 
die Materialisationen mit der Geisterhypothese direkt 
gar nichts zu schaffen haben, scheint der Boden vor- 
bereitet für eine unbefangene Erörterung der Frage, 
was denn diese Materialisationen seien. 



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II. Die Materialisationserscheinungen. 



I. Subjektiv-ideale Erscheinungen. 

a. Der Doppelgänger. 

Herr Aksakow bekennt sich zu der neuerdings in 
spiritistischen Kreisen mehr und mehr Anhänger ge- 
winnenden Ansicht, dass das natürliche Urphänomen 
der Materialisationserscheinungen der Doppelgänger ist 
(617). Der Doppelgänger ist die spontan am häufigsten 
auftretende Form von Phantomen, wenn es sich nicht 
um mediumistische Sitzungen handelt. Alle Phantome 
lebender Personen fallen unter den Begriff des Doppel- 
gängers, mögen sie nun auf grösserer Entfernung vom 
Medium einer bestimmten Person sichtbar, hörbar oder 
fühlbar werden, oder mögen sie nur in dem Abstand 
zweier Zimmer in demselben Hause von dem Medium 
auftreten, oder mögen sie in seiner unmittelbaren Nähe 
wahrgenommen werden. Auch bei mediumistischen 
Sitzungen erscheint das Phantom häufig als Doppel- 
gänger des Mediums, vermuthlich gerade dann, wenn 
es an irgend welchem Impulse zur Formirung einer 
andern Traumfigur gefehlt hat. Da im Traume die 
übrigen Traumfiguren vorhanden sein aber auch fehlen 
hönnen, und nur das Traum -Ich beständig auf der 
Bühne des Traumes bleibt, so liegt es am nächsten, 
dass die niemals fehlende konstante Traumfigur der 
eignen Persönlichkeit vor allen unbeständigen und 
wechselnden Traumfiguren einen natürlichen Vorrang 
behauptet Wer die Wahl hat, hat die Qual, auch das 
sonnambule Bewusstsein, wenn es den spontanen Im- 



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— 9i — 

puls zur Projektion einer Traumfigur hat; so lange 
keinerlei Grund für die Wahl einer andern Traumfigur 
entscheidend wird, muss das Traumich seinen natür- 
lichen Vorrang auch für die Projektion behaupten und 
geltend machen. Es wird unbedingt vorwalten, wenn 
das Interesse des Mediums sich gerade lebhaft mit 
dem eigenen Ich beschäftigt, also in starker psychischer 
Erregung ist; daher sind alle Phantome Lebender, die 
aus Erregungszuständen, Noth, Gefahren u. s. w. ent- 
springen, nothwendig Doppelgänger. 

Bei mediumistischen Materialisations-Sitzungen wird 
in der Regel die Absicht der ausgebildeteren Medien 
dahin gehen, dass Geister auftreten, nicht dass ihr 
Doppelgänger auftritt, und diese Absicht wird auto- 
suggestiv dahin wirken, dass die Projektion des Traum- 
ich verhindert wird und an ihre Stelle die Projektion 
einer andern Traumfigur tritt Eine Ausnahme von 
dieser Regel kann erfolgen erstens bei noch ungeschul- 
ten Medien, die noch gar keine Materialisationen er- 
warten und beabsichtigen und noch halb unwillkürlich 
zur Projektion des Traumich gelangen, und zweitens 
bei Medien, welche durch den ausdrücklichen Wunsch 
des Cirkels bestimmt, sich die Autosuggestion geben, 
dass nicht beliebige Geister, sondern gerade der Doppel- 
gänger auftreten solle. 

Man hat bei Malern und Bildhauern bemerkt, dass 
sie ihre Gestalten unwillkürlich den Eigenthümlichkeiten 
des eigenen Körpers annähern, und dass selbst das 
langjährige systematische Studium der normalen Körper- 
formen nicht im Stande ist, diese Tendenz ganz zu 
unterdrücken, obwohl die kritische Besonnenheit des 
wachen Bewusstseins ihre Unterdrückung anstrebt. Um 
wieviel mehr muss diese Neigung zur Anähnlichung 
der Phantasiegestalten an die eigenen Körperformen 
im Traum des sonnambulen Bewusstseins freies Spiel 
haben, wo die kritische Besonnenheit des wachen Be- 
wusstseins und die technische Schulung zum Künstler 
fehlt! Kein Wunder also, dass die Traum gestalten in 
ihren Körperformen, theils in den allgemeinen Maass- 
verhältnissen, theils in der eigenthümlichen Bildung von 
Einzelheiten, dem Medium mehr oder weniger ähnlich 
sind, und zwar um so mehr, je naiver die Traumphan- 



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— 92 — 

tasie arbeitet und je weniger sie von bestimmten Vor- 
bildern mit abweichendem Typus beeinflusst ist. Dies 
wird denn auch durch die Berichte über Materialisations- 
phantome bestätigt (619). Die Entwickelung des Me- 
diums geht unwillkürlich vom Doppelgänger aus durch 
Gestalten mit zuerst geringen, später wachsenden Ab- 
weichungen hindurch, und erlangt in der Regel erst 
nach längerer Schulung die Fähigkeit, ganz anderartige 
Typen zu projiciren (316—317). Alle andern Materia- 
lisationsphantome sind nach dieser spiritistischen An- 
sicht auf dieselbe Weise entstanden zu denken wie der 
Doppelgänger und in diesem Sinne „modificirte oder 
umgewandelte Doppelgänger" zu nennen. Will man 
also die Materialisationserscheinungen richtig verstehen 
und beurtheilen, so muss man sich an das Fundamental- 
phänomen und Urphänomen dieses Erscheinungsgebietes 
halten, und von ihm aus Schritt vor Schritt weiter 
gehen. 

Da tritt uns nun sofort die charakteristische That- 
sache entgegen, dass es an einigermaassen glaubwür- 
digen Berichten über die objektive Realität der Doppel- 
gänger durchaus fehlt. Das maassgebende englische 
Sammelwerk „Phantasm of the Living" hat unter tau- 
senden von geprüften Fällen zwar viele gefunden, wo 
das Phantom eine wahrhafte Hallucination darstellt 
und auf telepathischen Rapport hinweist, aber keinen 
einzigen, wo das Phantom seine objektive Realität durch 
eine bleibende physikalische Wirkung erwiesen hätte. 
Herr Aksakow verspricht zwar durch die Ueberschriften 
zweier Kapitel Phänomene zu berichten, welche die 
Ausrüstung des Doppelgängers mit Attributen der 
Körperlichkeit oder mit der Befähigung zum Bewegen 
von Körpern beweist, aber der Inhalt erfüllt diese Er- 
wartungen nicht. Der eine Fall zeigt das Misslingen 
des Versuchs einer physikalischen Bewegung und statt 
dessen ein prickelndes Gefühl im nervus ulnaris der 
psychisch beeinflussten Person (597), ein andrer die 
Uebertragung der Gehörshallucination eines donner- 
artigen Anschlagens an eine Thür (598), ein dritter 
die von Klopftönen oder Wortklarighallucinationen (600), 
so dass die versprochene „Telekinese" sich in blosse 
Telepathie auflöst (601). Weitere Beispiele zeigen die 



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— 93 — 

Uebertragung des Gefühls, an der Schulter berührt zu 
sein (623), diejenige von Gehörshallucinationen des An- 
klopfens auf zwei Empfänger zugleich, während der 
dritte Anwesende nichts hört (624 — 625), diejenige des 
Klanges eines angeschlagenen Klaviers, dessen Objek- 
tivität auf das nachherige Zeugniss der Planchette (d. h. 
auf den Glauben des Mediums) gestützt wird (625 — 626), 
die Uebertragung einer kombinirten Gesichts- und Tast- 
hallucination eines erwarteten Gastes (627—631) und 
ähnliche Fälle. Zweifellos objektive Wirkungen werden 
nur in zwei Fällen aus der älteren Literatur berichtet, 
einmal das Auslöschen einer Kerze, das andre Mal das 
Schreiben in der Kajüte des Schiffskapitäns (623, 635 
bis 636); in beiden Fällen fehlt gänzlich die Kontrole, 
ob diese Wirkungen nicht durch Anwesende hervor- 
gebracht seien. Gleichwohl glaubt Herr Aksakow 
durch diese Beispiele die Telekinese und Telesomatie 
erwiesen zu haben (637). 

Das ausführlich von der Baronin von Güldenstubbe 
berichtete Beispiel von der habituellen spontanen Dop- 
pelgängerei der Lehrerin Sagee (604 — 613) spricht ent- 
schieden gegen die Körperlichkeit des Phantoms, weil 
es dem Medium selbst unsichtbar blieb (613). Dass 
dagegen die Erscheinung für jedermann ausser dem 
Medium sichtbar gewesen sein soll, ist eine offenbare 
Uebertreibung; wer würde in einem Pensionat von 
etwa 13jährigen Mädchen wohl die einzige sein wollen, 
welche gestehen möchte, die alle so gewaltig auf- 
regende Erscheinung nicht gesehen zu haben! Wo wäre 
auch der Boden zur Hallucinationsansteckung günstiger 
als in einem Pensionat von heranwachsenden Mädchen! 
Auch der leichte Widerstand, gleich dem eines feinen 
Gewebes, den zwei Schülerinnen verspürt haben wollen, 
als sie es wagten, die Erscheinung zu berühren, erklärt 
sich zur Genüge durch eine auf die Erwartung gestützte 
Einbildung des wachen Bewusstseins, ohne dass es 
auch nur der Heranziehung einer associativ erweckten 
Tasthallucination bedürfte. Dass aber die eine durch 
einen Theil der Gestalt hindurchschreiten konnte (608), 
spricht wiederum gegen deren Körperlichkeit. 

Die Körperlichkeit des Doppelgängers könnte nur 
durch die Photographie bewiesen werden. Solche Bei- 



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— 94 — 

spiele fuhrt Herr Aksakow vier an, die sich alle auf 
unsichtbare Doppelgänger beziehen. Das erste han- 
delt von dem berüchtigten Geisterphotographen Mumler 
(104), ist also auszuscheiden. Das zweite ist in dem 
Buch des Herrn Aksakow nicht wiedergegeben, und 
die angeführte Quelle ist mir nicht zugänglich (io5). 
Ein dritter und vierter Fall (105 — 106, 613 — 614) zeigt 
eine Figur auf der Platte an einer Stelle, wo kurz vor 
der Oefihung der Kamera der betreffende Mensch 
wirklich gestanden hatte. Sollte da nicht die Ver- 
muthung einer kurzen oder schwachen Vorexposition 
zu der Zeit, als der Mensch an dem Platze stand, am 
nächsten liegen? Eine solche kann durch betrügerische 
Absicht, aber auch durch Zufall (z. B. unzulänglichen 
Verschluss der Kamera) bewirkt sein. Die Behauptung, 
dass es der an der Stelle zurückgelassene Doppelgänger 
sei, der den photographischen Eindruck auf der Platte 
bewirkt habe, stützt sich lediglich auf die in dem einen 
der Fälle durch die Planchette erhaltene Erläuterung; 
dagegen vermisst man jede Ausfuhrung darüber, ob 
die betreffenden Menschen auch nur bei anderen Ge- 
legenheiten sichtbare Doppelgänger oder Materialisations- 
gestalten projicirt haben, oder welcher Art ihr Mediu- 
mismus war, und ob der Photographengehülfe im zweiten 
Fall überhaupt irgendwelche mediumistische Anlagen 
besass oder nicht. Diese Beispiele sind demnach abso- 
lut werthlos. 

Alles spricht gegen .die Körperlichkeit der Dop- 
pelgänger, nichts für dieselbe. Herr Aksakow könnte 
dagegen geltend machen, dass die meisten Doppel- 
gänger auf weiteren Entfernungen vom Medium be- 
obachtet worden sind, wo der Dichtigkeitsgrad ihrer 
Körperlichkeit so vermindert ist (621), dass die Körper- 
lichkeit nur noch durch besonders feine Untersuchungen 
festgestellt werden könnte. Um die Wohlthat dieses 
Schlusses für sich geltend zu machen, müsste allerdings 
Herr Aksakow zunächst auf die Behauptung verzichten, 
dass so dünne Phantome physikalische Wirkungen 
(Telekinese) hervorbringen könnten. Aber auch ein 
solcher Verzicht würde ihm nichts helfen. Denn es 
liegt allzudeutlich am Tage, dass bei der Telephanie 
ein gleichwerthiger Ersatz zwischen Traumbild im 



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— 95 — 

gewöhnlichen Schlaf, Traumbild im sonnambulen Zu- 
stand, Traumbild im larvirten Somnambulismus und 
Hallucination im wachen Zustand stattfinden kann, und 
dass die letzteren auf dieselbe Quelle des telepathischen 
Rapports und auf die gleiche rein subjektive Idealität 
des Bildes hinweisen wie die ersteren. 

Wenn es nun einerseits als erwiesen gelten darf, 
dass der Doppelgänger keinerlei objektive Realität 
oder materielle Körperlichkeit besitzt, und wenn andrer- 
seits der Doppelgänger das Grund- und Urphänomen 
der sogenannten Materialisationserscheinungen ist, so 
liegt doch der Schluss auf der Hand, dass auch den 
letzteren keine objektive Realität zukommen wird. Herr 
Aksakow behauptet dagegen, „dass bei den Materia- 
lisationsphänomenen die Hallucination positiv gar keine 
Rolle spielt" (300), und schliesst daraus, dass auch 
einig-e Doppelgänger Körperlichkeit haben dürften. 
Den Beweis sucht er darin, dass in der Nähe der 
Medien physikalische Wirkungen vorgehen, dass er 
dieselben, auch wenn keine Doppelgänger sichtbar sind, 
als Wirkungen der Doppelgänger oder ihrer materia- 
lisirten Gliedmaassen deutet, und dass er die Verbin- 
dung- einer psychischen Erklärung durch Hallucination 
mit einer physischen Erklärung durch mediumistische 
Nervenkraft als widerspruchsvoll und unlogisch zurück- 
weist (322 — 323). Ich glaube, dass Herrn Aksakow's 
absolute Verwerfung der Hallucination bei scheinbaren 
Materialisationen auch von vielen solchen Spiritisten 
nicht getheilt wird, die unter Umständen eine objektive 
Realität der Materialisationen gelten lassen, sondern 
dass der Mitwirkung von Hadlucinationen jetzt im 
(ranzen schon ein weites Gebiet eingeräumt wird. 
Damit ist aber schon die Vereinbarkeit beider Er- 
klärungsarten zugestanden. 

b. Die Vereinigung psychischer und physischer 
Erklärungsprincipien. 

Herr Aksakow lässt die drei von mir aufgestellten 
methodologischen Grundsätze gelten, fügt aber seiner- 
seits noch einen vierten hinzu: „Jede Hypothese oder 
Theorie, welche zur Erklärung von Phänomenen eines 



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- 9 6 - 

gewissen Gebietes aufgestellt wird, muss den ganzen 
Komplex der Phänomene dieses Gebietes umfassen" 
(333). Dieser Grundsatz widerspricht dem Axiom, dass 
gleiche Wirkungen verschiedene Ursachen haben können, 
und gilt deshalb nicht einmal für ein einheitliches Er- 
scheinungsgebiet von lauter gleichartigen Wirkungen, 
noch viel weniger aber für ein so komplicirtes Erschei- 
nungsgebiet, wie das mediumistische, in welchem die 
verschiedenartigsten Wirkungen sich mischen und 
kreuzen. Insbesondre verlangt die am meisten hervor- 
stechende Doppelheit psychischer und physischer Wir- 
kungen auch die entsprechende Doppelheit von psychi- 
schen und physischen Erklärungsprincipien; es fragt 
sich nur, welche Erscheinungen psychischer, welche 
physischer Art sind, und diese Entscheidung wird durch 
die Aufstellung jenes falschen Grundsatzes um nichts 
leichter gemacht. 

In der That benutzt auch Herr Aksakow diesen 
vierten Grundsatz nur polemisch gegen mich, kehrt 
sich aber selbst gar nicht an denselben, indem er psy- 
chische Erklärungsprincipien, wie den telepathischen 
Rapport, und physische wie die Materialisation von 
Gliedmaassen oder Gestalten genau ebenso kombinirt 
wie ich die Hallucinationsübertragung und die mediu- 
mistische Nervenkraftwirkung. Er giebt sogar zu, dass 
eine Geist -Erscheinung in einem Falle ein nur psy- 
chisches Phänomen, eine wahrhaftige Hallucination sein 
kann, in einem andern Falle eine materielle Willens- 
objektivation mit physischer Wirkungsfähigkeit, dass 
also zwei verschiedene Erklärungsweisen einer gleich 
benannten Erscheinung möglich sind (757 — 758). Er 
geht noch weiter, indem er Ar dieselben Erscheinungen 
die Möglichkeit einräumt, dass ihr Erklärungsprincip in 
ganz verschiedenen Sphären, in der irdischen Mensch- 
heit und im jenseitigen Geisterlande liegen könne 
(341). Damit ist sein Grundsatz praktisch umgestossen, 
und es bliebe nur sein Widerstreben übrig, das gleich- 
zeitige Zusammenwirken mehrerer Erklärungsursachen 
bei einer scheinbar einheitlichen Gesammterscheinung 
einzuräumen. 

Nun giebt es aber keine Erscheinung in der Welt, 
bei der nicht genau genommen zahllose Ursachen 



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— 97 — 

zusammenwirkten. Die theoretische Physik und Chemie 
und insbesondere die Mechanik des Atoms sucht die 
Komplikation der Erscheinungen zu vereinfachen; aber 
das sind doch blosse Abstraktionen aus der unendlichen 
Komplikation der Wirklichkeit Insbesondere wo wir 
eine Verbindung psychischer und physischer Wirkungen 
zu einer Gesammterscheinung vor uns haben, wie fast 
bei allen mediumistischen Vorkommnissen, kann die 
Gleichzeitigkeit und Kooperation von psychischen und 
physischen Erklärungsprincipien gar nicht in Frage 
kommen. Der Streit dreht sich gar nicht um die Er- 
klärungsprincipien, sondern um dasjenige, was an einer 
Gesammterscheinung psychisch und was an ihr phy- 
sisch ist, ob eine der beiden Seiten (insbesondere die 
physische) auf Null herabzusinken scheint, oder in 
welchem Maasse beide verbunden sind. Sobald diese 
Thatsachenfrage gelöst ist, wird die verhältnissmässige 
Betheiligung der psychischen und physischen Erklärungs- 
principien sich ganz von selbst ergeben. 

Herr Aksakow wirft mir vor, <Jass ich eine mit 
Nervenkraft gefütterte Hallucination (146) oder eine 
Hallucination mit physischen Wirkungen aufstelle (302). 
Ich bestreite durchaus die physikalische Wirkungsfähig- 
keit einer Hallucination, weil dieselbe, selbst wenn sie 
wahrhaft ist, nur subjektive Bewusstseinserscheinung ist, 
der keine transcendente Realität entspricht. Ich bestreite 
auch, dass eine bloss subjektiv ideale Hallucination mit 
einer objektiv realen Kraftwirkung irgend wie zu einer 
Einheit verschmelzen kann, weil beide zu verschiedenen 
Seins-Sphären (des inneren Bewusstseins und des äusse- 
ren Daseins gehören). Wohl aber habe ich behauptet, 
dass eine Hallucination mit einer sinnlichen Wahrneh- 
mung zu einer einheitlichen subjektiven Erscheinung 
verschmelzen kann, da beide innerhalb derselben Sphäre 
der Subjektivität liegen. Diese Verschmelzung findet 
bei jeder Illusion statt, indem Theile der sinnlichen 
Wahrnehmung durch eine hinzutretende hallucinatorische 
Anschauung überlagert und unterdrückt werden; in 
jeder Illusion haben wir eine unvollständige Halluci- 
nation, die mit sinnlicher Wahrnehmung ausgefüllt, 
oder wie Herr Aksakow zu sagen liebt: „gefüttert" ist. 
In jeder Mischung eines Traumbildes mit Elementen der 

Hartmann, Geisterhypothese. 7 



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- 9 8 - 

sinnlichen Wahrnehmung (z. B. Geräuschen, Lichtschein, 
Tastempfindungen) haben wir solche Verschmelzungen 
vor uns, die unsrer Erfahrung zugänglich sind. 

Warum soll diese Verschmelzung zweier subjek- 
tiven Elemente nun grade in dem Falle ausgeschlossen 
sein, wenn die Hallucination durch Vorstellungsüber- 
tragung suggerirt ist, und die sinnliche Wahrnehmung 
sich auf einen physischen Vorgang bezieht, der durch 
den Vorstellungsübertrager real hervorgebracht ist? 
Grade der Umstand, dass Hallucination und physische 
Kraftwirkung in dem Bewusstsein des Uebertragenden 
von vornherein als zur Einheit verschmolzen auftreten, 
muss doch die Verschmelzbarkeit der direkt übertra- 
genen Hallucination und der durch den physischen 
Vorgang vermittelten sinnlichen Wahrnehmung im Be- 
wusstsein eines Dritten begünstigen! Und wenn der 
Impuls zur Vorstellungsübertragung und der Impuls 
zur physischen Kraftwirkung im Medium unbewusst 
funktioniren und dem sonnambulen Bewusstsein des 
Mediums nur die einheitliche subjektive Gesammt- 
erscheinung vorschwebt, so wird in dem Empfänger 
die Hallucinationsübertragung durch die sinnliche Wahr- 
nehmung, und diese durch jene unterstützt und beför- 
dert werden und in der übertragenen Hallucination 
schon die Anleitung zur Verschmelzung beider aus 
verschiedenen Vermittelungen fliessenden Eindrücke 
und die Tendenz zum einheitlichen Gesammtbilde mit 
übertragen werden. Die Impulse zur physischen Kraft- 
wirkung werden aber dann dem Medium am wenigsten 
bewusst sein, wenn die Kraftäusserungen nicht durch 
das Spiel willkürlicher Muskeln, sondern durch die 
mediumistische Nervenkraft vollzogen werden; solche 
Kraftwirkungen werden im sonnambulen Bewusstsein 
des Mediums am innigsten mit dem übrigen Inhalt des 
sonnambulen Traumbildes verschmelzen und deshalb 
werden auch solche Traumbilder die stärkste Tendenz 
haben, den sie durch Uebertragung Aufnehmenden zur 
Verschmelzung mit der bezüglichen sinnlichen Wahr- 
nehmung hinzudrängen. 



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— 99 — 

c. Die Hallucinationshypothese. 

Nachdem wir so die Einwendungen des Herrn 
Aksakow gegen die Vereinbarkeit der Hallucinations- 
hypothese mit physikalischen Erklärungsprincipien als 
unstichhaltig erkannt haben, müssten wir zu den Be- 
denken übergehen, welche er gegen die Hallucinations- 
hypothese als solche vom theoretischen Standpunkt 
geltend macht. Indessen ist der betreffende Abschnitt 
(304 — 323) vor Kenntnissnahme meines gegen Hellen- 
bach gerichteten Aufsatzes „Geister oder Hallücina- 
tionen"*) geschrieben und dann unverändert belassen 
(301), so dass das, was ich zu bemerken hätte, dort 
schon vorweggenommen ist. Nur einige Bemerkungen 
will ich hier wiederholen, beziehungsweise nachholen. 

Jedes Medium ist ein zugleich aktiver und passiver 
Autosonnambuler; aktiv ist das suggerirende wache 
Bewusstsein, sofern es fortbesteht, passiv und aktiv 
zugleich ist das sonnambule Bewusstsein, nämlich passiv 
in Bezug auf die Aufnahme der autosuggestiven Direk- 
tive des wachen Bewusstseins, aktiv in Bezug auf die 
nähere Durchfuhrung und thätige Ausführung der er- 
haltenen Direktive und in Bezug auf spontane Einfälle. 
Diese Verbindung von Aktivität und Passivität ist kei- 
neswegs etwas Ungeheuerliches oder auch nur Unge- 
wöhnliches, wie Herr Aksakow glaubt, sondern in jedem 
Bewusstsein auf jeder Stufe zu finden; das Leben ist 
überall eine Einheit zwischen Aktivität und Passivität 
und nur in dieser Form denkbar. Nur wird durch das 
stärkere Hervortreten des Doppelbewusstseins im larvirten 
Sonnambulismus diese Erscheinung besonders auffällig, 
während sie sonst unbemerkter stattfindet. Auch im 
künstlichen Sonnambulismus ist das wache Bewusstsein 
wohl unterdrückt, aber nicht ganz erloschen, sondern fährt 
fort, Direktive zu geben, wie man daraus entnehmen 
kann, dass Fremdsuggestionen unausgeführt bleiben 
oder umgangen werden, wenn sie zwar den Voraus- 
setzungen des sonnambulen Bewusstseinszustandes ge- 
mäss, denen des unterdrückten wachen Bewusstseins 
aber gar zu widersprechend sind (vgl. Moll's „Hypno- 



*) Sphinx 1887, Bd. IV S. 8—29. 



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— IOO — 

tismus" 2. Aufl. S. 135, 146 fg.). Um wie viel mehr 
müssen solche fortlaufenden Direktive zu erwarten sein, 
wo das wache Bewusstsein nur wenig verdunkelt scheint, 
d. h. im larvirten Sonnambulismus. Je weiter die Ent- 
wickelung der Medien fortschreitet, desto mehr gelingt 
es ihnen, Leistungen im larvirten Sonnambulismus zu 
produciren, die ihnen zuerst nur im rein sonnambulen 
Zustand gelangen; ihr Bestreben ist also offenbar dahin 
gerichtet, die Direktion des Traumablaufs durch Auto- 
suggestionen von Seiten des wachen Bewusstseins mög- 
lichst in der Hand zu behalten. Nach Herrn Aksakow's 
Versicherung ist dies neuerdings sogar bei Materialisa- 
tionssitzungen schon gelungen. 

Befindet sich ein Medium im rein sonnambulen 
Zustand, so fehlt ihm für so lange der sinnliche Rapport 
mit den Anwesenden, es verhält sich genau so zu 
allen Anwesenden, wie ein Hypnotisirter zu allen mit 
Ausnahme des Hypnotiseurs. Das Magnetisiren an- 
derer Personen, die Ausübung der mediumistischen 
Nervenkraft und die Hallucinationsübertragung sind 
Aeusserungen der Aktivität des sonnambulen Bewusst- 
seins, die nur diesem zukommen, und vermuthlich eine 
gemeinsame organische Wurzel haben. Sie lassen sich 
von einander sondern, wie die Bewegungen der Finger 
derselben Hand, aber das Natürliche ist ihre einheitliche 
Bethätigung, nach Maassgabe der auf das Traumbild 
gerichteten unbewussten Impulse, wenn auch mit ver- 
schiedenem Stärkeverhältniss der Komponenten. Wie 
wir vorhin sahen, dass die Nervenkraftwirkung und 
die Hallucinationsübertragung dem sonnambulen Be- 
wusstsein des Mediums als einheitliche, auf die Erzeu- 
gung einer einheitlichen subjektiven Erscheinung in 
jedem Anwesenden gerichtete Thätigkeit auftritt, so ist 
auch die Hallucinationsübertragung und der magne- 
tische Einfluss auf die Anwesenden, durch den ihnen 
die Hallucinationsempfänglichkeit verliehen oder die 
vorhandene gesteigert wird, im Medium als ein und 
dieselbe Thätigkeit mit zwei nur durch unsere Abstrak- 
tion trennbaren Seiten zu denken. 

Das Gedächtniss leitet aus den Traumbildern des 
sonnambulen Bewusstseins in den Vorstellungskreis des 
wachen Bewusstseins um so leichter hinüber, je weniger 



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IOI 

tief die Depression des wachen Bewusstseins während 
des Traumbildes ist. Dieses Gesetz gilt ja auch fur 
die Traumbilder des gewöhnlichen Schlafes; man er- 
innert sich ihrer um so leichter, je näher der Er- 
regungszustand des wachen Bewusstseins unterhalb der 
Schwelle an die Schwelle herangerückt war. Die Er- 
innerungsfähigkeit ist demnach grösser bei sonnambulen 
Traumbildern, die man im larvirten Sonnambulismus, 
als bei solchen, die man im rein sonnambulen Zustande 
gehabt hat; sie ist am grössten bei Hallucinationen, in 
welchen dassonnambuleBewusstsein gleichsam stossweise 
die Schwelle überschreitet und in einen sonst normalen 
Zustand des wachen Bewusstseins hineinragt. In diesem 
Falle wird die Hallucination sofort in den Vorstellungs- 
kreis des wachen Bewusstseins apperceptiv eingegliedert 
und die für die Erinnerung nöthigen Associationen in 
einem durch die Auffälligkeit des Eindrucks besonders 
verstärkten Maasse gewonnen. In dieser Lage befinden 
sich die Theilnehmer einer Materialisationssitzung, in 
derselben wie ein Mensch, der von einem anderen mit 
einem spontanen Vorgesicht angesteckt wird. Sie brau- 
chen weder in Schlaf noch in larvirten Sonnambulismus 
versetzt zu sein, und können doch die Hallucination 
empfangen, die eben darum sich ihrem wachen Ge- 
dächtniss fest einprägt. 

Da die Sitzungsteilnehmer vom Medium nicht 
hypnotisirt zu werden brauchen, so bedarf es auch ihrer 
Einwilligung zum Hypnotisirtwerden nicht. Wohl aber 
bedarf es eines gewissen Grades von Entgegenkommen 
und passiver Hingabe an die Einflüsse des Mediums; 
wo diese fehlt, wird das sensitive Medium einen stö- 
renden Widerstand empfinden, der es nicht zum Ge- 
lingen von Materialisationen kommen lässt. Bei der 
Hypnotisirung und bei der Hallucinirung ist gleich- 
massig eine gewisse Passivität und das Fehlen jeder 
aktiven Koncentration der Gedanken erforderlich, aber 
in verschiedenem Grade je nach der Tiefe, zu der das 
wache Bewusstsein herabgedrückt werden soll, und je 
nach der Stärke des psychischen und magnetischen 
Einflusses. Beim Hypnotisiren soll das wache Bewusst- 
sein vollständig unterdrückt werden, beim Halluciniren 
nur eine vereinzelte dem sonnambulen Bewusstsein ein- 



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102 

gepflanzte Vorstellung über die Schwelle gehoben 
werden; das Hypnotisiren wird jetzt meist von Menschen 
ohne merkliche magnetische Kraft vorgenommen, das 
Halluciniren nur von Materialisationsmedien, d. h. Indi- 
viduen von hervorragender magnetischer Kraft. Es ist 
daher kein Wunder, dass zur Vermeidung der Ge- 
dankenkoncentration beim Halluciniren Musik oder 
leichte Unterhaltung genügt, während zum Hypnotisiren 
schweigende und völlig gedankenlose Passivität erfor- 
derlich ist 

Wir sahen schon oben, dass die Medien zunächst 
unwillkürlich ihr eigenes Traumich in das sonnambule 
Bewusstsein der Theilnehmer hinausprojiciren und erst 
allmählich von dessen Formen abweichend zu fremd- 
artigen Typen übergehen. Diese Uebertragung des 
Traumich ist so zu denken, dass das im Kabinet schla- 
fende Medium auf Grund seines autosuggestiven Wun- 
sches sich in den Cirkel hineinschreitend träumt, wofern 
es nicht schlafwandelnd aufsteht und persönlich hinein- 
schreitet. Traumbild und Traumhandlung können vi- 
karirend für einander eintreten wie die bloss geträumte 
und die wirklich vollzogene Ausfuhrung einer posthypno- 
tischen Fremdsuggestion. Das persönliche Heraustreten 
aus dem Kabinet in modificirter Erscheinungsgestalt des 
Traumich führt zu „Illusionen" der Theilnehmer, das 
bloss geträumte Hervortreten zu Hallucinationen, die 
für Materialisationserscheinungen gehalten werden (ins- 
besondere, wenn gleichzeitig das Verbleiben des schla- 
fenden Mediums im Kabinet konstatirt wird). Werden 
andre Typen als der Doppelgänger gewünscht, S9 wirkt 
dieser vom Medium angeeignete Wunsch autosuggestiv 
dahin, dass der sonnambule Traum das Hervortreten 
anderer Gestalten aus dem Kebinet in den Cirkelraum 
vorstellt, insbesondre dann, wenn das Medium verhin- 
dert ist, persönlich herauszutreten und wenn Typen 
gewünscht werden, die zu weit von dem des Mediums 
entfernt liegen, um diesem Wunsche durch „Illusion" 
genügen zu können. 

Das Medium kann auch mehrere verschiedene 
Typen als nacheinander oder gleichzeitig auftretend 
träumen, es kann vollständige oder unvollständige Ge- 
stalten träumen, und kann ein allmähliges Hervor- 



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— 103 — 

wachsen und Versinken der Gestalten träumen. Es 
kann auch träumen, dass es selbst schlaftrunken mit 
der andern Traumgestalt zugleich aus dem Kabinet 
trete und kann diesen Traum für sein Theil durch 
Traumhandlung verwirklichen. Oder es kann träumen, 
dass die andre Traum gestalt sich aus seinem Nabel 
durch eine Art von Nabelstrang entwickele oder aus 
seiner Brust hervorwachse. Dieser Inhalt seines Traumes 
hängt ganz von der Entwicklung der ihn beinflussen- 
den spiritistischen Dogmen, beziehungsweise von den 
ihm bekannten Wünschen, Erwartungen und Ueber- 
zeugungen der Anwesenden ab. Bei allem Trauminhalt 
aber wird die Tendenz der fiallucinationsübertragung 
dieselbe sein, so lange der Wunsch nach Materialisa- 
tionssitzungen besteht, und die Wirkung dieser Tendenz 
wird eintreten, insoweit die Kraft des Mediums aus- 
reicht und nicht durch Störungen behindert wird. Wäre 
die Entwicklung der spiritistischen Dogmen statt auf 
die Materialisation von Geistergestalten aus dem Orga- 
nismus des Mediums auf das Auf r und Absteigen der 
Engel gegangen, so würden die Medien eben dieses 
ihren Besuchern dargeboten haben. Aber der Glaube 
muss werden und wachsen und lässt weder sich kom- 
mandiren noch mit sich experimentiren, und ohne 
Glauben der Medien würde die Sitzung misslingen. 

Herr Aksakow nimmt an, dass ein Medium durch 
telepathischen Rapport Worte und Gedanken in das 
Bewusstsein eines andern übertragen könne (702), und 
dass dies eine grössere Leistung sei, als die Ueber- 
tragung einer Hallucination (z. B. einer sonnambulen 
Traumgestalt). Er muss weiter einräumen, dass die 
Uebertragung einer solchen Hallucination in die Ferne 
eine grössere Leistung ist als in die unmittelbare Nähe, 
dass die .Anknüpfung des Rapports für diese Ueber- 
tragung auf einen seinen gewöhnlichen Geschäften 
Nachgehenden schwerer sein muss, als auf einen Cirkel- 
sitzer, der den Einflüssen des Mediums halbwegs ent- 
gegenkommt. Wenn nun ein nichts Ahnender bei 
irgend welcher andern Beschäftigung durch telepa- 
thischen Rapport eine dem gleichzeitigen Bewusstseins- 
inhalt des Mediums entsprechende Hallucination em- 
pfangen kann und dieselbe in den Inhalt seines wachen 



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— 104 — 

Bewusstseins associativ eingliedern und dadurch dem 
wachen Gedächtniss einprägen kann, warum bekämpft 
da Herr Aksakow die Möglichkeit des nämlichen Vor- 
ganges bei einem Sitzungstheilnehmer? Wenn er im 
Besitz von Thatsachen zu sein glaubt, welche für be- 
stimmte Fälle die Körperlichkeit der Materialisations- 
erscheinungen beweisen sollen, so begreift es sich, dass 
er die Zulänglichkeit der Hallucinationshypothese zur 
erschöpfenden Erklärung aller Erscheinungen bestreitet. 
Aber ich verstehe nicht, wie er so weit gehen kann, 
im Widerspruch mit seiner eigenen viel weiter reichen- 
den Annahme telepathischer Hallucinationsübertragung 
das Vorkommen einer Hallucinationsübertragung vom 
Medium auf Anwesende zu bekämpfen (300). Doch 
wohl nur deshalb drängt sich dieser Widerspruch ein, 
um den Geistern das ganze Gebiet frei zu halten, welche 
doch nach Herrn Aksakow mit den Materialisations- 
erscheinungen auf alle Fälle direkt nichts mehr zu thun 
haben, gleichviel ob dieselben körperlich oder blosse 
Hallucinationen sind. 



2. Objektiv-reale Erscheinungen. 

Sehen wir nun, welcher Art Herrn Aksakow's 
Beweise dafür sind, dass einige der Materialisations- 
erscheinungen körperlich sein müssen, so sind es zwei 
Erstens verwirft er die Hypothese der Nervenkraft für 
nicht gradlinige Wirkungen und setzt an ihre Stelle 
die Hypothese, dass alle solche physikalischen mediu- 
mistischen Wirkungen durch materialisirte Gestalten 
oder Gliedmaassen vollbracht werden (324 — 325); aus 
den erhaltenen Abdrücken und Gussformen soll die 
Materialität dieser Gliedmaassen folgen und aus ihr die 
Materialität auch der gesehenen Gliedmaassen und der 
gesehenen Gestalten, denen sie angehören. Zweitens 
soll durch die Photographie die Materialität der Ge- 
stalten dargethan sein. Prüfen wir beide Beweise der 
Reihe nach. 



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- 105 — 

a. Die Wirkungsweise der mediumistischen 
Nervenkraft. 

Herr Aksakow giebt zu, dass gradlinige Anziehung 
und Abstossung eines Gegenstandes vom Medium aus 
durch eine noch unbekannte Kraft ohne materialisirte 
Gliedmaassen möglich sei, und dasselbe räumt er für die 
Levitation und verstärkte Gravitation von Gegenständen 
ein, sofern diese gradlinig lothrecht wirkt (325). Er giebt 
damit nur gradlinige Kraftwirkungen zu, übersieht aber, 
dass sich aus je zweien dieser gradlinigen Kraftwirkungen 
gekrümmte Bewegungen zusammensetzen müssen. Nur 
das ist richtig, dass alle diese Bewegungskurven in 
lothrechten Ebenen liegen müssten, die durch das Me- 
dium gehen, und dass es zur seitlichen Abweichung nach 
rechts oder links sekundärer Kraftcentra bedarf, die nicht 
im Medium liegen. 

Herr Aksakow übersieht hierbei abermals, dass 
schon die Levitations- und lothrechten Druckerschei- 
nungen anderer Körper als des Mediums selbst solche 
sekundäre Kraftcentra erfordern, dass er also selber 
schon das voraussetzt, was er mir verweigert. Das 
Schwererwerden oder Leichterwerden eines Tisches nach 
dem Willen des Mediums ist nur verständlich, wenn 
der Tisch mit einer die Erde anziehenden oder ab- 
stossenden Kraft geladen wird, d. h. wenn in dem Tisch 
sekundäre Kraftcentra etablirt werden. Wer aber 
einen Tisch mit solchen Kräften laden kann, dürfte das 
auch mit einem Tisch und einem Stuhl können, so dass 
sich zwischen Tisch und Stuhl nun dasselbe Spiel ent- 
wickelt, wie vorher zwischen Tisch und Erde. Damit ist 
aber die Möglichkeit gegeben, die Bewegungen auch 
seitlich zu dirigiren und alle möglichen Krümmungen 
zusammenzusetzen. 

Bei einer mediumistischen Sitzung mit physikali- 
schen Erscheinungen müsste angenommen werden, dass 
das ganze Zimmer, Wände, Fussboden, Decke, Möbel, 
Menschen und selbst die in der Luft schwebenden Staub- 
theilchen mit einer unbekannten Kraft geladen sind, 
welche sich unsrer Sinnes Wahrnehmung entzieht, so 
lange sie zerstreut ist, aber dem sensitiven Nerven- 
system empfindlich wird. Diese Kraft kann bei punk- 



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— io6 — 

tueller Koncentration durch eine Menge matt flimmern- 
der Lichtpunkte oder durch einzelne stärkere Lichter 
dem Auge, durch kleine Erschütterungen oder Explo- 
sionen (Klopflaute oder Krache) dem Ohr vernehmlich 
werden, und durch materielle Zerreissungen oder Abtren- 
nungen, durch Lichtanzünden oder Lichtauslöschen u. s. w. 
bleibende physikalische Wirkungen hinterlassen. Die 
nämliche Kraftladung kann bei anderartiger Verthei- 
lung merkliche Anziehungen und Abstossungen auf 
bestimmte Gegenstände äussern, bei denen nächst dem 
Medium, dem Sitzungstisch und den Sitzungsteil- 
nehmern die Zimmerwandungen die wichtigste Rolle 
spielen dürften. Die sekundären Kraftcentra können 
nur insofern nach dem Willen des Mediums wirken, 
als dasselbe entweder die in ihnen aufgespeicherten 
Kräfte vermehrt oder vermindert, zerstreut oder kon- 
centrirt, oder die sekundären Kraftcentra in ihrer räum- 
lichen Stellung zu sich und zu andern Gegenständen 
verschiebt. 

Dass sich unter diesen Voraussetzungen z. B. das 
Herumschweben einer Guitarre im Sitzungszimmer in 
allen möglichen Kurven dreifacher Krümmung erklären 
lässt, dürfte Herr Aksakow kaum bestreiten; er findet 
aber diese Erklärung viel zu komplicirt und will 
an ihre Stelle eine viel einfachere setzen, nämlich 
die, dass materialisirte Organe (hier also eine Hand) 
die Guitarre herumführen (324). Ist diese Annahme aber 
wirklich einfacher? Die Guitarre wird nun durch die 
Hand gehalten und bewegt, aber wodurch die Hand? 
Etwa durch einen unsichtbaren menschlichen Körper, 
an dem sie sitzt, durch einen Körper, der unsichtbar 
auf dem Fussboden steht oder geht? Unmöglich, weil 
die Dichtigkeit der Materialisation bei einem noch un- 
sichtbaren Körper so gering anzunehmen wäre, dass er 
in den Fussboden einsänke, und weder gehen noch 
auch eine dichter materialisirte Hand festhalten und 
fortfuhren könnte. Wenn an der Hand ein unsichtbarer 
Körper sitzt, so muss er dadurch gehalten und bewegt 
werden, dass er mit einer Kraft geladen ist, die ihn 
durch ihre Beziehungen zur Erde, den Zimmerwänden, 
dem Medium u. s. w. leitet. Die Verbindung zwischen 
Hand und Körper müsste jedenfalls auch durch Kräfte 



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— 107 — 

der gleichen Art gesichert werden. Sitzt aber kein 
Körper an der Hand, so muss die Hand erst recht un- 
mittelbar durch Kräfte getragen und bewegt werden. 

Diese Kräfte können nur daher stammen, von wo 
auch der Stoff zur Materialisation entlehnt ist, d. h. aus 
dem Medium; sie können auch nur von demjenigen 
Bewusstsein dirigirt werden, das mit diesen organischen 
Stoffen und Kräften organisch verbunden ist, d. h. von 
dem sonnambulen Bewusstsein des Mediums. Herr 
Aksakow muss also genau dieselben Annahmen für die 
Hand (bezw. den daransitzenden Körper) machen, wie 
ich für die Guitarre. Während nach meiner Erklärung 
das Medium seine Kräfte direkt auf die Guitarre richtet, 
müss es dieselben nach seiner Erklärung auf die Hand 
mit oder ohne Körper richten. Insoweit wären beide 
Erklärungsversuche gleich komplicirt; Herr Aksakow 
kann keine der verwickelten Annahmen entbehren, 
die der meinige nöthig hat. Herr Aksakow fugt aber 
zu meinen Voraussetzungen die weitere Komplika- 
tion hinzu, dass das Medium zunächst aus seinem 
organischen Stoff eine Hand bis zu der Dichtigkeit 
materialisiren muss, dass sie eine Guitarre festhalten 
und herumbewegen kann. Gerade um diese Kleinig- 
keit ist meine Annahme einfacher. 

Wählen wir ein andres Beispiel, bei dem die Hypo- 
these des Herrn Aksakow uns weniger unwahrscheinlich 
als hier anmuthet, wo von einem handähnlichen Druck 
auf die Guitarre keine Spur nachweisbar wird; denken 
wir an die handähnlichen Druck- und Zugverknüpfungen 
an einem schreibenden Griffel. Herr Aksakow nimmt 
an, dass eine vom Medium materialisirte Hand den 
Griffel leitet. Dabei ist mir allerdings unverständlich, 
woher eine unsichtbar dünne Materialisation die Undurch- 
dringlichkeit nimmt, um einen Griffel zu halten und zu 
bewegen; denn die Hand durchdringt ja ohne Wider- 
stand die verschlossene Schiefertafel, und doch wird sie 
nicht ohne Widerstand von dem drinliegenden Griffel- 
stückchen durchdrungen, da sie ja sonst nicht damit 
schreiben könnte. Sie ist also durchdringlich für die 
Tafel, undurchdringlich für das Griffelstückchen. Für 
ein solches gleichzeitig entgegengesetztes Verhalten zu 
zwei Körpern von gleicher Struktur fehlt uns am mate- 



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— 108 — 

riellen Körper jede Analogie, während wir von vielen 
Kraft Wirkungen (z. B. Magnetismus, Induktion, Gravi- 
tation) wissen, dass sie die Materie durchdringen und 
doch auf die dahinterliegende gleichartige Materie ihre 
Wirkung entfalten können, wenn die letztere mit speci- 
fischen Kräften geladen ist. 

Herr Aksakow huldigt ebenso wie ich einer dynä- 
mistischen Auffassung der Materie, nach welcher die 
Undurchdringlichkeit der festen Körper nur eine relative 
und zwar ein bloss phänomenales Produkt von abstos- 
senden und kohäsiven Kräften ist. Wir sind also darin 
einig, dass die Bewegungen des Griffelstückchens durch 
Druck- und Zugkräfte bewirkt sein müssen, ähnlich 
denen, welche die den Griffel berührenden Hautstellen 
der Schreibefinger einer Hand hervorbringen. Wir sind 
feriier darin einig, dass diese Kraftwirkungen durch das 
Setzen sekundärer Kraftcentra an der Oberfläche des 
zu bewegenden Griffelstückchens vermittelt sein müssen, 
die den in der Hautoberfläche der Schreibefinger liegen- 
den Kraftcentren entsprechen. Wir sind drittens darin 
einig, dass die direkten oder indirekten dynamischen 
Beziehungen dieser sekundären Kraftcentra zum Medium 
die absperrende Tafel widerstandlos durchdringen, und 
viertens darin, dass dieser ganze Komplex geordneter 
dynamischer Beziehungen aus den organischen Kräften 
des Mediums stammt und unmittelbar von dem son- 
nambulen Bewusstsein des Mediums geleitet wird. 

Mit diesen gemeinsamen Annahmen begnüge ich 
mich; Herr Aksakow fügt die weitere Komplika- 
tion hinzu, dass hinter den an der Griffeloberfläche 
liegenden sekundären Kraftcentren, die den Angriffs- 
punkten der Schreibefinger entsprechen, vom Medium 
noch eine Anzahl andrer sekundärer Kraftcentra gesetzt 
werden müssen, welche den Atomen und Molekülen 
der Schreibehand in ihrer ganzen Dicke entsprechen. 
Diese Annahme trägt offenbar zur Erklärung der Griffel- 
bewegungen nicht das Mindeste bei, erspart nichts 
von den für die Fixirung und Leitung erforderlichen 
dynamischen Wirkungen des Mediums, fügt aber die 
Unbegreiflichkeit hinzu, dass eine solche materialisirte 
Hand die Tafel widerstandslos durchdringen kann. Der 
Unterschied beider Erklärungen wäre in grobsinnlichem 



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— 109 — 

Vergleiche so darzustellen. Nach der meinigen schreibt 
das Medium mit einer langen unsichtbaren Reissfeder, 
in deren Spitze das Griffelstückchen eingespannt ist, 
nach der des Herrn Aksakow mit einer künstlichen 
Hand, die an dem Ende der Reissfeder befestigt und 
zwischen deren Finger das Griffelstückchen geklemmt 
ist. Die absperrende Tafel ist durchdringlich für die 
Reissfeder, weil diese nach unser beider Annahme aus 
dynamischen Beziehungen ohne Materialität bestehen 
soll; aber sie kann nicht ebenso durchdringlich sein für 
die künstliche Hand, weil die dynamischen Verhältnisse 
der letzteren materieller Art, d. h. der Anordnung der 
Atomkräfte in einer materiellen Hand analog sein sollen. 
Gehen wir weiter zu dem Abdruck einer Fuss- 
sohle auf dem berussten Papier, das auf die Innen- 
seiten einer verschlossenen Doppeltafel geklebt ist. 
Wir sind darin einig, dass innerhalb der Tafel 
auf der Oberfläche der Russpartikelchen vom Medium 
eine Menge sekundärer Kraftcentra installirt werden 
müssen, die der Anordnung der Atomkräfte in der 
Hautoberfläche einer Fusssohle entsprechen, und dass 
dann durch Druck- resp. Zugwirkung des Mediums auf 
diese Oberflächen -Gruppirung von Kraftcentren eine 
Verschiebung der Russtheilchen auf dem Papier statt- 
finden muss. Herr Aksakow fügt zu dieser uns gemein- 
samen Annahme die weitere Annahme hinzu, dass 
das Medium hinter dieser Oberflächenanordnung von 
Kraftcentren noch unendlich viele Schichten weiterer 
Kraftcentra installiren müsse, wie sie in einem mate- 
riellen Fusse als Atome und Moleküle vorausgesetzt 
werden. Dieser Zusatz ist wiederum werthlos für die 
Erklärung und unbegreiflich in Bezug auf die Durch- 
dringlichkeit der Verschlusstafel. In Bezug auf die 
Direktion der Oberflächenkräfte durch das Medium 
gewährt die Annahme der dahinterliegenden Materiali- 
sationsmasse keinerlei Erleichterung, sondern macht die 
Aufgabe für das Medium komplicirter und schwerer. 

b. Die Gliederabgüsse. 

Wir gelangen weiter zu den Paraffingussformen 
von Händen und Füssen. Ich habe in meiner Spiritis- 



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— HO 

musschrift*) angenommen, dass solche Vorkommnisse 
nicht mit den Zöllner'schen Berichten über Abdrücke 
auf eine Stufe zu stellen sind, dass es sich hier über- 
haupt nicht um mediumistische "Wirkungen, sondern 
wohl meist um Abdrücke der im Traume die Rolle 
des Phantoms spielenden Medien handelt, und ich bin 
durch die langen Ausführungen des Herrn Aksakow 
(165 — 216) nicht eines Besseren überzeugt worden. Ent- 
weder taucht das Medium seine eigenen Hände oder 
Füsse in Paraffin, oder es taucht künstliche Hände und 
Füsse ein, die von der Bildung der seinigen abweichen 
.und die es zu dem Zweck mitgebracht hat, oder ein 
Helfershelfer taucht seine eigenen Gliedmaassen ein, oder 
ein Helfershelfer taucht künstliche Gliedmaassen ein. Ich 
habe kein Beispiel gefunden, wo nicht eine dieser Er- 
klärungen ausreichte. 

Die Berichte, fast ausschliesslich amerikanischen 
Ursprungs, lassen erkennen, dass es den Beobachtern 
an dem Bewusstsein fehlte, wie nothwendig es sei, alle 
diese Punkte zu beobachten. Entweder sind die Vor- 
kehrungen so getroffen, dass die Hände oder Füsse des 
Mediums unbeobachtet operiren, also auch künstliche 
Gliedmaassen eintauchen können; oder das Medium sitzt 
in einem Kabinet mit einem Fenster, durch das Helfers- 
helfer unbeobachtet herein und hinaussteigen können, 
um sich als Phantome zu produciren, oder das Medium 
selbst kann sich mit oder ohne Hülfe von Illusionen 
als Phantom produciren und vor den Augen des Publi- 
kums Abdrücke seiner Gliedmaassen erzeugen, die dann 
freilich den seinigen ähnlich sein werden. Die vor 
Tausenden von Zuschauern nach gedruckten Programmen 
abgespielten Vorstellungen des Taschenspielerpaares 
Homes und Fay und des Bostoner Exmediums Fay, 
welche in Berlin im Sommer und Herbst 1890 zu sehen 
waren, haben zur Genüge gezeigt, dass in dem Zelte 
künstliche Hände auch dann arbeiten und zielbewusste 
Bewegungen verrichten können, wenn das Medium frei 



*) Herr Aksakow tadelt mich auf S. 1 66 wegen eines unrichtigen 
Citats aus den „Psych. Stud." auf S. 89 meiner Schrift; er citirt aber 
wiederum mein Citat unrichtig (VI 526, IV 545—548 statt VI 526, 
545 — 548). Vermuthlich soll es heissen: (VI 526, V 545 — 548), da 
Herr Aksakow die letztere Stelle auf S. 215 selber citirt 



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— III — 

sichtbar in ganzer Figur dicht vor dem Zelt sitzt; 
warum sollten da die künstlichen, vom Medium zielbe- 
wusst geleiteten Hände nicht auch Gussformen im Zelt 
erzeugen können? Wir befinden uns hier, ebenso wie 
bei dem Herausschlüpfen aus Fesseln oder bei dem 
Arbeiten trotz der Fesselung, recht eigentlich in der 
D omaine der höheren Taschenspielerei. 

Herr Aksakow legt besonderes Gewicht auf den 
Umstand, dass die zarten Paraffingussformen durch das 
Herausziehen der Hand, durch welche sie gebildet sind, 
auch dann nicht beschädigt werden, wenn die Mündung 
der Gussform enger ist als ihr mittlerer Theil, wenn sie 
also bis zur Handwurzel oder bis zum Unterarm reicht 
und wohl gar die Hand in etwas gekrümmter Haltung 
zeigt. Er erklärt es für unmöglich, diese Wirkung 
durch die Hand eines lebenden Menschen oder durch 
eine künstliche Hand zu erreichen, und sieht in der 
Existenz solcher Gussformen einen genügenden Beweis 
dafür, dass die sie bildenden Hände sich vor dem 
Herausziehen in gewissem Grade dematerialisirt haben 
müssen, also nur die Hände von Materialisations- 
erscheinungen gewesen sein können. Er übersieht 
dabei, dass, was einem gewöhnlichen Menschen unmög- 
lich, ist, darum doch einem besonders gebauten möglich 
sein, kann, dass die Verschiebbarkeit und willkürliche 
Zusammendrückbarkeit der Handknochen durch Uebung 
sehr gesteigert werden kann, und dass eine Hand, die 
geschmeidig genug ist, um durch die Fesselung des 
Handgelenks herauszuschlüpfen, wohl auch durch den 
Hals der Gussform wird herausschlüpfen können. Er 
übersieht ferner, dass die mitgebrachten künstlichen 
Hände auch hohle, mit Wasser oder Luft gefüllte Häute 
(aus Kautschuk, Hausenblasenleim, Collodium elasticum 
oder ähnlichen Stoffen) sein können, deren Füllung vor 
dem Herausziehen aus der Form abgelassen werden 
kann. Solche Häute lassen sich unter Benutzung einer 
vorher in aller Müsse präparirten Gussform mechanisch 
so herstellen, dass sie das Hautgeäder mit abzeichnen. 

Die bisherigen Berichte über Gussformen bieten 
hiernach keinerlei Anlass, sich auch nur hypothetisch 
mit ihrer Erklärung aus mediumistischen Kräften zu 
beschäftigen. Da indess Herr Aksakow sich in dem 



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— 112 - 

Irrthum befindet, dass eine etwaige Konstatirung echter 
mediumistischer Gussformen die Materialität der Phan- 
tome unumstösslich beweisen würde, so will ich 
trotzdem erörtern, was sich nach meiner Ansicht aus 
solchen echten Gussformen höchstens schliessen lassen 
würde. Es wäre dies die Etablirung von sekundären 
Kraftcentren an der Oberfläche der unmittelbar zu for- 
menden Paraffinschicht und ihre derartige Gruppirung 
durch allmähliche Verschiebung gegen einander, dass 
das Paraffin die Form einer vom sonnambulen Be- 
wusstsein des Mediums vorgestellten Handoberfläche 
annimmt. Diese Hypothese würde wiederum Herrn 
Aksakow und mir gemeinsam sein. Wenn Herr 
Aksakow darüber hinausgeht zu der Annahme, dass 
auch der ganze Innenraum der Handoberfläche mit 
Molekular-Kräften nach Art einer wirklichen Hand aus- 
gefüllt sein müsse, so fügt er zu der uns eventuell 
gemeinsamen Hypothese eine unendliche Kompli- 
kation hinzu, die zu der Erklärung des eventuell zu 
Erklärenden nicht das Mindeste beizutragen vermag. 

Der Unterschied zwischen einem materialisirten 
Finger im Sinne des Herrn Aksakow und einem Ober- 
flächenkraftsystem von der Gestalt einer Fingerober- 
fläche lässt sich veranschaulichen durch den Vergleich 
eines künstlichen massiven Kautschukfingers mit einem 
hohlen Kautschukhäutchen von der Gestalt eines Fingers. 
Der Vergleich hinkt nur insofern, als auch das dünnste 
Häutchen noch einen Querschnitt von Billionen Mole- 
külen besitzt, also materiell ist, während das Ober- 
flächenkraftsystem gar keiner Dicke bedürfen würde, 
um das zu erklären, was es erklären soll. Deshalb 
wäre auch der hohle Gummifinger noch ebenso materiell 
wie der massive, während dem reinen Oberflächenkraft- 
system das wesentliche Merkmal der Materialität fehlen 
würde. Auch könnten die sekundären Kraftcentra in 
dem Oberflächenkraftsystem billionenmal weiter aus- 
einander stehen wie die Oberflächenatome der Finger- 
haut; denn auch die feinsten Aderungen der Haut, 
die im Paraffinabdruck zu finden sind, umfassen in 
ihrer Breite noch ungezählte Billionen Moleküle, ge- 
schweige denn Uratome. Es ist also gar nicht ge- 
sagt, dass das Kraftsystem auch nur in seiner Ober- 



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— H3 — 

flächenanordnung irgendwelche innere Aehnlichkeit mit 
der atomistischen Struktur einer materiellen Ober- 
fläche haben müsse, da es trotzdem einen für unsere 
Sinnesschärfe vollkommen gleichen Abdruck hervor- 
bringen kann. Damit schwindet der letzte Grund, in 
dem Oberflächenkraftsystem eine von der Materie gleich- 
sam abgelöste materielle Oberfläche sehen zu wollen. 
Es ist etwas ganz anderes, was wir yor uns haben, 
eine dynamische Erscheinung von objektiver Realität 
und Formation, aber ohne Körperlichkeit, Dichtigkeit, 
Massigkeit, Stofflichkeit oder Materialität, ein in mathe- 
matischer Flächenhaftigkeit präparirtes System von 
Kräften, das sein Widerlager am Medium, beziehungs- 
weise an den von ihm mit Kräften geladenen Kör- 
pern hat. 

Wenn man einen materiellen Körper zu durch- 
dringen sucht, z. B. eine Hand durch einen Degenstich, 
so ist nicht bloss die kohäsive Widerstandskraft der 
Oberflächenmoleküle zu überwinden, sondern in jeder 
Entfernung an der Oberfläche wiederholt sich dieser 
Widerstand, weil überall Kraftgruppen liegen. Ein 
blosses Oberflächenkraftsystem dagegen würde höchstens 
an der Oberfläche selbst der eindringenden Degerispitze 
Widerstand bieten, im Inneren gar. keinen. Richtet 
sich ein solches handähnliches Oberflächensystem nicht 
gegen Paraffin, sondern gegen meine Hand, so werde 
ich den Druck einer Hand zu spüren glauben, und 
diese Empfindung wird keine Hallucination, sondern 
sinnliche Wahrnehmung sein. Trotzdem wäre es ein 
falscher Schluss, wenn ich glaubte, eine materielle 
Hand zu fassen; unter einem plötzlichen kräftigen Druck 
meiner Hand müsste die Oberflächenhand zu nichte 
werden, während eine materielle Hand wohl zu Brei 
zerquetscht, aber nicht zu nichte werden kann. 

c. Die Beweise für die Stofflichkeit der 
Phantome. 

Herr Aksakow bemüht sich zu beweisen, dass 
materialisirte Gestalten oder Glieder oder Theile von 
Gestalten eine Dichtigkeit und Stofflichkeit haben, 
erstens durch den Nachweis ihrer Schwere (297 — 299) 

Hartmann, Geisterhypothese. 8 



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— H4 — 

und zweitens durch die Behauptung, dass abgeschnittene 
Haare oder Zeugstücke der Bekleidung nachher sich 
als materiell erwiesen (567—568). Was zunächst die 
Wäg^ingen von Phantomen betrifft, so kenne ich keine, 
in denen selbstregistrirende Waagen zur Verwendung 
kamen, noch weniger solche, wo Medium und Phantom 
sich auf je einer selbstregistrirenden Waage befanden, 
deren Wägungen nachher hätten zeitlich kombinirt 
werden können. Wenn das Maximalgewicht des Phan- 
toms dem des Mediums glich, so musste ich daraus 
schliessen, dass es das Medium selbst war, welches die 
Waage betreten hatte, und dass in den Fällen geringeren 
Gewichts das Medium nicht mit seinem ganzen Körper- 
gewicht auf die Waage gedrückt hatte. Die Ver- 
sicherung, dass das Verlassen des Kabinets durch das 
Medium unmöglich war, ist bedeutungslos gegenüber 
der Unannehmbarkeit des Gedankens, dass bei dem 
Maximalgewicht des Phantoms aller Stoff des Mediums 
in das Phantom hinübergewandert und das Medium 
absolut stofflos geworden sein sollte. Wenn aber das 
im Kabinet verbleibende Medium die Platte der Waage 
durch seine mediumistische Kraftladung schwerer oder 
leichter machen konnte, ähnlich wie einen Tisch, dann 
können die abgelesenen Gewichtsveränderungen auch 
nichts mehr für die Schwere eines gleichzeitig darauf* 
tretenden Phantoms beweisen, und die sogenannten 
Phantomswägungen werden zur Täuschung. 

Abgeschnittene Haarlocken oder Gewandstücke 
müssen solange auf das Medium selbst, auf seine 
Kleider, oder auf solche die es mitgebracht hat, oder 
auf Helfershelfer, die als Phantome figuriren, bezogen 
werden, als nicht das Gegentheil streng erwiesen ist. 
Am wenigsten kann der völlig von seinem Medium 
düpirte Crookes in diesem Punkte als Zeuge gelten (568). 

Ebenso misslungen ist der Versuch des Herrn Aksa- 
kow, die Materialisation menschlicher Gliedmaassen uns 
durch die Analogie einer Materialisation von leblosen 
Gegenständen oder Pflanzen glaubhafter zu machen. Der 
Beweis fehlt vollständig, dass das Gewand, welches Herrn 
Crookes bald durchlöchert, bald ganz erschien, irgend- 
welche objektive Realität hatte, oder dass die Gewän- 
der, von denen bleibende Proben abgeschnitten werden 



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— "5 — 

konnten, Materialisationen und nicht ganz gemeinen 
Ursprungs waren (127). Bei der angeblichen Materiali- 
sation von Blumen und ganzen Pflanzen handelt es sich 
theils um Taschenspielereien der gewöhnlichsten Art, 
theils um forcirtes Pflanzenwachsthum aus mitgebrachten 
Samen oder Keimpflanzen (129 — 142), aber keinenfalls 
um Materialisationen. Das Phantom „Katie King", 
welches seine Finger in die Quecksilberschalen tauchte, 
verursachte dadurch keine Schwächung des galvani- 
schen Hauptstromes, war also absoluter Nichtleiter (251); 
wenn diese Beobachtung richtig ist, so kann das Phan- 
tom keine einem menschlichen Organismus ähnliche 
Struktur und chemische Beschaffenheit gehabt haben. 
Diese Berichte sind übrigens völlig konfus, da Herr 
Harrison hinzufugt, dass demnach das Phantom dem 
galvanischen Strom einen fünfmal grösseren Wider- 
stand entgegengesetzt habe als das Medium, während 
es heissen müsste: „einen unendlich mal grösseren".*) 
Alle Versuche, in den dynamischen Oberflächenkraft- 
systemen Materialität oder Dichtigkeit nachzuweisen, sind 
bis jetzt als völlig misslungen zu betrachten; dieser Satz 
würde auch dann seine Geltung behalten, wenn der 
photographische Nachweis gelungen wäre, dass solche 
Oberflächenkraftsysteme auch die lichtreflektirenden und 
dispergirenden Eigenschaften einer materiellen Ober- 
fläche besitzen. 

d. Tastbarkeit und Sichtbarkeit. 

Herr Aksakow hält es für unlogisch, einer tast- 
baren und fühlbaren objektiv -realen Erscheinung die 
Sichtbarkeit abzusprechen (152 — 153). Er übersieht da- 
bei, dass manches sichtbar ist, ohne tastbar zu sein 



*) Auch sonst sind diese Berichte werthlos durch Mangelhaftig- 
keit: nur von Minute zu Minute wurden die Widerstände abgelesen 
(247), so dass zwischen zwei Ablesungen das Medium Zeit zu allen 
Manipulationen hatte. Durch Vertrocknung der Papierbäusche sank die 
Ablenkung des Galvanometers von 220 — 146 (246), ohne dass Kon- 
trolversuche darüber stattfanden; die Abnahme wäre vielleicht viel 
grösser gewesen, wenn sie nicht theilweise aufgewogen worden wäre 
durch eine in ihr versteckte Zunahme, die durch Verschiebungen der 
Pole auf der Haut des Mediums bedingt war. Das ist lauter Spielerei 
unter pseudowissenschaftlichen Formen. 

8* 



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— n6 — 

(z. B. Rauch, Dunst, Nebel), und anderes tastbar und 
fühlbar ist ohne sichtbar zu sein (z. B. eine Spiegel- 
scheibe vor hellem Hintergrunde, heisse Luft, die aus 
einer Oeffhung strömt, schwache elektrische Entladungen, 
die Erschütterung in einem knackenden Möbel u. dgl.). 
Die Bedingungen, welche eine objektiv -reale Erschei- 
nung erfüllen muss, um dem Tastsinn wahrnehmbar 
zu werden, sind eben ganz anderer Art, als die, welche 
sie erfüllen muss, um dem Auge wahrnehmbar zu wer- 
den. Beide können zusammentreffen, wie z. B. in der 
Oberfläche fester Körper von nicht zu geringer Aus- 
dehnung, aber sie brauchen es nicht, wie z. B. in fein 
verstäubten festen Körpern, oder theilweise im flüssigen 
und gasförmigen Aggregatzustand. Um die auffallen- 
den Lichtwellen in zerstreuter Weise zu reflektiren, oder 
um sie spiegelnd zu reflektiren, oder um Uebergangs- 
zustände zwischen beiden extremen Fällen zu liefern, 
dazu bedarf es einer ganz besonderen molekularen 
Struktur der Oberfläche. Die Lichtwellen sind so klein, 
dass sie von einem Oberflächenkraftsystem, welches eine 
billionenmal so weite Auseinanderstellung seiner Kraft- 
centra hat wie die Oberfläche unserer Haut, auch nur 
zu einem verschwindend kleinen Theile reflektirt wer- 
den könnten, in der Hauptsache aber hindurchdringen 
müssten, als ob nichts da wäre. Ein solches Ober- 
flächenkraftsystem würde also weit durchsichtiger sein 
als die beste Glasscheibe, und deshalb für uns unsicht- 
bar. Auf Grund seiner Tastbarkeit kann niemals seine 
Sichtbarkeit behauptet werden. 

Herr Aksakow stellt dem nun vier verschiedene 
Zeugnisse entgegen, dass die schreibenden Hände auch 
als Hände gesehen worden seien, und zwar zwei davon 
als selbstleuchtende, zwei ohne Angabe, ob mit eigenem 
oder reflektirtem Licht (147 — 148). Denkt man sich die 
sekundären Kraftcentra eines handähnlichen Oberflächen- 
systems jener Kraft verwandt, welche in glimmenden 
Punkten erkennbar wird, so kann eine grössere Kon- 
centration des Glimmlichts die Oberflächenform im 
dunklen Zimmer sichtbar machen, ohne dass eine licht- 
reflektirende Oberfläche besteht. Die glimmenden Punkte 
in der handähnlichen Oberfläche können sogar schon 
recht weit von einander abstehen, weiter als die Breite 



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- ii 7 - 

der feineren Hautfalten beträgt, — und doch wird die 
Summe der leuchtenden Punkte dem Auge den Ein- 
druck einer leuchtenden Hand machen. 

Im Uobrigen ist es bei der Spannung der Auf* 
merksamkeit auf wunderbare Erscheinungen nicht zu 
verwundern, wenn der Tasteindruck einer die seinige 
betastenden Hand im Zuschauer die Gesichtshallucina- 
tion einer die seinige berührenden Hand associativ aus* 
löst. Am wenigsten ist dies dann zu verwundern, wenn 
das Medium in seinem sonnambulen Bewusstsein das 
Traumbild der Hand als einer zugleich sichtbaren und 
mechanisch wirksamen hat und diese subjektive Ge- 
sammterscheinung mit allen ihm zu Gebote stehenden 
Mitteln (d. h. physischen und psychischen) im Zuschauer 
wiederzuerzeugen sucht, wie das oben erörtert worden 
ist. Wenn jemand in einer Dunkelsitzung behauptet, 
ganz deutlich eine ihn berührende Hand gefühlt zu 
haben, so werde ich das so lange für eine blosse Tast- 
und Gefühlshallucination halten, bis die objektive Rea- 
lität der Erscheinung durch bleibende physikalische 
Wirkungen erwiesen ist. Wenn jemand in solcher 
Lage behauptet, eine Gestalt (unter Ausschluss von 
Illusionen) gesehen zu haben, so werde ich so lange 
eine blosse Gesichtshallucination annehmen, bis das Vor- 
handensein einer objektiv-realen lichtreflektirenden Ober- 
fläche durch physikalische (photographische) Wirkungen 
nachgewiesen ist. 

Der photographische Nachweis kann nicht die Rea- 
lität der Tastempfindung, der plastische Nachweis nicht 
die Realität der Gesichtsempfindung ausser Zweifel 
stellen. Das photographirte Phantom kann nebelhaft 
ungreifbar sein, und deshalb dem Tastsinn keinerlei 
Anhalt bieten; die plastisch formirte Gestalt kann un- 
fähig zur Reflexion von Lichtstrahlen sein. Der photo- 
graphische Nachweis einer Gestalt lässt die Möglichkeit 
offen, dass die mit der Gesichtswahrnehmung der Ge- 
stalt verknüpfte Tastempfindung eine blosse Hailucina- 
tion ist, mag sie nun associativ oder suggestiv wach- 
gerufen sein. Ebenso lässt der plastische Nachweis 
eines Gliedes die Möglichkeit offen, dass die mit der 
Tastwahrnehmung der Gliedgestalt verbundene Gesichts- 
anschauung eine blosse Hallucination ist. Der Nach- 



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— n8 — 

weis der objektiven Realität muss für jeden der beiden 
Sinne durchaus selbstständig gefuhrt werden, wenn 
nicht die schuldige methodologische Vorsicht der Be- 
weisführung verletzt werden soll. 

Bis jetzt scheint mir der Beweis der objektiven 
Realität weder für ganze Gliedmaassen noch für Ge- 
stalten, weder auf dem Wege der Plastik noch auf 
demjenigen der Photographie, weder für den Tastsinn 
noch für den Gesichtssinn bis zu einem solchem Grade 
von Glaubwürdigkeit erbracht zu sein, dass die Theorie 
Anlass hätte, sich ernstlich mit Erklärungsversuchen zu 
befassen. Für die Gussformen ist das bereits oben aus- 
geführt, es bleibt uns also noch übrig, einen Blick auf 
die Photographien von Phantomen zu werfen. 

e. Phantom-Photo graphien. 

Nach den vorangeschickten Ausführungen wird der 
Leser mir den Glauben schenken, dass ich keinerlei 
Interesse daran habe, die objektive Realität der Phan- 
tome in Bezug auf lichtreflektirende Oberflächen zu 
leugnen, und dass der photographische Nachweis der- 
selben keinen meiner Cirkel stören würde. Denn der 
photographische Nachweis einer lichtreflektirenden Ober- 
fläche der Phantome würde zwar ihre objektive Realität, 
aber noch nicht ihre Sichtbarkeit beweisen („transcen- 
dentale Photographie"); auch die scheinbare Sichtbar- 
keit derselben für ein sensitives Medium würde auf 
einer „wahrhaften Hallucination" beruhen können, und 
selbst die Sichtbarkeit für normale Augen müsste erst 
mit einem photographischen Eindruck von normaler 
Stärke zusammentreffen, um die Sichtbarkeit ausser 
Zweifel zu stellen. Die Sichtbarkeit wiederum würde 
nichts für die Tastbarkeit beweisen, da die Berichte so 
oft von dem widerstandslosen Hindurchgehen und Hin- 
durchfassen durch Phantome sprechen. Die Sichtbarkeit 
einerseits und die Tastbarkeit andererseits könnten an 
Phantome von ganz verschiedener Konstitution und dy- 
namischer Oberflächenstruktur vertheilt sein, an wider- 
standslose Nebelgebilde und an unsichtbare mechanische 
Oberflächenkraftsysteme. Die Vereinbarkeit der Tast- 
barkeit und Sichtbarkeit, oder der plastischen Wirkungs- 



X 



v 



— Hg — 

fähigkeit und Photographirbarkeit an einem und dem- 
selben Phantom müsste auch dann noch besonders em- 
pirisch nachgewiesen werden, wenn die Plasticität und 
Photographirbarkeit jede für sich an verschiedenen 
Phantomen bereits ausser Zweifel gestellt wäre. Die 
Vereinigung von Plasticität und Photographirbarkeit an 
demselben Phantom würde eine dynamische Ober- 
flächenstruktur beweisen, die sowohl zur Hervorbrin- 
gung mechanischer Kraftäusserungen als auch zur zer- 
streuten Lichtreflexion geeignet und befähigt ist, aber 
sie würde gar nichts dafür beweisen, dass dieses flächen- 
hafte Dynamidensystem auch irgend welche Dicke hat, 
durch die es erst eine Analogie mit dem Dynamiden- 
system eines materiellen oder stofflichen Körpers ge- 
wänne. Aber selbst wenn sich auf irgend welchen an- 
deren Wegen die Materialität oder stoffliche Dichtig- 
keit und körperliche Raumerfullung der Phantome nach- 
weisen Hesse, so könnte sie doch immer nur vom Me- 
dium formirt und geleitet, nur aus seiner Kraft und 
seinem Stoff geschöpft und gebildet sein, könnte also 
durch ihre Stofflichkeit niemals für, sondern immer 
nur gegen einen geistigen Ursprung Zeugniss ab- 
legen und auf einen stofflich - irdischen Ursprung (den 
Leib des Mediums) hindeuten. Je stofflicher die 
Phantome sich herausstellen sollten, desto weiter 
würden sie von der Geisterhypothese abführen. Es ist 
mir deshalb völlig unverständlich, wie gerade die Ver- 
treter der Geisterhypothese auf die Behauptung der 
Stofflichkeit der Phantome jemals haben einen Werth 
legen können. 

Photographirbar können Phantome aus zwei ganz 
entgegengesetzten Gründen werden, erstens wenn ihre 
Oberfläche oder ihr ganzer Raumgehalt selbstleuchtend 
wird, oder mit nahe an einanderliegenden selbstleuch- 
tenden Punkten besetzt wird, und zweitens, wenn ihre 
Oberfläche lichtreflektirende Eigenschaften erhält. Die 
polariskopische, spektroskopische und photometrische 
Untersuchung allein kann über die Unterschiede selbst- 
leuchtender Lichtquellen und reflektirter Lichtstrahlen, 
über die Färbung, resp. den Brechbarkeitsgrad und 
die Lichtstärke sichere Auskunft geben. Die Lage der 
Strahlen innerhalb oder ausserhalb des sichtbaren Spek- 



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— 120 — 

trums müsste dabei noch durch spektroskopische Pho- 
tographien kontrolirt werden. 

Von alle dem ist noch nichts geschehen. Die 
meisten Versuche, Phantome zu photographiren, fallen 
noch vor die Zeit, wo die Sache durch das Magnesium- 
blitzlicht und die Augenblicksaufhahmen ohne jede Stö- 
rung für das Medium und den Cirkel möglich ge- 
macht ist. 

Die kleine bläuliche Spiritusflamme, durch welche der 
Magnesiumstaub hindurchgeblasen wird, darf auch ohne 
Blende kein entwickeltes Materialisationsmedium geniren. 
Die gleichzeitige Aufstellung mehrerer auf das Medium 
eingestellter Apparate an verschiedenen Stellen des Zim- 
mers und die gleichzeitige Lüftung ihrer Verschlüsse 
durch einen Fusstritt auf die pneumatische Leitung er- 
möglicht es, die Stellung des Phantoms zum Medium 
und seine dreidimensionale Form aus den Photographien 
genau zu rekonstruiren, und die automatische Vor- 
schiebung einer neuen Platte durch denselben Fusstritt 
gestattet die fortlaufende photographische Kontrole der 
zeitlichen Veränderungen in der Beschaffenheit und 
Stellung, im Entstehen und Vergehen des Phantoms. 
Das Blitzlicht von 1 / 40 Sekunde Dauer ist längst vorbei, 
ehe das geblendete Modell mit den Gesichtsmuskeln 
zucken kann, also erst recht vorüber, ehe das Phantom 
sich durch das Licht gestört fühlen kann. 

Die technischen Hülfsmittel sind jetzt zu einer Voll- 
kommenheit gediehen, dass es ein Leichtes sein müsste, 
die ganzen Phantome oder materialisirten Gliedtnaassen 
auch bei Dunkelsitzungen photographisch aufzunehmen, 
wenn sie überhaupt photographirbar wären, und der 
photographische Dilettantismus ist so verbreitet, dass es 
kaum je an Operateurern fehlen kann. Seitdem durch 
meine Spiritismusschrift auf- die Photographie als das 
einzige Beweismittel für die optische Realität der Phan- 
tome hingewiesen worden ist, hat es an Bemühungen 
nicht gefehlt. Desto auffälliger ist die Dürftigkeit der 
vorliegenden Resultate. Dieselben sind nicht nur an 
Zahl verhältnissmässig gering, sondern auch ihrem Aus- 
fall nach so wenig überzeugend, dass selbst entschiedene 
Anhänger des Spiritismus den Beweis für die Photo- 
graphirbarkeit der Phantome als noch nicht erbracht 



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— 121 — 

ansehen. In Betreff der von Herrn Aksakow mit Eglin- 
son in London angestellten Versuche (285—286), welche 
er selbst als völlig beweisend erachtet, und bei denen 
es Eglinson nach seinen eigenen Aeusserungen speciell 
darum zu thun war, den Gegenbeweis gegen meine 
Hallucinationshypothese zu erbringen, verweise ich auf 
die „Sphinx" 1887, Bd. IV S. 124—126 und 280—285 
und „Psych. Stud." 1888, Bd. XV S. 54. Nach seiner 
Entlarvung der Stansburyschen Geisterphotographien 
in den „Psych. Stud." 1890 S. 548 — 555 dürfte Herr 
Aksakow selbst wohl auch über den Fall Eglinton und 
über die Gliederabgüsse etwas skeptischer zu denken 
geneigt sein, als bei Abfassung seines Werkes. 

Von vornherein auszuscheiden sind alle photogra- 
phischen Aufnahmen, die von Berufsphotographen und 
Verkäufern von Geisterphotographien gemacht sind, 
auch wenn dieselben nicht gerade gerichtlich des Be- 
truges überführt sind. Höchst verdächtig sind alle Auf- 
nahmen bei Tageslicht, bei denen Gestalten in reflek- 
tirtem Licht auf der Platte erscheinen, die von keinem 
der Anwesenden gesehen worden sind; denn Materiali- 
sationen gelingen bekanntlich fast nur im Dunkeln oder 
bei stark gedämpftem Licht, und wir kennen keine 
chemische Substanz, deren reflektirte Lichtstrahlen 
so ganz und gar ausserhalb der Spektrumsgrenze lägen, 
dass ihr keine sichtbaren Strahlen beigemischt wären. 
Verdächtig sind ferner lange vergebliche Versuchs- 
reihen, deren heisses Bemühen endlich durch einen, 
wenn auch nur kleinen Erfolg belohnt wird; denn hier 
wittert man die Hand des gutmüthigen Schalks, der 
den Freunden endlich zu der lang ersehnten Freude 
verhelfen will, um so mehr, wenn das Urbild der auf 
der Platte erscheinenden Geisterhand als missrathene 
Zeichnung gedacht werden muss. Verdächtig sind ferner 
zwar nicht die Photographien, desto mehr aber die 
Phantome in solchen Fällen, wo die Körperlichkeit 
durch alle Sinne zugleich bezeugt zu werden scheint, 
wo die Wärme der Hand, die Bläue der Adern und 
die Beschaffenheit des Pulses zu spüren sind; denn da 
liegt doch wohl der Verdacht nahe, dass das Medium 
selbst oder ein Helfer die Rolle des Phantoms spielt, 
uns um so näher, wenn er den Zeugen und dem Be- 



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122 

richterstatter offenbar ganz fern gelegen hat, so dass 
sie es an den nöthigen Vorsichtsmaassregeln gegen der- 
artige Täuschung fehlen Hessen. Verdächtig ist das 
Zeugniss selbst eines Mannes der Wissenschaft, wenn 
er so sehr im Zauberbann des Mediums oder der von 
ihm erregten Illusion liegt, dass der schwärmerische 
Enthusiasmus mit seiner kritischen Besonnenheit durch- 
geht (z. B. bei Crookes). Verdächtig sind die meisten 
älteren Berichte über Geisterphotographien schon darum, 
weil die früheren Berichterstatter die verschiedenen mög- 
lichen Trücs zur Erzeugung von photographischen Täu- 
schungen gar nicht oder nur zum kleinsten Theile 
kannten, oder doch alle zu kennen glaubten, und des- 
halb gar nicht im Stande waren, ihre Aufmerksamkeit 
auf die entscheidenden Manipulationen oder Vorbe- 
reitungen zu richten. 

Es ist ein methodologischer Irrthum, wenn Herr 
Aksakow glaubt, man könne die möglichen Trücs eines 
Taschenspielers im Voraus so aufzählen und erschöpfen, 
dass der Ausschluss aller der aufgezählten Täu- 
schungen die Aechtheit der Erscheinung verbürgt. 
Denn jeder gute Taschenspieler und jeder gewandte 
Betrüger kann neue und eigene Trücs zu den schon 
bekannten hinzu erfinden. Die Aufzählung der be- 
kannten Trücs kann immer nur gegen diese, nicht gegen 
neu ersonnene schützen. Die Sicherung gegen die 
bereits bekannten Trücs darf nicht unterbleiben, wenn 
der Bericht überhaupt der Erwägung und Erörterung 
werth sein soll; aber sie kann auch nicht mehr thun, 
als den Bericht diskussionsfähig machen. Der ent- 
scheidende Punkt ist immer, ob die Zeugen auch die 
nöthige Ruhe, Aufmerksamkeit und Geistesgegenwart 
besessen haben, um ausser dem Ausschluss der alten 
Trücs auch die Anwendung neuer zu durchschauen. 
Nachher ist das kaum möglich, selten genug aus der 
Negativplatte, noch weniger aus positiven Abzügen, 
am wenigsten aus Lichtbildern, die nach positiven Ab- 
zügen hergestellt sind. 

Alles was ich bisher an Bildern und Berichten zu 
sehen bekommen habe, scheint mir keine nähere Er- 
örterung zu verdienen, mit Ausnahme der schon in 
meiner Spiritismusschrift erwähnten Aufnahmen von 



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— 123 — 

Beattie; sie werden von demselben als selbstleuchtende, 
durchsichtige, keinen Schatten werfende, nur dem sen- 
sitiven Medium sichtbare, den übrigen Theilnehmern 
unsichtbare, geformte Nebel beschrieben, die einen ausser- 
ordentlich starken Eindruck auf die Platte machen 
(66 — 67, 60). Wir hätten es also hier mit intensivem 
Eigenlicht von so starker Brechbarkeit zu thun, dass 
es gewöhnlichen Augen unsichtbar ist und nur in dem 
sensitiven Auge des Mediums in sichtbare Strahlen von 
genügender Stärke umgewandelt wird. Die Umrisse 
sind verwaschen; es ist also keine scharf abgegrenzte 
Oberfläche vorhanden. Die Unfähigkeit, Schatten zu 
werfen, in Verbindung mit Durchsichtigkeit beweist das 
Fehlen einer Reflexion an der Oberfläche; denn der 
Schatten entsteht eben dadurch, dass die reflektirten 
und absorbirten Strahlen nicht durch den Nebel hin- 
durchgehen. Stofflicher Nebel und Rauch, ja sogar 
eine Tafel von Spiegelglas werfen bekanntlich einen 
sehr deutlichen Schatten; was keinen Schatten wirft, 
ist entweder kein Körper, oder ein völlig durchsichtiger 
Körper (weit durchsichtiger als Spiegelglas). Wenn 
also die Beattie'schen Aufnahmen keinen Betrug ein- 
schliessen, so würde aus ihnen zu folgern sein, dass 
mediumistische Glimmlichter sich zu geformten Licht- 
nebeln zusammenballen können, die aber keine licht- 
reflektirende Oberfläche haben. 

Man könnte dies durch eine Art elektrischer oder 
odischer Glimmlichter zu erklären suchen, sei es nun, 
dass die glimmenden Lichtpunkte vom Medium selbst- 
ständig in den Raum hinausgesetzt werden, oder dass 
sie als kleine Lichtsphären bestimmte Gasmoleküle der 
Zimmerluft umgeben, oder dass sie sich auf die in der 
Zimmerluft stets schwimmenden Staubtheilchen (Sonnen- 
stäubchen) als auf ihre stoffliche Unterlage stützen. 
Auf alle Fälle hätte eine solche selbstleuchtende Form 
nichts von Materialität, Stofflichkeit, Dichtigkeit, Masse 
oder Schwere an sich, und durch das engere Zusammen- 
rücken der glimmenden Lichtpunkte könnte nur die 
Lichtintensivität der Erscheinung verstärkt, aber nie- 
mals eine Stofflichkeit oder eine lichtreflek- 
tirende Oberfläche geschaffen werden. Es giebt 
von diesen selbstleuchtenden Phantomen keinen Ueber- 



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— 124 — . 

gang zu den lichtreflektirenden, sondern es bedürfte 
dazu eines totalen Umschlages der Erscheinung in 
das Gegentheil ihrer selbst. Wenn beide Arten 
von Erscheinungen eine objektive Realität besitzen 
sollten, so müssten sie auf entgegengesetzten Eigen- 
schaften |und dynamischen Strukturverhältnissen beruhen, 
ähnlich wie die lichtreflektirenden und die mechanisch 
wirksamen Kraftsysteme verschieden konstituirt sein 
müssten. Aber ich habe, wie gesagt, noch keine Be- 
richte über photographische Aufnahmen lichtreflektiren- 
der Phantome gefunden, die ein solches Maass von 
Glaubwürdigkeit besessen hätten, um sie einer ernst- 
haften Diskussion zu würdigen. 

f. Die Glaubwürdigkeit der Berichte. 

Ich wiederhole zum Schluss das am Anfang Ge- 
sagte, dass ich über die Thatsächlichkeit auch der 
bedingungsweise erörterten Erscheinungen keineswegs 
ein Urtheil abgeben will; es wäre nur ermüdend für 
den Leser gewesen, diese Verwahrung in jedem ein- 
zelnen Falle zu wiederholen, und ich habe deshalb der 
Kürze halber mich in der Regel so ausgedrückt, als 
ob ich die erörterten Thatsachen gelten liesse, ohne die 
immer vorausgesetzte Bedingung ihrer erweislichen 
Thatsächlichkeit ausdrücklich hinzuzufügen. 

Bis jetzt leidet die Mehrzahl der Berichte an dem 
Uebelstand, dass die Berichterstatter und Zeugen erstens 
von vorgefassten Meinungen ausgehen, anstatt unbe- 
fangen und aufmerksam zu beobachten und sorgfältig 
zu untersuchen, und dass sie zweitens noch zu oft im 
Unklaren darüber sind, auf welche Punkte es in der 
Berichterstattung ankommt. Wie das Misstrauen läh- 
mend auf die Medien und ihre Produktionen wirkt, so 
wirkt ein blindes Vertrauen verblendend auf den Scharf- 
blick der Beobachter. Das Vertrauen in die Ehrlich- 
keit der Berufsmedien ist ja nachgerade auch in spiri- 
tistischen Kreisen stark genug erschüttert; aber das 
Vertrauen in die Ehrlichkeit von Privatmedien ist bis 
jetzt noch viel zu gross. Nicht bloss der Erwerbs- 
trieb, sondern auch die Eitelkeit, die Ruhmsucht, der 
Wunsch, bewundert und für ein auserlesenes Rüstzeug 



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— 125 — 

gehalten zu werden, die Herrschsucht, welche durch 
den Einfluss der Medien über manche Gläubige Be- 
friedigung findet, und nicht zum wenigsten die Be- 
kehrungssucht oder der Fanatismus der spiritistischen 
Propaganda sind ebensoviel Motive, die zur absicht- 
lichen Täuschung führen können. 

Je fester die spiritistische Ueberzeugung in dem 
Medium wurzelt, desto leichter erscheint ihm die pia 
frans der Nachhilfe zur grösseren Ehre der Geister 
verzeihlich, und an solchen Täuschungen können selbst 
spiritistische Fanatiker, die nicht Medien sind, mit- 
wirken. Insbesondere tritt diese Gefahr ein für die- 
jenigen experimenta crucis, auf deren Ausfall sich die 
Diskussion zeitweilig zugespitzt hat wie auf ein Er- 
eigniss, das für den Sieg oder das Unterliegen der 
spiritistischen Theorie in irgend welcher Richtung ent- 
scheidend werden soll (z. B. die gegenseitige Durch- 
dringung zweier nach den Jahrringen gedrechselter 
Holzringe, oder die Phantomphotographie). Hier ist 
der äusserste Grad von Skepsis am Platze, der wohl 
von Misstrauen zu unterscheiden ist. Gesteigert wird 
die Verführung zum Betrüge noch dadurch, wenn für 
das Gelingen eines solchen Versuchs hohe Belohnungen 
in Aussicht gestellt werden. 

Besonders schwierig wird die Betrugsfrage, wenn 
das sonnambule Bewusstsein sich an der Täuschung 
der Anwesenden durch Mitwirkung zur Erreichung des 
Zwecks thatsächlich betheiligt, ohne sich der Mittel zur 
Herbeiführung des Zweckes oder gar ihrer täuschenden 
Beschaffenheit bewusst zu sein. Dieser mit einem ziem- 
lich unglücklichen Ausdruck häufig „unbewusster Be- 
trug" genannte Vorgang zeigt sich sehr häufig in den 
rein sonnambulen Zuständen des Mediums während der 
Sitzung, und kann unterstützt werden durch vorher- 
gehende sonnambule Zustände und die in derselben ohne 
Vorwissen des wachen Bewusstseins vorgenommenen 
Vorbereitungshandlungen (z. B. Vorbereitung des Ap- 
ports von Gegenständen auf grosse Entfernungen durch 
sonnambules Ansichnehmen und Mitfuhren der Gegen- 
stände, die der wache Mensch mit gutem Gewissen eid- 
lich ableugnen kann). 

Ganz komplicirt werden die Verhältnisse bei den 



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126 

verschiedenen Graden des larvirten Sonnambulismus, 
wo ein Zusammenwirken des bewussten und unbewussten 
Betruges stattfinden kann. Da in solchen Zuständen 
das wache Bewusstsein sich immerhin in einem Grade 
abnormer Depression befindet, so darf ihm auch nur 
eine beschränkte Zurechnungsfähigkeit zugeschrieben 
werden, während das gleichzeitig thätige sonnambule 
Bewusstsein sittlich ganz unzurechnungsfähig ist. Die 
Anwesenden merken nur zu oft nichts von der Depres- 
sion des wachen Bewusstseins im Medium und fahren 
deshalb fort, dasselbe für ebenso sittlich zurechnungs- 
fähig zu halten, wie es im normalen Zustande ist; that- 
sächlich aber ist die Zurechnungsfähigkeit des wachen 
Bewusstseins um so mehr beschränkt, je stärker das son- 
nambule Bewusstsein sich in mediumistischen Leistungen 
bethätigt. Deshalb ist es ganz unzulässig, dasjenige 
Vertrauen in seine sittliche Zuverlässigkeit, welches 
man einem Privatmedium im normalen Zustande zu 
schenken berechtigt ist, auch auf die abnormen Zu- 
stände auszudehnen, in welchen es mediumistische 
Leistungen producirt. 

Dieses Fehlers machen sich aber die spiritistischen 
Berichterstatter fast ausnahmslos schuldig. Das Ver- 
trauen darf niemals irgend welche Rolle spielen, auch 
nicht Privatmedien gegenüber, die in ihrem sonstigen 
Leben als die vertrauenswürdigsten Charaktere bekannt 
sind; alle Beweise der Thatsachen müssen — auch 
unter Ausschluss von Berufsmedien — so eingerichtet 
sein, dass das Vertrauen kein Glied in der Schlusskette 
bildet Wo gegen diesen Grundsatz Verstössen ist, da 
dürfen die Spiritisten sich nicht wundern, wenn man 
ihren Berichten die objektive Glaubwürdigkeit abspricht, 
da wäre es unbillig, die Erklärung durch Betrug bloss 
darum zu verschmähen, weil sie die billigste ist. 



Druck von C. G. Röder in Leipzig. 



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£i>ifofof>^U 6e* ttnfcenmfiten. 10. toerm. Stoff, in 3 »änben. brofd). 3R. 13.50, in 

$albfr&. geb. 3». 19.50. 
9a# tSnf»ett>uf|tc nn6 6er 9artt>?tii*mti*. 8u$U\d) ©rgänaungsbanb gut 1.— 9. Stuf* 

läge ber „<ßtjilofo#)ie beS Unbenmfjten". brofd). 2R. 8.—. 
9a» fMtldfc &eti>ttf}tfeim (Sine (Sntfcitfelung feiner mannigfaltigen ©eftatten in Üjrem 

inneren 8"fantmenfjangc mit befonberer adütfft^t auf brennenbe fokale unb tird)Ud|e 

fragen ber Oegentoart. 2. «toff. br. 2tt. 6—, geb. 3K. 8.—. 
Sit ttMtföt SftMi' feit Kant, fcrfter l)iftorifd)*tritifd)er Xeit ber #ftf)eti!. brofd). 

SR. 5—, geb. 9R 7.— . 
jWfofopfeU 6c* Schonen. 8»eiter föftematifd)er Seil ber ^fttjetif. brofd). 9R. 8.—, 

geb. 2R. 10.—. 
9a» reliaJSfe Beumfitfein 6er tttenfdtoeit im Stafenganae feiner €nta»i<fefsin0. 

(Srfter $iftorffä*fcitifd)er Seil ber ffieligiongpljilofotfjie. 2. Huff. brofd). 2R. 5.—, 

geb. SR. 7.—. 
9ie tteliajon 6e» «elf*«*. 3tt>eiter füftematifd)er Seil ber 8*eligion3J>§ilofoJ>§ie. 2. Hüft. 

brofd). 9R. 3.—, geb. 2R. 5.—. 
6efammelte Statten nn6 SfoffSfce gemeinverftihrtlic^en 3tif?a!t*. 3. £uff. 

brofd). 2R. 12.—, geb. 9R. 14.—. 
3. $• «. Kirc^mantt* erfenntni#*fce*retif«$er ttealUmu*. ein fritifdjer Beitrag 

jur ©egrünbung be* tran§cenbentaten »JeatiSmuS. brofd). 2R. 2.—. 
Kritifc^e 21>an6erttn0en buvdf 6ie J>hiIofof>^U 6er Gtgtnwart. brofd). SR. 6.—. 
2K*6erne J>rof>feme. 2. 5tuff. brofd). SR. 5.—, geb. SR. 7.—. 
Jtyifofop^iföe fragen 6er «««««wart, brofd). SR. 6.—, geb. SR. 8.—. 
2leufantiani*mtt*, Sc^epenftauerianifttnit* wti6 $e0efiani*mu* in ifcrer Stellung 

jm 6en *>t?llof©f>^ifdj«n ttttfgafren 6er Hegcnwart. 2. Sluff. brofd). 971. 7.—. 
Cefce* Jtyifefoy^ie. brofd). SR. 4.~. 
9a* 6rnn6j>ref»fem 6er CrfenntnUtyeerie, (Sine ptjänomenotogifdje Surdjmanberung 

ber möglichen ertenntmStljeoretifdjen ©tanftpunfte. br. SR. 1.—. 
?tritifd?e 6tm%blcQut%$ 6e* Jran*een6entafen ttealUmu*. (Sine ©idjtung unb %oxU 

bilbung ber ertenntni8tI)eoretifd)en «ßrinatyten ÄantS. 3. Stuff. SR. 1.—. 
9a« 3u6etttam in Hegentvari wn6 £ufunft* 2. 5tuff. brofd). SR. 5.—. 
9ie ttrifi* 6e* Cftriftentum* in 6er me6ernen Cfeeefeaje. 2. 5luf(. SR. 3.—. 
9ie Sel^ftserfe^Mng 6e* Cferiftentam* tin6 6ie HcHgion 6er £ufunft, 3. Stuft. 

brofd). SR. 3.—. 
9er SpiritfontM*. brofd). SR. 3.—. 

After 6ie 6iafeftif4e ntttffcbt. §iftorifd)4ritifd)e Unterfud)ungen. brofd). m. 2.—. 
5«r 4lef(^i<^ie ttn6 9e0r8n6un0 6e* |>effimi«mu». broft^. 3Ji. 3.—. 
gwr ««form 6e« ^S^eren Sc^ufwefenff« broft^. SW. 2.25. 
5tt>cl ^a^rje^nie 6eutfd?cr pclitlt unb 6ie desenwärtige Weltlage, broft^. SR. 6.—. 



Utisgcraöfiffß IBctfir oon f (fuartf uon iarfmaaa. *eun »anbe. 

^8reiä br'oft^. SR. 42.—, eleg. in ^albfranj geb. SR. 60.- 

3fn^alt: SranScenbentaler KealiämuS. ■ 
2)a3 fittlit^e öetoufetfein. — -»5)eutf(^e Äff 
religiöfe »emufetfein. — ^2)ie Keügion be« i 
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Deutfä oon ®ti$tt §tota*+ Dom Derfaffer onrcfoefetfene Ausgabe. 
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2Prof. 9. SPrryer 

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Dr. <$*ttar* **ti g}artttt*Mt. 

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0ktat>. In?. $ttar*t 8.— ♦ 

Der ÜQpnofismus im Oimffo der Staaten und der JftenfA&eil 

OBht tötort an bte ^jegimingjen alitx €uitttrrtöik£r* 

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Qktaxt. bv. Sßflavh l--. 

fhoffflot dt. §. JRrnrfct in Uerlin und der irnmofismas. 

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©arl Wtvfttv, Dr. med. etpkiL, unb ftrtH Jfrit Itel, Dr. phil. 

©Ittat». 4nr. 80 mf» 

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Dr. 3ttt**lf Stottern. 
<2Mt*at>. 4nr. gftartt 8.-. 



Die pfodjoiogifdje flebeutong 
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Dr. ffinrl fr* gtael* 

1. X^ciL C4atfa<4«n an* QtobUm*. Dftato. 6r. 9ttarf. 4-r. 

2. 2$eiL CgpcvimcntalpfY^ologi«. Dftato. 6r. SJtart 4.—. 

9er gcfuiirfc ÄlenfAenoerftand oot den ftooßfemen der JDifTenfdiaff. 

Dr. ffiarl fcit Jt**l. 

©Warn Jbr. Ittark 2.—. 

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